12.08.2020

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

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Schwerer Anfang: Alles begann in einer Baracke an der Hamburger Wallstraße, die zum Zentrum der Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde
Archiv PAZ/OBSchwerer Anfang: Alles begann in einer Baracke an der Hamburger Wallstraße, die zum Zentrum der Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde

Die Anfänge von OB und PAZ

Wie alles begann...

Vor zehn Jahren blickte die unvergessene Autorin Ruth Geede, Ostpreußenblatt- und PAZ-Autorin der ersten Stunde, auf die Anfänge dieser Zeitung zurück. Zum 70. Jahrestag veröffentlichen wir den Beitrag leicht gekürzt noch einmal

Ruth Geede
03.04.2020

Ein Jubiläum ist mehr als ein Besinnen auf das Erreichte, Dankbarkeit für das trotz mancher Widerstände erhalten Gebliebene und die Verpflichtung für ihr Bewahren in einer noch ungewissen Zukunft. Man sieht erst beim Abschreiten der zurücklegten Strecke, wie lang der Weg ist und welche Schwierigkeiten zu meistern waren.

Unsere alten, treuen Bezieher, die seit der ersten Stunde dabei sind, haben das Ostpreußenblatt beziehungsweise die Preußische Allgemeine Zeitung in den vergangenen 60 Jahren auf ihrem langen Weg begleitet. Für unsere neuen Leser wird es interessant sein, dass diese Wochenzeitung auf eine 60-jährige Geschichte zurückblicken kann, wie sie nicht viele deutsche Presseorgane vorweisen können. Das liegt an dem guten Fundament, auf dem sie einst gegründet wurde, und das heißt „Ostpreußen". Und als Ostpreußenblatt erschien sie am 5. April 1950 in dem damals noch dünn besetzten Pressespiegel der erst kurz zuvor gegründeten Bundesrepublik Deutschland, ein Titel, den sie noch heute unter dem Mantel der PAZ trägt.

Anfänge aus einem Krater der Unwissenheit

Wenn man rückblickend sagen würde, sie füllte damals eine klaffende Lücke aus, dann wäre das nicht richtig. Das Gegenteil war der Fall: Sie wuchs aus einem tiefen Krater der Unwissenheit über das Schicksal von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen. Durch ein striktes Verbot unterbanden die Besatzungsmächte bis zum Jahr 1947 jegliche Vereinigung von Deutschen, die im Osten ihre Heimat verloren hatten. 

Die Geburtsstunde der Landsmannschaft Ostpreußen schlug am 3. Oktober 1948 in der Hamburger Elbschlossbrauerei, am 8. März 1950 erfolgte die Eintragung in das Vereinsregister des Amtsgerichts Hamburg. Es erwies sich als notwendig, der Landsmannschaft ein Verbandsorgan in die Hand zu geben, das zugleich Organisationshilfe wie Plattform für die Zusammenfindung der Vertriebenen war. Es hatte schon vorher einige Publikationen gegeben; aber unliebsame Umstände, die sogar zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führten, zwangen dazu, eine neue Zeitung als einziges Verbandsorgan herauszubringen. Allerdings gab es auch Skeptiker, die einer Vertriebenenzeitung kein langes Leben voraussagten. 

Aber bereits im März 1950 erschien eine Probenummer mit dem Titel Das Ostpreußenblatt und dem Wappen mit der Elchschaufel – Schriftzug und Emblem sind bis heute geblieben! In jener Testausgabe gibt der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Dr. Ottomar Schreiber, der Hoffnung Ausdruck, „dass das Ostpreußenblatt uns auf einen Weg begleiten wird, der gekennzeichnet ist durch ein immer engeres Zusammenrücken der Glieder unserer ostpreußischen Schicksalsgemeinschaft und durch eine nachhaltige Besserung der Lage der Heimatvertriebenen in Westdeutschland".

