03.07.2020

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Kunst und Kultur

Wenig Vertrauen in die Hauptstadt

Nach dem Corona-Schaden droht Berlins Kultur ein weiterer Verlust. Prominente Sammler kehren der Stadt den Rücken zu

Norman Hanert
28.05.2020

Des Umstands, dass der Stadt Konzerne von Weltruf und große Bankhäuser fehlen, haben Berliner Landespolitiker bislang oft mit dem Verweis auf ein reiches kulturelles Leben in der deutschen Hauptstadt gekontert. Dieses Selbstverständnis wird nun abrupt in Frage gestellt:

Mehrere private Kunstsammler haben angekündigt, mit ihren Sammlungen Berlin wieder verlassen zu wollen. Für internationales Aufsehen sorgte die Ankündigung von Friedrich Christian Flick, seine Sammlung mit Gegenwartskunst im September 2021 aus Berlin abzuziehen und sie wieder in die Schweiz zu bringen (die PAZ berichtete).

Flick hatte 2003 mit den staatlichen Museen einen Leihvertrag abgeschlossen, der im Herbst 2021 ausläuft und von Flick nicht verlängert wird. Der Sammler zieht damit die Konsequenz aus Querelen um den Ausstellungsort. Mit wechselnden Ausstellungen war die Sammlung bislang im Berliner Museum „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart" untergebracht. Als Ausstellungsfläche hatte Flick auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände für acht Millionen Euro die sogenannten Rieck-Hallen umbauen lassen.

Als im Jahr 2007 das bis dahin bundeseigene Bahngelände zum Verkauf stand, verpassten das Land Berlin und auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK)allerdings die Chance, sich das Areal langfristig zu sichern. Die nördlich des Berliner Hauptbahnhofs gelegenen Hallen gingen zum Jahreswechsel 2007/2008 an eine österreichische Immobiliengesellschaft. Für das Areal des Hamburger Bahnhofs besteht dadurch nur ein Mietverhältnis.

Mit der Aufwertung des Viertels in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs zur Europacity war zudem bereits seit Jahren voraussehbar, dass sich die innerstädtische Fläche weitaus lukrativer verwerten lässt, wenn sie mit Büros und anderen Gewerbeimmobilien bebaut wird. Inzwischen muss sich die Berliner Landespolitik und auch die SPK den Vorwurf gefallen lassen, die Sicherung einer langfristigen Standortgarantie für die Rieck-Hallen verschlafen zu haben. Auch die Versuche, den Kunstsammler Flick mit einem Neubau zu einer Verlängerung seines Leihvertrages zu bewegen, sind offenkundig fehlgeschlagen.

Rückzug zweier weiterer Sammler

Die SPK verliert mit der Entscheidung des Sammlers ihre wichtigste Sammlung zeitgenössischer Kunst. Die „Flick-Collec­tion" umfasst etwa 2500 Arbeiten, unter anderem Werke von Andy Warhol, Robert Ryman und den Konzeptkünstlern Bruce Nauman und Sol LeWitt. Bereits vor Jahren schätzten Kunstexperten den Wert der Sammlung auf mehrere hundert Millionen Euro. Als neuer Ausstellungsstandort wird immer wieder das Kunsthaus Zürich genannt. Möglicherweise kann sich aber auch das Kunstmuseum Bern Hoffnungen machen. Der 75-jährige Flick bewohnt seit Jahrzehnten ein Chalet im Berner Oberland. Neben Flick kündigte auch Thomas Olbricht seinen Rückzug aus der deutschen Hauptstadt an.

Olbricht, einer der wichtigsten deutschen Sammler, hatte in Berlin die private Kunsthalle „Me Collectors Room" finanziert. Der Wella-Erbe will die Räume an der Berliner Auguststraße schließen und plant eine Rückkehr nach Essen.

Mittlerweile komplettiert eine dritte Rückzugsankündigung den Rufschaden für die Kunststadt Berlin. Auch Julia Stoschek schließt Ende 2022 ihr Kunsthaus in der Leipziger Straße mit rund 850 Werken aktueller Medienkunst. Wie bei der Flicksammlung spielt auch im Fall der Kunstsammlerin Julia Stoschek die ungesicherte Perspektive für den Ausstellungsstandort eine entscheidende Rolle.

Die Unternehmenserbin Stoschek hatte viel Geld in die Hand genommen, um das von ihr genutzte ehemalige Tschechische Kulturzentrum als Medienkunsthaus nutzen zu können. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben als Besitzerin des Hauses lehnt einen Verkauf ab und will nach einer Außensanierung des Gebäudes weit mehr Miete als bisher.

Für Berlin und auch den Bund kommt der Abzug wichtiger privater Sammlungen aus der deutschen Hauptstadt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die Corona-Krise reißt Milliardenlöcher in die Haushaltsplanungen. Für die kommenden Jahre ist so bereits absehbar, dass der Staat im Kulturbereich vermutlich eher zum Rotstift als zum Scheckheft greifen wird.

Derzeit bringt die Corona-Pandemie für Museumsbesucher allerdings einen positiven Effekt mit sich. Das Ausbleiben von Touristen und Schulklassen bietet Kunstinteressierten nämlich derzeit die Möglichkeit, die Landschaftsgemälde Caspar-David Friedrichs in der Alten Nationalgalerie einmal in ungewohnter Ruhe und ohne Gedränge betrachten zu können. Kehrseite dieses Luxus ist allerdings, dass staatlichen wie privaten Museen und Galerien Einnahmen fehlen.



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