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Russland

Wie es der russischen Wirtschaft aktuell geht

Positive Effekte aufgrund der Handelsbeziehungen vor allem mit China und Indien – Schwacher Rubel und anhaltende EU-Sanktionen trüben den Erfolg

Manuela Rosenthal-Kappi
13.11.2023

Russlands Wirtschaft zeigt sich angesichts der Sanktionen des Westens zu dessen Enttäuschung erstaunlich resilient. Der Plan Moskaus, sich verstärkt auf Nicht-EU-Staaten wie China und Indien zu konzentrieren, trägt offenbar Früchte.

Es gibt viele Beispiele dafür, dass das Land mit dem Export von Rohstoffen und Bodenschätzen die Einnahmenseite stabil hält. Vor allem die Ölexporte nach China und Indien sorgen für eine gewisse Sicherheit beim Einkommen, wenn diese auch die Situation ausnutzten, um weniger als zuvor die EU zu zahlen. In diesem Jahr hat Indien im Mai und Juni Rekordmengen in Höhe von 2,2 Millionen Barrel täglich eingeführt. Damit ist Indien neben China zum größten Abnehmer russischen Öls geworden.

China investiert zunehmend in die russische Wirtschaft. Jüngstes Beispiel ist die geplante Übernahme des Mercedes-Werks im Jesipowo Industriepark bei Moskau. Die Mercedes-Benz AG hatte im Frühjahr 2022 wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine ihre Produktion dort gestoppt und den Export nach Russland eingestellt. Die erst im Jahr 2019 eröffnete Produktionsanlage mit 1000 Mitarbeitern wurde 2023 an den russischen Autohändler Avtodom verkauft, der seitdem einen Investor sucht. Nun will der chinesische Autohersteller Chery bis Ende des Jahres in einer Testphase die ersten Fahrzeuge montieren.

Russland konnte im vergangenen Jahr auch den Export von Bodenschätzen erhöhen. 2022 verkauften die Russen 96,4 Tonnen Gold in die Arabischen Emirate, 15 Mal mehr als 2021. Weitere Abnehmer für russisches Gold sitzen in Istanbul und Hongkong. Vor dem Ukrainekrieg war London der größte Handelsplatz für Gold aus Putins Reich. Laut der Industrie- und Handelskammer Russlands beläuft sich die Jahresproduktion auf 371 Tonnen.

Der Schweizer Rohstoffhändler Glencore soll im Juli über die Türkei Tausende Tonnen russischen Kupfers nach Italien verkauft haben. Daneben haben sich die russischen Kupfer-Exporte in die Türkei in den ersten sieben Monaten dieses Jahres im Jahresvergleich auf 159.000 Tonnen verdreifacht.

Selbst die EU kann auf Importe aus Russland offenbar nicht gänzlich verzichten. Für einige Länder Ostmitteleuropas gibt es Ausnahmeregelungen für den Bezug von Öl. Tschechien etwa erhielt im ersten Halbjahr 65 Prozent seiner Ölimporte durch die Druschba-Pipeline. Für russisches Erdgas gibt es keine Sanktionen. Zwar suchen die EU-Staaten nach Alternativen, dennoch könnten russische Firmen bis Jahresende auf 8,5 Milliarden Euro aus LNG-Verkäufen kommen.

Ein anderes wichtiges Exportgut ist Dünger. Laut „Agrar heute“ bezieht gerade Deutschland immer mehr Stickstoffdünger aus Russland. Grund dafür sind die hohen Gaspreise. Energie- und Gaskosten machen 90 Prozent der Produktionskosten mineralischer Düngemittel aus. Dies zwingt viele Hersteller dazu, ihre Produktion zu drosseln. Im ersten Halbjahr 2023 sind Düngemittelimporte aus Russland im Vergleich zum Vorjahr laut Angaben des Statistischen Bundesamts um das 3,3-fache gestiegen. Im vorigen Jahr wurde Harnstoff im Wert von 131 Millionen Euro importiert, 2021 waren es noch rund 36 Millionen Euro. Russland ist damit vom sechsten auf den dritten Platz unter den größten Düngemittellieferanten Deutschlands vorgerückt. Viele deutsche Düngemittelhersteller gaben auf. Die Volkswirtschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas geraten unter Druck. Im zweiten Quartal rutschte das Wachstum in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn ins Minus. Alles Staaten, die stark mit der schwächelnden Industrie Deutschlands verwoben sind.

Wo Licht ist, fällt auch Schatten
Obwohl laut dem Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche (WIIW) die russische Wirtschaft stärker wachsen wird als die der EU und Moskau es geschafft hat, die Sanktionen bei der Beschaffung von Hochtechnologie zu umgehen, geben Inflation und Rubelverfall Anlass zur Sorge. Die russische Zentralbank verzeichnet in diesem Jahr eine deutlich schlechtere Leistungsbilanz (Differenz zwischen Zu- und Abflüssen von Geld im Land) als im Vorjahr. Die Exporteinnahmen gingen aufgrund des Ölembargos um knapp 32 Prozent zurück, die Einfuhren stiegen um 17 Prozent, weil die russische Wirtschaft nicht alle ausländischen Waren substituieren kann. Um den Rubel zu stabilisieren, hat die Zentralbank den Leitzins in mehreren Schritten von 8,5 auf 15 Prozent angehoben.

Ein großes Problem für Moskau stellt die Tatsache dar, dass Indien die Ölimporte in Rupien bezahlt und die Währung nicht frei konvertierbar ist. Indien weigert sich, in Rubel zu zahlen. So stecken die russischen Erlöse in Indien fest, was die Rubelabwertung im Sommer mit auslöste.

Sollte China weiter auf den russischen Markt drängen, könnte Russland in höhere Abhängigkeit von seinem Partner im Osten geraten.


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