Erfolgreicher Testlauf

Die Probenummer zeigte erste Beiträge zu diesen Themen wie einen Bildbericht aus dem Lager Friedland, wo der erste Zug aus den polnisch besetzten Ostgebieten eingetroffen war – allerdings aus Schlesien, nicht, wie erhofft, aus Ostpreußen –, Informationen über neue Gesetze, Berichte aus der Arbeit der Landsmannschaft und der örtlichen Zusammenschlüsse, aber auch kulturelle Beiträge von ostpreußischen Autoren und den Bericht einer Königsbergerin, die als Speicherarbeiterin unter den Russen geschuftet hatte und somit authentische Informationen über diese ersten Nachkriegsjahre in der besetzten Stadt vermitteln konnte. Der nächste Teil ihrer Erlebnisse sollte dann in der ersten offiziellen Ausgabe der Zeitung erfolgen, eine Fortsetzungsgeschichte also – vielleicht trug dies dazu bei, dass die Nr. 1 dann nicht im geplanten Umfang von 32, sondern mit 48 Seiten erschien. Der 5. April 1950 wurde dann zur offiziellen Geburtsstunde des Ostpreußenblattes.

Die Erstausgabe hielt, was die Probenummer versprochen hatte: Sie zeigte sich als Spiegel und Sprachrohr der Schicksalsgemeinschaft der vertriebenen Ostpreußen und als Bewahrer der Geschichte und Kultur der Heimat mit Beträgen bekannter Schriftsteller und Historiker. Als einziges Organ der Landsmannschaft informierte das Ostpreußenblatt seine Leser über die bisher geleistete Arbeit und die aktuellen Probleme der Flüchtlinge. Es erwies sich aber auch schon als Sammelbecken der Suchwünsche, denn die meisten Familien mussten Vermisste und Verschleppte beklagen. Und so begann das große Suchen unter dem Titel: Vermisst, verschleppt, gefallen!

Redaktionsarbeit auf kleinstem Raum

Keiner kann sich heute die organisatorischen und räumlichen Schwierigkeiten vorstellen, unter denen die Realisierung überhaupt ermöglicht wurde. Geschäftsstelle wie Redaktion und Vertrieb waren in den Wohnräumen der Verantwortlichen untergebracht. In der Einzimmerwohnung des Geschäftsführers der Landsmannschaft, Werner Guillaume, waren bis zu acht Mitarbeiter tätig, was auch bei seiner sonst so ruhigen Ehefrau Magdalena – kurz „die Landesmutter" genannt – die Nerven blank legte. Der Vertrieb der Zeitung befand sich ebenfalls in der Privatwohnung des zuständigen Leiters C. E. Gutzeit, einschließlich des Kellers, aber nicht mehr lange.

Kurz bevor die Nr. 1 erschien, war die Landsmannschaft in eine Holzbaracke gezogen, die mitten in einer Trümmerlandschaft unweit der Außenalster am Berliner Tor lag. Eine schadhafte Bretterbude, aber die dort einzogen, hatten ja auf der Flucht oder in Gefangenschaft noch ganz andere Unterkünfte erlebt. So gut es ging, versuchte man die Räume bewohnbar zu machen, was in diesem Fall „betriebsfähig" bedeutete. Aber die Arbeitsbedingungen blieben hart: Im Sommer knallte die Sonne unbarmherzig auf das Wellblechdach, im Winter verwandelte der Frost die Baracke in eine Eishölle. Zwar bullerten in den Kanonenöfen die von den Mitarbeitern mitgebrachten Briketts und Holzscheite, aber sie ließen nur kurze Zeit die Öfen glühen. Durch die klapprigen Fenster zog es wie die Pest. 

In den engen Räumen konnte man sich kaum bewegen, weil alles mit Tischen und Stühlen vollgestellt war, auf denen Papierstapel und Bücherberge lagen, denn inzwischen war auch die Redaktion eingezogen. Die hatte sich bis dahin in der Privatwohnung des ersten Chefredakteurs des Ostpreußenblattes, Martin Kakies, befunden, der sich für das Ostpreußenblatt als Glückfall erwies. Denn er war nicht nur als ehemaliger Chefredakteur des „Memeler Dampfboot" ein versierter Zeitungsmacher, sondern auch ein großartiger Schriftsteller. Weit bekannt war er durch seine Elchgeschichten geworden, das „Buch vom Elch" mit einzigartigen Aufnahmen wie die von dem in der Brandung der See tobenden Elch wurde zum Bestseller. 

Sein Name erschien allerdings nicht im Impressum, das suchte man vergebens, allein die Vertriebsanschrift war angegeben. Das Ostpreußenblatt war eben als Organ der Landsmannschaft als kleinformatiges Mitteilungsblatt konzipiert, das zu einem Bezieherpreis von 0,61 D-Mark zweimal im Monat erschien. Aber die Auflage stieg und stieg und Ende des Jahres 1950 konnten 58.475 Abonnenten gemeldet werden. Noch ahnte man allerdings nicht, dass sich dieses Blatt in wenigen Jahren zu einer der größten deutschen Wochenzeitungen entwickeln würde, nach Umfang und Auflage zur größten Zeitung der Vertriebenen überhaupt.

