11.01.2026

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Szieleitschen

Wo das Herz von Barclay de Tolly liegt

Ein außergewöhnliches Denkmal zeugt von einem bedeutenden Kapitel deutsch-russischer Beziehungen

Carsten Kallweit
26.11.2025

Im nördlichen Ostpreußen findet man oft bedeutende und einzigartige Sehenswürdigkeiten, die mehr oder weniger in Vergessenheit geraten sind. Dazu gehören beispielsweise Denkmäler aus der Vergangenheit, welche die Kriege und die Nachkriegszeit in der ostpreußischen Geschichte auf wundersame Weise überstanden haben.

Fährt man von Insterburg nach Norden entlang des Flusses Inster Richtung Kraupischken, sieht man ein majestätisches gusseisernes Denkmal mit Adlern und Flachreliefs. Dieses Denkmal, das 1821 in Szieleitschen [Nagornoje] errichtet wurde, erinnert an den russischen Heerführer, Feldmarschall und Kriegsminister Fürst Michael Andreas Barclay de Tolly. Er verstarb im Mai 1818 in diesem kleinen Ort an einer schweren Krankheit, während seiner Reise nach Karlsbad zu einer Behandlung.

Barclay de Tolly entstammte einer deutschbaltischen Familie mit schottischen Wurzeln, die seit dem 17. Jahrhundert in Livland beheimatet war. Michael Andreas trat bereits mit 15 Jahren in die russische Armee ein und nahm an den Kämpfen gegen die Türken, Schweden und Polen teil. 1809 wurde er zum Generalgouverneur des neugebildeten Großfürstentums Finnland innerhalb des Russischen Reiches ernannt. 1810 wurde er Kriegsminister und trug während seiner Amtszeit wesentlich zur Stärkung der russischen Armee bei.

Während der Kriege gegen Napoleon spielte Barclay de Tolly in vielen Fällen eine entscheidende Rolle und wurde mehrmals verwundet. 1813 nahm er in den Befreiungskriegen an zahlreichen Schlachten teil. Barclay de Tolly war 1814 auch Oberbefehlshaber der russischen Armee bei ihrem Vormarsch nach Frankreich und der Einnahme von Paris.

Nach dem Tod des russischen Feldherrn entsandte der preußische König Friedrich Wilhelm III. eine Ehrenwache nach Gut Szieleitschen, die den Trauerzug mit dem einbalsamierten Leichnam des Feldmarschalls bis zur russischen Grenze eskortierte. Die Trauerfeier fand in Riga statt. Der Fürst wurde auf seinem livländischen Gut Beckhof (Jõgeveste, Estland) beigesetzt.

Schinkel entwarf das Kunstwerk
Das Herz des russischen Fürsten wurde an genau der Stelle bestattet, an der heute das Denkmal steht. Es wurde auf Befehl und mit Mitteln des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. errichtet. Das Denkmal ist ein Kunstwerk des königlich preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel, dessen Bauwerke als Höhepunkt des europäischen Klassizismus gelten.

Der sich nach unten verbreiternde gusseiserne Obelisk ist mit zwölf Lorbeerkränzen geschmückt, welche die zwölf erfolgreichen Schlachten des großen Feldherrn symbolisieren. Der Obelisk trägt zwei Inschriften, eine auf Russisch und eine auf Deutsch: „Dem edlen Feldherrn, der den Weg der Ehre durch Muth und Tapferkeit in vielen Schlachten sich bahnte und der im Kriege zur Befreiung der Völker in den Jahren 1813, 1814 und 1815 als Anführer verbündeter Heere in glorreichen Kämpfen siegte, errichtete dieses Denkmal König Friedrich Wilhelm III.“

Um das vier Meter hohe Denkmal wurden 24 Linden gepflanzt. Sie wachsen noch heute an diesem historischen und andachtsvollen Ort. Für die Besucher der Ruhestätte des Feldherrn wurde ein Parkplatz angelegt. Unweit der Straße, etwa dreihundert Meter vom beeindruckenden Denkmal entfernt, befindet sich das leerstehende Gebäude eines prächtigen Anwesens mit Halbsäulen und einem imposanten Haupteingang. Das historische Bauwerk war Teil des Gutshofs Szieleitschen.

Ein Besuch dieses geschichtsträchtigen wie malerischen Ortes lohnt sich schon deshalb, um ein bedeutendes Kapitel der deutsch-russischen Beziehungen zu erleben.


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Kommentare

Christian Benthe am 28.11.25, 20:31 Uhr

Apropos Bismarck...
....was uns heute fehlt, ist eine vorausschauende Interessenspolitk im Geiste des Rückversicherungs-vertrages. Dessen Aufkündigung bzw. Nichtverlängerung, nach dem Abgang des Lotsen von Bord, war für den eskalierenden Konflikt und am Ende Zweifrontenkrieg 1914 mitbestimmend. Hätte man Putin im Deutschen Bundestag 2001 genau zugehört (er hielt seine Rede auf Deutsch), wäre uns die jetzige desolate Situation vielleicht erspart geblieben. Es stimmt schon: ohne Russland geht es nicht, Deutschland und Russland benötigen einander.

Kersti Wolnow am 28.11.25, 08:12 Uhr

Lieber Gregor Scharf, die Russen sind seit 1914 nicht unsere Freunde, seit 1945 erst recht nicht. Sie waren bei dr Aufteilung in Potsdam, raubten uns aus und sind Täter der 13, 4 Millionen deutscher Toten NACH dem Krieg. Die Amis entführten Wernher von Braun, die Russen Manfred von Ardenne, danach begann ihr Wettlauf in den Kosmos.
Die Beutekunst erklärte Putin 1999 zu russischem Eigentum. Über den Kriegsausbruch und -verlauf lügen sie bis heute, sodaß nicht einmal die eigenen Leute wissen, was die verbrochen haben.

Es waren/sind Konkurrenten um das Herz Europas. Ich mag beide Seiten nicht. Das Herz Europas war einmal der Ausgleich beider Seiten.

Gregor Scharf am 26.11.25, 17:27 Uhr

„Niemals gegen Russland“ waren die Worte Bismarcks.
Wenn Deutsche und Russen freundschaftlich verbunden, ging es der Wirtschaft und den Menschen gut. Zuletzt Anfang der 2000er galt Deutschland als beliebtestes Reiseziel für Russen. Und wie ist das Verhältnis heute? Wer hat es angerichtet? Wem nutzt es? Wer steht zwischen den Völkern?
Noch nie war so ein Zustand von Dauer.

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