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Tüfteln an Rezepten: Damian Stefaniak (M.) versammelt mit Sylwia Białek, Waldemar Szostak und Edward Białek Schlesienkenner im Sitz der deutschen Gesellschaft Liegnitz (v.r.)
Foto: WagnerTüfteln an Rezepten: Damian Stefaniak (M.) versammelt mit Sylwia Białek, Waldemar Szostak und Edward Białek Schlesienkenner im Sitz der deutschen Gesellschaft Liegnitz (v.r.)

Östlich von Oder und Neiße

Weihnacht der Völker in Liegnitz

„Bombenstimmung“: Zum 30. Mal fanden die Minderheiten bei der Weihnachtstafel zusammen

Chris W. Wagner
23.12.2021

Einmal im Jahr ähnelt der Saal der altehrwürdigen Ritterakademie zu Liegnitz [Legnica] einem internationalen Weihnachtsmarkt. An einer fünf Meter langen Tafel sitzen festlich herausgeputzt Polen, Ukrainer, Russen, Lemken, Armenier, Roma, Griechen, Franzosen sowie Deutsche und feiern Weihnachten. Selbst Juden feiern an diesem Tag die christliche Weihnacht. Sie alle sprechen polnisch und leben in Liegnitz.

Damian Stefaniak ist von Kind auf dabei. Er gehört der Deutschen Minderheit an. Sein Großvater, der 2016 verstorbene Gründer und Vorsitzende der Liegnitzer Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen, Jürgen Gretschel, hatte vor 22 Jahren die Idee dazu. Zusammen mit dem Verein „Frauen für Europa“ hat er 2000 die erste Weihnacht der Völker auf die Beine gestellt.

Deutsche waren damals Gastgeber. „Mein Großvater hat gekocht und gebacken, wir haben gezeigt, wie deutsche Protestanten in Liegnitz feiern, was sie essen, was gesungen wird. Dieses Jahr sind unsere Franzosen Gastgeber und präsentieren ihre Weihnachtsbräuche“, so Stefaniak, der nach dem Tod seines Großvaters das Zepter der Organisation der Deutschen in Liegnitz übernommen hat und zum 30. Gründungsjubiläum erst jüngst den Vorsitz aus der Hand gab.

Auch wenn Stefaniaks Terminkalender als Hotelier aus allen Nähten platzt, bei der Weihnacht der Völker am vierten Adventssonntag dabei zu sein ist für ihn ein Muss. Die Atmosphäre sei einzigartig und „man kann so richtig schlemmen“, sagt er. „Am Ende singen wir ‚Stille Nacht' – jeder in der eigenen Sprache“, merkt er an. Es ist ein wichtiger Abend im Veranstaltungskalender der Stadt, an dem auch der Bürgermeister teilnimmt. „Das zeigt, dass unsere Stadt offen ist, und jeder kann in Liegnitz einen Platz für sich finden“, so Stefaniak.

Locken mit deutschen Rezepten

Gänsebraten an schlesischen Klößen und Rotkohl – damit kitzeln deutsche Liegnitzer die Gaumen bei der Weihnacht der Völker. Und eines darf natürlich nicht fehlen – die Liegnitzer Bombe. „Es ist schade, dass ich die Bomben in Görlitz einkaufen muss, weil man sie in Liegnitz, außer in unserem Hotel, nirgendwo bekommt“, ärgert sich Stefaniak. Für den Eigenbedarf backt der dreifache Vater dieses Küchlein selbst, das Rezept hat er von Großvater Gretschel überliefert bekommen, ebenso wie die Geschichte dazu. „Sie ist zwar eine Kalorienbombe, aber ihren Namen hat sie durch ihr Aussehen bekommen – sie ähnelt tatsächlich einer kleinen Bombe“, sagt er.

Erfunden haben soll sie ein Liegnitzer Bäckergeselle. Er bekam die Aufgabe, etwas Außergewöhnliches zu erfinden, ein Produkt, für das Liegnitz berühmt werden sollte. Außerdem stand für den Gesellen die Hand der schönen Bäckermeistertochter auf dem Spiel. Übermüdet vom vielen Grübeln musste er plötzlich an seine Großmutter in Schreiberhau denken. Sie erzählte ihm oft von Rübezahl und wie dieser Menschen in Not geholfen habe. Der Berggeist des Riesengebirges erschien dem Gesellen im Traum und verriet ihm ein Geheimrezept ... Tatsächlich wurde die Liegnitzer Bombe vom Bäckermeister Eduard Müller 1853 erfunden. In seinem Geschäft in der Frauenstraße 64 [ulica Najswiętszej Marii Panny] verkaufte er sein neues Weihnachtsgebäck. Der tüchtige Kaufmann Franz Mayenburg begann 1884 mit der industriellen Herstellung der Liegnitzer Bomben. Sein Unternehmen produzierte bis zu 10.000 Bomben täglich und sie gingen weg wie warme Semmeln. Aber auch andere Bäcker wie Karl Müller, Bruno Weisbrich oder Alfred Türpitz stellten dieses Weihnachtsgebäck her. Wer vor dem Krieg Liegnitz besuchte, kam nicht umhin, die stilvoll verpackten Leckerein als Souvenir mitzunehmen.

Nach Kriegsende wurden sie in Liegnitz nur noch in privaten Haushalten gebacken, auch im Hause Gretschel. „Großvater hatte ein echtes Händchen dafür. Als Kind durfte ich zusehen, und heute backe ich sie für meine Frau und unsere drei Kinder“, berichtet Stefaniak stolz und ist sich sicher, dass die Tradition mit ihm nicht ausstirbt. Und wer weiß, vielleicht findet sich irgendwann wieder ein Liegnitzer Bäckergeselle, der um die Hand seiner Angebeteten mit Liegnitzer Bomben werben muss. Derzeit wächst im Hause Stefaniak Töchterchen Zoe heran.


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Kommentare

sitra achra am 03.01.22, 16:17 Uhr

Es ist ja klar. Nachdem die dortigen Deutschen ermordet oder vertrieben waren, wurde der ethnisch bereinigte Raum mit allerlei Völkerschaften aufgefüllt. So wie das in den anderen Vertreibungsgebieten der Fall war.
Viele von den "Neusiedlern" waren selbst Opfer polnischer Verfolgung und Vertreibung, so wie ein Großteil der in Südostpolen traditionell siedelnden Ukrainer und Lemken. Ich habe selbst ihre Klagen und Berichte über diese grausamen Pogrome und Zwangsumsiedlungen anhören müssen. Gerade diese Schicksalsgenossen der Deutschen haben mir unaufgefordert ihre tiefe Anteilnahme an dem Martyrium der Deutschen zu jener Zeit ausgesprochen!
Mein besonderer Dank gilt ihnen.

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