Mittelpunkt des ostpreußischen Lebens

Das konnte aber nur geschehen, weil sich die Landsmannschaft aus den Zwängen der Baracke befreite, als die Zustände für die dort Beschäftigten unerträglich geworden waren. Vor allem für die Redaktion, für die das ständige Kommen und Gehen der Besucher ein konzentriertes Arbeiten unmöglich machte. Deshalb brannten bis in die späten Nachtstunden die über den alten Holztischen hängenden Glühbirnen, klapperten die alten Schreibmaschinen. Allerdings hatte der ständige Besucherstrom auch einen Vorteil für die Redakteure: Sie bekamen viele Informationen, Erlebnisberichte und Mitteilungen geradezu ins Haus geliefert.

Längst war die Baracke zum Treffpunkt der Vertriebenen und zum Ort des Wiedersehens geworden. Interviewpartner kamen gerne und freiwillig, Aussiedler und Spätheimkehrer konnten als authentische Zeitzeugen befragt werden, schon sesshaft gewordene Vertriebene berichteten von ihrer Aufbauarbeit. Und dann immer das große Suchen, das dazu führte, dass Seiten um Seiten mit Einzel-Suchanzeigen gefüllt werden mussten und im redaktionellen Teil die Rubriken, die sich mit diesen Problemen beschäftigten, umfangreicher wurden. Diese Entwicklung trug dazu bei, dass die Bezieherzahl ständig wuchs: Ende der Jahres 1953 überstieg das Ostpreußenblatt mit 100.085 Postbeziehern die Grenze der Hunderttausend. Nunmehr im Zeitungsformat und als Wochenzeitung.

Ein neues Domizil 

Es dauerte noch einmal drei Jahre, bis die Landsmannschaft in ein eigenes Haus in der Hamburger Parkallee ziehen konnte: Am 15. März 1956 übersiedelte somit auch die Redaktion in die hellen Räume des Stadthauses in der ruhigen Straße und konnte ihre Arbeit nun unter ganz anderen Bedingungen weiterführen.

Das zeigte sich auch in der Gestaltung des Blattes, das mit einer ständigen Beilage „Wir jungen Ostpreußen" und mit der monatlichen „Berliner Beilage" erweitert wurde. Das geschah noch unter der Ägide des Hauptschriftleiters Martin Kakies, der das Blatt von den bescheidenen Anfängen als Organ der Landsmannschaft zur auflagenstarken Wochenzeitung redaktionell geführt hatte. Als er 1959 ausschied, hatte das Ostpreußenblatt eine Druckauflage von fast 128.000 erreicht. Zum zehnjährigen Bestehen im April 1960 schrieb Dr. Alfred Gille, Nachfolger von Dr. Ottomar Schreiber im Amt des Sprechers: „Um all unsere Aufgaben, Wirkungen und Hoffnungen geht es, wenn wir vom Ostpreußenblatt sprechen. Es trägt und hält unsere Gemeinschaft, es kämpft für unsere Heimat und schafft uns die wirtschaftliche Unabhängigkeit." 

Unvergessene Autoren

Dem Memelländer Martin Kakies, einer sehr ausgeprägten, dominierenden Persönlichkeit, folgte der bisherige politische Redakteur Eitel Kaper. Ein ernster Mann mit großem Wissen und Fleiß, der mit sicherer Hand die Redaktionsarbeit lenkte. Die heitere Komponente brachte eine Frau mit ein: Ruth Maria Wagner, die in Königsberg und Berlin als Rundfunkredakteurin in leitenden Positionen gearbeitet hatte. Sie sollte mit ihrem Wissen, Können und einer großen Heimatliebe 20 Jahre lang dem Ressort Kultur/Unterhaltung/Frauen vorstehen und viel zur Erhaltung ostpreußischen Kulturgutes beitragen, eine wichtige Aufgabe, die später Silke Osman weiterführte – bis heute.

