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Der Schriftsteller Jörg Bernig entwirft in seinem neuen Roman „Eschenhaus“ ein phantastisch-realistisches Bild der DDR sowie der Bundesrepublik nach 1989

Ralf Rosmiarek
21.09.2023

Von einem Mann aus Großbritannien war von Annas Eltern nie zu hören. Von ihm aber hatte die Heldin, mit der Jörg Bernig seine Leser in einem neuen phantastisch-realistischen Reich der Fiktion willkommen heißt, eine Erbschaft erhalten: das an der walisischen Küste gelegene „Eschenhaus“, das für die Tochter zweier Leipziger Universitätsdozenten bald zum Refugium wird.

Doch wer war der geheimnisvolle Erblasser? Eine zufällige Entdeckung zwischen den Büchern des Hauses, ein A5-Heft, wandelt Annas erlebte wohlige Behaglichkeit in gärende Unsicherheit. Die Rückkehr der Vergangenheit wird ihr zum intensiven, beinahe brachialen Erleben.

In diesem A5-Heft beschreibt Norman, der Germanist, wie er in den Osten – von ihm „Kleindeutschland“, von Annas Vater „Anderwelt“ genannt – ging. Weltanschauliche Überzeugung machte ihn neugierig auf den „Arbeiter- und Bauernstaat“. Bald lernt er die Eltern kennen. Annas Mutter Heidi ist Normans Kollegin an der Universität, er verliebt sich in sie. Es bleibt für ihn eine sehnsuchtsvolle, unerfüllte Liebe. Hierin lag wohl die Ursache, dass er zum Verräter an den Eltern wurde. Norman Argent wurde zum Agenten der Staatssicherheit, verlockend für ihn die Zusage, die Geliebte Heidi in die angestammte Heimat mitnehmen zu können. Das misslang. Stattdessen zerstörten seine informellen Berichte die Universitätskarrieren der Eltern, die sich nie wieder von diesem erlittenen Unrecht befreien konnten.

Die „Wende“ bescherte ihnen keine weitere Verwendung als Wissenschaftler. Gebrochenes Leben lässt verkümmern, der frühe Tod dann die bittere Konsequenz. Für Anna, die schon lange keinerlei Kontakt mit ihnen unterhielt, „verschwanden sie im Verborgenen“. Enttäuscht wie verletzt kehrte Norman letzten Endes zurück auf die britische Insel.

Bernig betreibt mit seinem Roman „Eschenhaus“ eine tiefreichende Analyse. Zeitsprünge, Brechungen, Charaktere werden sublim sichtbar gemacht. Zu großartiger, eindrucksvoller Literatur gerät ihm die Beschreibung einer Sommerfahrt zu Freunden in die provinzielle Ödnis. Normans distanzierter Blick wird zu unserem Blick in die eigene, jüngere Vergangenheit. Bilder und Erinnerungen lösen sich aus dem Vergessen. Längst unsichtbar gewordene Automarken, etwa der F8 und F9 oder der Lastwagen H6, scheinen auf. Mit der Deutschen Reichsbahn „rollt eine dunkelgrüne Erinnerung an das Deutsche Reich über die Gleise“.

Mediale Empörung
Gleich seiner Romanfigur Anna treibt auch Bernig der Versuch um, Zeiten und Entwicklungen zu verstehen. Eine kritische Distanz wird notwendig, die angestrebten neuen Ordnungen im Alltag der Gegenwart wie auch im Roman scheinen eher ideologischen Phantasiewelten entlehnt als an der Realität orientiert.

„Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen“, erwog einst der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard. Bernig genügte im Jahre 2015 dieser Pflicht und wagte einen Einspruch. Als freier Bürger ergriff er das freie Wort und kritisierte Merkels Grenzöffnung und die Folgen einer grenzenlose Masseneinwanderung, dazu erlaubte er sich die Veröffentlichung von Gedichten und Texten in den Zeitschriften „Sezession“ und „Tumult“. Falsche Meinung, falsche Medien – „das beste Deutschland aller Zeiten“ gerät unter unermesslichen Leidensdruck.

