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Hermann Schulz: „Ich kenne keine Hutu und keine Tutsi, ich kenne nur Menschen. Und Gott kennt nur Menschen“
Foto: Tom BaerwaldHermann Schulz: „Ich kenne keine Hutu und keine Tutsi, ich kenne nur Menschen. Und Gott kennt nur Menschen“

Hermann Schulz

Wie ein Missionar aus Ostpreußen den Völkermord in Ruanda erlebte

Vor 30 Jahren verübten Hutus den hunderttägigen Genozid an den Tutsi. Vor 85 Jahren wurde der Salesianerpater als Sohn eines deutschen Protestanten und einer litauischen Katholikin in Memel geboren

Bodo Bost
28.04.2024

Hermann Schulz wurde am 29. Oktober 1939 im ostpreußischen Memel geboren. Sein Vater Hans Schulz war ein protestantischer Deutscher, seine Mutter Else Schulz eine katholische Litauerin. Seine Großmutter Elena Mockienė stammte aus Abakai. Im Sommer 1944 verließ die Familie ihre Heimat per Schiff nach Pommern. Dort kam sein Vater vor den Augen der beiden Kinder durch einen Bombensplitter ums Leben.

Die ersten Jahre als Flüchtlinge in Westdeutschland waren eine schreckliche Zeit der Tränen, des Hungers und der Kälte. Die Witwe mit ihren zwei kleinen Kindern musste betteln. Die Familie fand in Emlichheim im Landkreis Grafschaft Bentheim im heutigen Bundesland Niedersachsen Aufnahme. Dort besuchten Hermann und sein älterer Bruder Erik die Grundschule und später das litauische Gymnasium bei Lampertheim im südhessischen Kreis Bergstraße. Der Unterricht fand dort zu einer Hälfte auf Deutsch, und zur anderen auf Litauisch statt.

Dieses Gymnasium wurde hauptsächlich von Kindern wohlhabender Eltern besucht. Sie verspotteten die Neuankömmlinge, weil sie in abgetragenen Kleidern zur Schule kamen und weil sie barfuß waren, da ihre Mutter ihnen keine Schuhe kaufen konnte.

Schulz fühlte sich zum Priestertum hingezogen. Aber seine Bewerbungen scheiterten zunächst am Geld. Er ging nach Italien und trat in den Orden der Salesianer ein. Er studierte Pädagogik, Philosophie und Theologie. 1968 wurde er zum Priester geweiht und ging als Kaplan zum Praktikum drei Jahre lang an das litauische Gymnasium in Lampertheim, dessen Schüler er einst war.

Nach den Kaplansjahren in Lampertheim ging er für seinen Orden in die Großstadtseelsorge nach Sao Paulo in Brasilien und 1979 dann nach Ruanda, das Land der tausend Hügel, das dichtbesiedelste und katholischste Land Afrikas, in dem selbst die Hauptstadt Kigali noch wie ein riesiges Dorf wirkt. In Musha gründete Schulz eine neue Pfarrei. Er baute eine Kirche mit einer Landwirtschaft zum Unterhalt der Menschen. Als 1982 das Bundesland Rheinland-Pfalz und Ruanda Partner wurden, gehörte Schulz, der den damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, bei dessen offiziellem Staatsbesuch im Partnerland begleitete, zu den ersten Förderern der neuen Partnerschaft, die zunächst stark kirchlich geprägt war.

Pionierarbeit in Ruanda
Schulz wurde auch der erste offizielle Seelsorger der deutschen Gemeinde in Ruanda, die entstand, da infolge der Partnerschaft immer mehr deutsche Entwicklungshelfer mit ihren Familien nach Ruanda kamen. Immer wenn ein Staatsbesuch aus Deutschland kam, wurde auch Hermann von der deutschen Botschaft eingeladen. Diese Kontakte konnte Schulz für seine Bautätigkeiten nutzen. Sogar die Bundeswehr half, und die ersten privaten Spenden trafen ein.

So entstand in 60 Kilometer Entfernung von der Landeshauptstadt das Dorf Umudugudu. Das Dorf bekam durch Schulz ein Pflegeheim, eine Turnhalle und eine Handwerksschule. Viele seiner Schützlinge schickte er nach dem Ende der Sowjetherrschaft auch zur Ausbildung nach Litauen, um später wieder nach Afrika zurückzukehren. Auch seine Mutter lud er ein, nach Ruanda zu kommen, wo sie auf dem Jugendhof aushalf. Als sie Krebs bekam, ging sie jedoch nach Litauen zurück, wo sie starb.