Auch Erwin Scharfenorth brachte seine fundamentalen Kenntnisse über ostpreußische Geschichte und Volkskunde mit ein, die er in wie mit leichter Hand geschriebene Erzählungen umsetzte. Leider verstarb er − wie Hans-Ulrich Stamm und Friedrich Ehrhardt, der Vater der „Ostpreußischen Familie" – viel zu früh, sie alle hinterließen spürbare Lücken. Einen hervorragenden Mitarbeiter fand man in dem Schriftteller Paul Brock, dem bekannten Romanautor, der vor allem das Feuilleton mit seinen ostpreußischen Städteporträts und Landschaftsschilderungen bereicherte.

Viele Namen wären zu nennen, die das Blatt in der „Ära Kaper" mitprägten und die sich auch in die folgende einbrachten, die nun ein Mann mit voller Präsenz ausfüllte: Hugo Wellems. Ein Vollblutjournalist, der als Chefredakteur in fast drei Jahrzehnten kraftvollen Wirkens dem Ostpreußenblatt seinen Stempel aufdrücken sollte. Er war Rheinländer – aber das tat dem Ostpreußenblatt gut, so stellte jedenfalls der damalige Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegssachgeschädigte, Heinrich Windelen, fest. Er dokumentierte dies in seinem Vorwort zur Festschrift „25 Jahre für Deutschland" mit dem Satz: „Man hörte die Stimme der Ostpreußen also auch in Bonn, und zwar sehr genau."

Wie der damalige NRW-Ministerpräsident Kühn bewies, der auf einer Plenarsitzung das Ostpreußenblatt zitierte und es mit dem Kommentar attackierte: „Solange ich an der Spitze stehe, werden Blätter, die so etwas veröffentlichen, keinen Pfennig aus öffentlichen Mitteln bekommen." Darauf könne das Ostpreußenblatt auch gut und gerne verzichten, wie Windelen kommentierte. Und er bescheinigte der Zeitung eine unabhängige politische Meinung, „die man sicher als konservativ, aber von preußischen Idealen getragen bezeichnen kann".

Kontakte zu Politik, Wissenschaft und Kunst 

Der Minister war gerne Gast in dem Haus in der Parkallee wie viele andere Besucher aus Politik, Wissenschaft und Kunst. Wellems bestimmte mit seiner selbstbewussten Art das Geschehen. Dafür mag eine kleine Episode stehen, die sich als Anekdote in die Zeitungsgeschichte eingeschrieben hat. Sie geschah im Jahr 1978, als der Präsident der Paneuropa-Union Otto von Habsburg und Prinz Louis Ferdinand von Preußen anlässlich einer Feier der Landsmannschaft Ostpreußen in der Parkallee weilten. Kein großer Empfang, keine lange Laudatio. Da auch der Inhaber der Klischeeanstalt Kaiser eingeladen war, eröffnete Wellems die Feier mit den Worten: „Ich begrüße Sie heute zu einem Drei-Kaiser-Treffen!" Weder der Habsburger noch der Hohenzoller nahmen das übel!

Während der „Ära Wellems" fiel auch der Eiserne Vorhang, und damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Ostpreußenblattes, an dem er bis zu seinem Abschied im Jahr 1995 mitschrieb. Noch einmal begann das große Suchen und Finden, das Ostpreußenblatt wurde zum engagierten Vermittler, zum verlässlichen Helfer, zur Brücke vom Heute zum Einst.

Der Artikel erschien unter der Überschrift „Allen Skeptikern zum Trotz" in der Sonderbeilage „60 Jahre Ostpreußenblatt/PAZ" zur PAZ Nr. 13/2010.

 

• Ruth Geede (bürgerlich Ruth Vollmer-Rupprecht) wurde 1916 in Königsberg in Königsberg geboren. Unter ihrem Geburts- und Autorennamen Ruth Geede arbeite sie seit ihren Kindertagen als Schriftstellerin und Journalistin. So arbeitete sie schon in jungen Jahren als freie Autorin für den Reichssender Königsberg und setzte sich dort für den Erhalt der ostpreußischen Mundart ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie für die „Lüneburger Landeszeitung". Seit 1950 schrieb sie regelmäßig Artikel und Geschichten für das Ostpreußenblatt und später die Preußische Allgemeine Zeitung, darunter die Kolumne „Ostpreußische Familie". Ruth Geede schrieb auch noch mit über 100 Jahren regelmäßig, bis sie im April 2018 als älteste aktive Journalistin der Welt verstarb.



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