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Wo Gott noch groß ist

Das Unbehagen im Abendland über den Islam ist groß. Dies liegt keineswegs nur am Terror muslimischer Extremisten, sondern auch daran, dass der Islam noch immer eine Religion sein will – während für viele Christen ihr Glaube nur noch Folklore ist

Eberhard Straub
10.12.2023

„Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Daran erinnerte 1816 Johann Wolfgang von Goethe im „West-Östlichen Divan“, seinem Versuch, die Welt des Islam Deutschen näherzubringen, damit sie ahnen, gar nicht so fern von ihr zu sein. „Wenn Islam gottergeben heißt, / Im Islam leben und sterben wir alle.“

Solche Betrachtungen wurden einst unter gebildeten Deutschen, die sich die große, weite Welt mit ihren Schätzen erschließen wollten, dankbar aufgegriffen. Die schrecklichen Kriege seit 1793 mit dem unruhigen Frankreich hatten Europa erschüttert. Es war eine allgemeine Erfahrung geworden, dass nichts in der aufgeregten Zeit Bestand hat: „Nord und West und Süd zersplittern, / Throne bersten, Reiche zittern.“ Da lag es nahe, im noch ungewissen Frieden mit Goethe und manchen Orientalisten in den „reinen Osten“ zu flüchten, um dort „Patriarchenluft zu kosten“ und sich von der Poesie, dem Glauben und von beiden erfüllten Lebensweisen der Perser, Araber oder Türken ergreifen und begeistern zu lassen.

Von solcher Freude an den „Stimmen der Völker“ und der Bereitschaft, auf sie zu horchen, sind heute viele in der Bundesrepublik und der transatlantischen oder auch „westlichen Wertegemeinschaft“ weit entfernt. Alles, was den eigenen Vorstellungen und Erwartungen nicht entspricht, schafft sofort Unsicherheiten und weckt Misstrauen, von schwer berechenbaren Ungeistern umgeben zu sein, die dazu nötigen, eine energische Habt–Acht–Stellung einzunehmen, um erhabenste Güter, nämlich die immer wieder beschworenen freien Lebensformen, davor zu bewahren, als fragwürdige, von mit ihnen nicht vertrauten, eingeschätzt zu werden.

Freiheit und Freiheiten sind allerdings mancher Fragen würdig. Denn während der langen Geschichte unserer Alten Welt, zu der die Westeuropäer nun einmal gehören, in der Abendland und Morgenland sich häufig begegneten und ergänzten, gab es mannigfache und sehr verschiedene Möglichkeiten, Ordnung und Freiheit miteinander zu verbinden. Die öffentliche Ruhe hing in den wechselnden Kulturen rund um das Mittelmeer oder im Norden mit einer Ergebenheit in Gottes oder der Götter Willen zusammen.

Im Westen galt Gott als tot
Re-ligio, die Rückbindung an Mächte, die nicht dem Glück und Wechsel unterworfen sind, ließ Völker und Einzelne hoffen, unter dem heftigen Druck vielfacher Turbulenzen in der von Menschen gemachten Geschichte nicht vollends den Grund unter den Füßen zu verlieren oder wie ein Schiffbrüchiger, an rettende Planken geklammert, sich über Wasser halten zu können. Nichts wird aber indessen mit so viel Argwohn in der westlichen Wertegemeinschaft wahrgenommen wie das unerschütterliche Gottvertrauen.

Der alte Schlachtruf französischer Aufklärer: „Zerschmettert die niederträchtige – also die Menschen versklavende und ihrer Würde beraubende – katholische Kirche!“ wurde alsbald gegen die Religion überhaupt gerichtet. Nach dem mehrfach proklamierten Tode Gottes sollten endlich sämtliche Betrüger um Macht und Einfluss gebracht werden, die weiterhin Gott verkündeten und damit Menschen ihr Menschenrecht vorenthielten, wirklich frei erst in der Freiheit von Gott und seinen finsteren Geboten zu werden.

Seit dem Triumphzug der Moderne und Postmoderne finden Gotteslästerung, Witze über Christus oder den Propheten, die öffentliche Verbrennung des Neuen Testaments und auch des Koran sowie die Verspottung frommer Bräuche starke Beachtung und lauten Beifall als unerschrockener Einsatz in dem angeblich notwendigen Kampf gegen Vorurteile. Dieser soll all jenen, deren Seelen noch in festgeschnürten Banden schmachten, Mut machen, diesem Beispiel zu folgen und sich zu entfesseln, um mit diesem entschlossenen Akt die Nichtswürdigkeit eines fiktiven, aber gerade deswegen so fürchterlichen Gottes und Tyrannen zu entlarven.

Längst haben die katholische Kirche und die verschiedenen christlichen Religionsgemeinschaften den Kampf gegen diese Verunglimpfungen aufgegeben. Stattdessen sind sie bemüht, nicht den Anschluss an die sich ganz weltlich verstehende Welt zu verlieren. Sie suchen ihr Heil nicht in Christus und in der Entwicklungsgeschichte ihres Glaubens und seiner Institutionen. Angeblich hellwache, der Verantwortung für ihre Zeit und Gegenwart verpflichtete, kritische Christen halten mittlerweile ihre Traditionen für einen peinlichen Beitrag zu einer umfassenden, die Menschen von sich entfremdenden, Unheilsgeschichte. Rettung erwarten sie im Dienst für die neue Communio, die Heilsgemeinschaft, als die sich die westliche Wertegemeinschaft begreift mit ihrer frohen Botschaft weltweiter Demokratisierung im Namen universaler Menschenrechte, die Erlösung von allen Übeln verheißt.