Zehn Jahre lang hatte der Salesianerpater Kraft, Geld und Idealismus investiert – dann fiel sein Werk 1994 dem Völkermord an den Tutsi zum Opfer. Einer litauischen Zeitung erklärte Schulz, dass die Mörderbanden aus den Reihen der die Mehrheit der Bevölkerung stellenden Hutu von französischen Wirtschaftsbossen und dem damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterand aufgestachelt worden seien. Fakt ist, dass der ruandischen Regierung zufolge ein Report vorliegt, der 20 französischen Militärangehörigen sowie zwölf Politikern – darunter neben Frankreichs Präsidenten von 1981 bis 1995 auch dessen Premier und Außenminister von 1993 bis 1995, Édouard Balladur und Alain Juppé – eine führende Rolle bei der Durchführung der Massaker zuweist.

UN-Soldaten retteten ihn
Schulz selbst überlebte den Völkermord, der hundert Tage, vom 7. April bis Mitte Juli 1994 dauerte, nur aus dem Grunde, dass er von Soldaten der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen für Ruanda (UNAMIR) gerettet und versteckt wurde. „Ich habe mich in der Savanne versteckt, mit Mördern auf der einen und Krokodilen auf der anderen Seite“, so Schulz. Den Truppen der UNAMIR wurde später Versagen vorgeworfen, weil sie sich zurückgezogen hatten. Verantwortlich für UN-Auslandseinsätze war zu diesem Zeitpunkt der spätere Generalsekretär der Vereinten Nationen und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan. Eine Million Menschen wurden umgebracht, dreimal so viele mussten flüchten.

Nach zwei Monaten kehrte Schulz mit dem Tutsi Paul Kagame, dem neuen starken Mann, der den Bürgerkrieg gewonnen und den Genozid beendet hatte, aus Uganda nach Ruanda zurück. Als er in sein Jugenddorf kam, waren nur noch zwölf seiner 120 Schützlinge am Leben. In der von ihm erbauten Kirche, in der 300 Menschen Schutz gesucht hatten, lagen 300 Leichen. Schulz war einer der ersten, die darüber im deutschen Fernsehen berichteten. Annan brauchte vier Jahre, um sich zu entschuldigen, Frankreich 25 Jahre.

Schulz sammelte viele seiner Schützlinge in ihren Verstecken im Busch wieder ein, aus seinem Jugend- wurde ein Waisendorf. Mehrere hundert Waisen haben hier ein neues Zuhause gefunden und bekamen Möglichkeiten zur schulischen und beruflichen Ausbildung. Im Jahr 2001 wurde auf Initiative von Schulz mit Hilfe des Salesianerordens ein Gymnasium eingerichtet, das heute von 400 Schülern besucht wird.

Besuch im Memelland
Nachdem Litauen seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, hat Schulz auch seine Heimat im Memelland wieder öfters besucht. Er bekam sogar das von den Bolschewisten enteignete 60 Hektar große Gut Schudebarsden [Kėkštai] im Kreis Memel [Klaipėda] und der litauischen Rajongemeinde Crottingen [Kretinga] seines Vaters wieder zurück. Auf diesem Gut an der nördlichsten Spitze des Memelgebietes in der Nähe von Deutsch Krottingen [Kretingalė] baute er eine internationale Jugendbegegnungsstätte und einen Jugendhof für etwa 50 vernachlässigte Kinder und Jugendliche, wo auch einige seiner Schützlinge aus Ruanda eine Berufsausbildung machen konnten. Einige Familien aus der Gegend haben Patenschaften für Waisen aus Ruanda übernommen.

Im Jahr 2006 wurde Schulz mit dem Titel „Ehre Litauens“ ausgezeichnet. 2007 wurde er von der Bevölkerung der Rajongemeinde Crottingen zum Mann des Jahres gewählt. 2010 wurde der Salesianer für sein Lebenswerk Ehrenbürger der Rajongemeinde. 2010 erhielt Schulz in Kigali vom deutschen Botschafter Elmar Timpe den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für seinen Einsatz nach dem Völkermord in Ruanda.


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