Bernigs Kandidatur und die – schließlich zurückgenommene – Wahl im Jahr 2020 zum Kulturamtsleiter verschreckte das links-grüne Milieu vollends. Allenthalben Empörung. Radebeul war urplötzlich im Mittelpunkt medialer Verstörung, deutschlandweit las man mit fast deckungsgleichem Wortlaut: „CDU und AfD wählen neurechten Denker zum Kulturchef“ („SZ“), „Neurechter Kulturchef für Radebeul“ („Sächsische Zeitung“), „Der Schriftsteller vertrete neurechtes Gedankengut und für ihn haben vor allem CDU- und AfD-Fraktion gestimmt, kritisieren Räte von Linke und Bürgerforum/Grüne. Die Entscheidung macht sie fassungslos“ („Leipziger Volkszeitung“). Empörte aller richtig gesinnten Sparten vereinigt euch!

Doch die falsche Meinung hatte bereits im deutschen Staat mit antifaschistischem Antlitz seine unerbittlichen Konsequenzen: „Wer Loyalität aufkündigt, kann in dieser Sache unsere Solidarität nicht haben“, hieß es in einer Beschlussvorlage des DDR-Schriftstellerverbandes vom Juni 1979. Zeiten ändern sich, doch Ideologien und auf sie sich berufende Denkmuster sind kaum wandelbar.

Die „Einzig wahre Religion“
Die Alleinstellungsmerkmale der DDR wurden nachgerade großzügig an die Bundesrepublik Deutschland übertragen. Ausgrenzung und Stigmatisierung sind für freie Autoren auch weiterhin existenzbedrohend. Auch das Deutsche PEN-Zentrum hat mit einer Forderung geliefert: „Vor diesem Hintergrund bitten wir Herrn Bernig zu prüfen, inwieweit er seine Verpflichtung gegenüber der PEN-Charta wahrnehmen kann, und ggfs. die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.“ Keine Spur also von Rückendeckung, keine so gern beschworene Solidarität, kein Wort zum „freien Wort“, konfuse Gereiztheit dafür umso sichtbarer. Vielleicht könnte deshalb auch hier die Rückbesinnung wichtig sein, dass die 1921 gegründete Autorenvereinigung PEN International sich dazu verstand, der Freiheit des Wortes und dem freien Gedankenaustausch Geltung zu verschaffen.

Wurde im Herbst 1989 nicht gerade daran erinnert? „1989 bedeutet für viele Sachsen (und DDR-Insassen) den Übertritt ins mündige Leben“, schrieb Bernig in seinem Beitrag „Revoltierende Resteverwerter verfallner Imperien“ und folgerte luzide: „Der Irrtum, dem manche dabei lange aufgesessen waren, ist die Annahme, daß dieser Übertritt ins mündige Leben gleichsam der Übertritt in die von Mündigen bewohnte Bundesrepublik war. Aber siehe: Es gab dort keine solchen Bewohner, es gab bestenfalls einige mutige Pioniere und erste Siedler im Land der Mündigen. Mit ihrer Berufung auf den aufklärerischen Akt von 1989 zerren die Sachsen nun den in der alten Bundesrepublik kultivierten Schweige- und Duldenskonsens ans Licht, der so auch im wiedervereinten Deutschland gelten sollte.“

Was wäre Kunst also ohne Hoffnung? Am Ende von Bernigs neuem Roman besucht Anne ihre Freundin Barbara, die in einem Dorf der Lausitz Zuflucht gesucht hat mit anderen Menschen, die sich der phantastischen Diktatur des Landes, der Otrelia – die „Only true religion“ (die „Einzig wahre Religion“) –, nicht beugen wollen. „Sie seien das Europa des Freien Denkens, des Freien Wortes, der Musik, des Bildes und der Liebe.“ Breslau scheint diesen Menschen näher als Berlin, und so trifft man auf polnischer Seite in Wahlstatt auf Jugendliche aus ganz Europa, die an den alten europäischen Wurzeln festhalten wollen. „Der Weg in irgendeinen Untergang war keine Option ... Bleibt mir vom Leib mit euren Untergängen!“

Jörg Bernig, „Eschenhaus“ Roman, Edition Buchhaus Loschwitz, 2023, 398 Seiten, 28 Euro.
Am 27. September liest der Autor in der Berliner Bibliothek des Konservatismus, Fasanenstraße 4, um 19 Uhr aus dem Buch.
www.bdk-berlin.org


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Kommentare

Michael Holz am 23.09.23, 15:59 Uhr

Die Trockenlegung des sozialistischen Sumpfes stößt auf den Widerstand der linken Frösche. Ich kenne das Buch nicht, aber der "Querschnitt" von Rosmiarek deutet darauf hin, dass ich dieses auch nicht lesen werde. Es scheint ein weiterer Versuch zu sein, zu behaupten, es gäbe ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Das glaube ich nicht mehr!

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