24.01.2026

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Moderne Kuhglocke: Ein Laut ertönt, wenn sich die Kuh dem virtuellen Weidezaun nähert
Bild: KI generated by ChatGPTModerne Kuhglocke: Ein Laut ertönt, wenn sich die Kuh dem virtuellen Weidezaun nähert

Agrartechnik

Wenn die Kuhglocke digital erklingt

Computertechnologie für glückliche Kühe – Das Weidevieh wird per App darauf konditioniert, virtuelle Grenzen nicht zu übertreten

Stephanie Sieckmann
24.01.2026

Landwirtschaft und moderne Technologie, das sind für viele Menschen zwei völlig verschiedene Welten. Das stimmt schon längst nicht mehr. Die moderne Technologie revolutioniert die Landwirtschaft. Multispektralkameras helfen, Pflanzenstress früh zu erkennen. Feldroboter säen oder zerhacken Unkraut. Trecker und Mähdrescher sind heute Computer auf Rädern: Manche Modelle verfügen über 16 Kameras für den Rundumblick und teilautomatisierte Wendemanöver. Es gibt Mähdrescher mit Echtzeit-Erkennung der Erntequalität und Sensoren zur Analyse der Nährstoffzusammensetzung.

Neu und innovativ ist dagegen die Idee, Weidehaltung mit einem virtuellen Zaun umzusetzen. Wie das funktioniert? Jedes Tier einer Herde, zum Beispiel eine Kuh, bekommt einen Transponder um den Hals, der über eine App oder eine Web-Anwendung angesteuert werden kann. Der Landwirt legt per Handy oder am Laptop das Gebiet fest, auf dem die Herde sich bewegen darf. Fertig ist der virtuelle Zaun. Nähert sich ein Tier der optisch nicht markierten Grenze, ertönt ein akustisches Signal, das in zunehmender Lautstärke wiederholt wird, wenn sich das Tier dem Zaun weiter nähert. Ignoriert die Kuh den Signalton und geht weiter in Richtung Zaun, wird schließlich beim Übertreten der Grenze ein leichter elektrischer Impuls ausgelöst. Dieser soll, so die Angaben von Herstellern und Forscher, deutlich geringer ausfallen als bei einem herkömmlichen, unter Strom stehenden Zaun.

Entwickelt worden sind die ersten Modelle der virtuellen Zaun-Apps in Norwegen und Australien. Die Idee der virtuellen Zäune ist inzwischen aber auch an verschiedenen anderen Orten getestet worden. Modelle, die mittels Funk-Datenübertragung arbeiten, haben sich in bergigen Regionen wie Österreich und der Schweiz aufgrund der Funklöcher als nicht praktikabel erwiesen. Varianten, die auf GPS-Tracker setzen, sind jedoch auch in diesen Gebieten gut anwendbar. Das Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Belange in der Schweiz Agroscope hat drei Jahre lang den Einsatz getestet. In Österreich wurde das Projekt „Virtueller Zaun Ziege“ durchgeführt. An der Universität Göttingen erforschten Experten unter dem Titel „GreenGrass“ das virtuelle Zaunsystem. Das Ergebnis wurde durchgehend als positiv bewertet.

Die Studien aus der Schweiz und vom Team in Göttingen konnten zeigen, dass Rinder sehr schnell lernen, wie das System funktioniert. Bereits nach drei Tagen hält die überwiegende Anzahl der Tiere die unsichtbaren Grenzen ein. Auch bei einer Veränderung der Zaunlinie per App haben die Tiere schnell heraus, wo sie sich aufhalten dürfen. Die ausgelösten Stromreize nahmen nach wenigen Tagen deutlich ab, die akustischen Signale nahmen zu. Der Ton wird für die Kuh zum Zaunmeldesystem.

Weidefläche wird flexibel verändert
Ein Vorteil für den Landwirt ist es, die Position der einzelnen Tiere seiner Herde über die App im Blick zu haben. Das Ausbrechen eines Tieres durch Überschreiten der festgelegten Weideflächengrenze wird umgehend angezeigt. Die exakte Position wird übermittelt und der Tierhalter weiß, wo er nach dem Tier suchen kann. Wichtig für das Tierwohl ist: Der Stromreiz wird für das Tier ausgesetzt, um dauerhaften Stress zu vermeiden.

Für Gebiete mit großen Weideflächen stellt der Einsatz eines virtuellen Zauns eine große Erleichterung dar. Tägliche Zaunkontrollen entfallen, und die Materialkosten für das Errichten neuer Zäune können eingespart werden. Dazu kommt: Das Weidemanagement wird flexibler. Der Landwirt kann schnell reagieren, wenn durch große Regenmengen ein Teil der Flächen zu nass für die Beweidung ist. Stellt er fest, dass die Weide abgegrast ist, kann er mit ein paar Handgriffen per App die Fläche verändern, sodass Kühe, Ziegen oder Schafe einen anderen Teil beweiden können.

Besonders für Schafe und Ziegen, die einzelne Parzellen nacheinander beweiden, ist der Einsatz der virtuellen Zäune von Vorteil – jedenfalls dort, wo sie nicht vor dem Wolf beschützt werden müssen. Bislang müssen die mobilen Zäune regelmäßig umgesetzt werden. Das gleiche gilt für schwer zugängliche Weideflächen wie steile Hanglagen, Waldweiden oder Feuchtwiesen, die das Errichten fester Zäune erschweren oder unmöglich machen und die aktuell aufgrund dessen nicht als Weide genutzt werden können. Ein weiterer Pluspunkt ist die Auswirkung von virtuellen Zäunen auf den Natur- und Artenschutz. Vogelbrutplätze und junge Baumanpflanzungen können von der Beweidung ausgespart werden, ohne dass Zäune gezogen werden müssen.

Während die Schafzüchter in Australien und Neuseeland die App bereits einsetzen, gibt es in anderen Ländern Probleme mit den Tierschutzbestimmungen. Auch in Deutschland ist der Einsatz von virtuell gesteuerten Zäunen nicht zulässig. Das deutsche Tierschutzgesetz regelt in Paragraph 3 Nr. 11, dass der Einsatz von Stromreizen zur Verhaltenssteuerung verboten ist, wenn dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen können. Trotz der positiv ausgefallenen Testergebnisse fällt der Einsatz von Halsbändern, über die Stromstöße ausgelöst werden können, noch unter das Verbot.

Damit in Deutschland das virtuelle Zaunsystem eingesetzt werden kann, müsste das Tierschutzgesetz entsprechend überarbeitet und geändert werden. Dann könnten auch bayerische Kühe den Weidegang auf der Alm mit ihren GPS-Trackern genießen und norddeutsche Schafe die Deiche beweiden, ohne dass eiserne Gatter und mobile Zäune zum Einsatz kommen müssen.

Die Frage, die bislang noch nicht von Studien berücksichtigt wurde, lautet: Wie verhalten sich Herden, wenn sie sich gestört oder angegriffen fühlen? Wanderer werden eine Wiese nicht als Weide erkennen, wenn der optisch wahrnehmbare, physische Zaun fehlt. Immer wieder gibt es Berichte über Kühe auf der Alm, die Wanderer angreifen, wenn sie sich gestört fühlen. Ein weiteres Thema sind freilaufende Hunde oder auch vereinzelt Wölfe, die eine Herde in Aufruhr versetzen. Ein akustisches Signal allein wird die Herde dann wohl nicht mehr innerhalb der Grenzen halten.


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