Werte- statt Glaubensgemeinschaft
Unter den bekennenden Streitern für die westliche Wertegemeinschaft sind Juden höchst willkommen – doch nicht weil sie wegen ihrer Religion und Glaubensstärke besondere Achtung verdienen, sondern weil sie Opfer einer Unheils- und Leidensgeschichte sind, die von der westlichen Wertegemeinschaft gar nicht vernachlässigt werden darf, ja dringend gebraucht wird für die dramatische Erzählung vom Übergang in die von ihr vorbereitete Heilsgeschichte als Ende der Geschichte. Tatsächlich begreift sich ein Großteil der Juden ganz im Sinne solcher Ideen als historisch bedingte Schicksalsgemeinschaft und betrachtet, ähnlich den früheren Kulturprotestanten, Gott als religionsgeschichtliches Phänomen und pflegt gewisse Traditionen als feiertäglichen Zierrat und Gemütswert.

Die einzige Religion, die noch eine solche bleiben will, ist der Islam. Das unterscheidet ihn von den beiden anderen abrahamitischen Glaubensgemeinschaften, und deshalb wird der Islam gerade von jenen als Skandal empfunden, die sich gemeinhin als besonders tolerant in religiösen Fragen geben. Orientierungshelfer in der Wertegemeinschaft beschäftigen sich beunruhigt mit mancherlei Überlegungen, wie der Islam in ihre Vorstellungswelt integriert werden und als eine Art Euroislam in Übereinstimmung mit verfassungspatriotischen Dogmen und moralischen Wegweisungen aus dem Bundespräsidialamt gebracht werden könne.

Der Islam will sich nicht aufgeben
Doch da Islam „gottergeben“ bedeutet, woran Goethe erinnerte, liegt es nahe, dass Muslime den Geboten ihres Glaubens folgen, ihr Heiliges Buch weiterhin heilighalten, durchaus bedacht auf ihr Seelenheil und die Heiligkeit ihrer im Glauben vereinigten Gemeinschaft. Diese durchaus sehr respektable Haltung, ehedem für Christen ganz selbstverständlich, wird im nachchristlichen Westen als Herausforderung aufgefasst. Hier gilt als höchste moralische und rechtliche Autorität die Verfassung und mit ihr im Einklang eine Werteordnung, die beansprucht, Leben wie Denken sich unterwerfen und kontrollieren zu dürfen.

Die katholische Kirche wehrte in langen Kulturkämpfen bis weit ins 20. Jahrhundert solche ungebührlichen Absichten erfolgreich ab. Sie stritt für die freie Kirche im freien Staat. Ihre Mitglieder zogen sich in ihr „Katholisches Milieu“ zurück, in eine Parallelgesellschaft, in der mit Hilfe zahlloser Vereine von der Wiege bis zum Sarg der katholische Deutsche unter seinesgleichen leben konnte. Häufig wurde ihm vorgeworfen, ein unzuverlässiger Patriot zu sein, weil abhängig von Weisungen aus dem Ausland, aus Rom, das für ihn jedoch gar kein Ausland war. Der katholische Christ verhielt sich loyal zum Staat, zahlte seine Steuern und machte seine Vorbeugungen vor den Autoritäten. Mehr konnte nicht von ihm verlangt werden. Kein Verfassungsschutz war berechtigt, Auskünfte zu sammeln, wie und was er über den äußerlichen Rahmen seiner staatsbürgerlichen Existenz dachte. Den äußeren Mächten war jedes Eindringen in das innere Reich verwehrt, worein diese sich fügen mussten, auch wenn es ihnen schwerfiel.

Daran müssen die Verfechter der westlichen Wertegemeinschaft erinnert werden, die sich im Umgang mit dem Islam nicht mit dem äußeren Respekt zufriedengeben, sondern Wertebekenntnisse fordern und sich anmaßen, in das Innere einer Glaubensgemeinschaft reglementierend eingreifen zu dürfen. Die Seele, der Glauben, das Denken und Fühlen gehen weder Staat noch öffentliche Meinung etwas an. Dieser Grundsatz, deren Anerkennung von der katholischen Kirche errungen wurde, muss auch für Muslime gelten: die freie Moschee im freien Staat. Dieser wird zum Staat der organisierten Unfreiheit, sobald er seine Grenzen überschreitet.

Die Seele ist frei
Der Platz gerade katholischer Christen müsste an der Seite der Muslime sein, weil es um die Religionsfreiheit, um Rechte und um die berechtigte innere Freiheit geht. Eine Wertegemeinschaft, die unter Berufung auf höchste Werte Glaubensrechte abwertet oder umwertet, gefährdet die innere Ordnung und deren Frieden, sie eröffnet den Kulturkampf und Religionskrieg neu, weil sie sich selbst als Glaubensgemeinschaft bekennender Demokraten versteht und den religiös neutralen Staat zum Heiligen Hain umdeuten will, in dem Wertergriffene harmlos und sich aneinander erquickend wandeln.

Die Voraussetzung eines gedeihlichen Zusammenlebens ist Toleranz. Doch sie kann nur eine vorübergehende Gesinnung sein, wie Goethe meinte: „Dulden heißt beleidigen. Die wahre Liberalität ist Anerkennung.“ Dieser Liberalität entziehen sich die Wertsetzer und Wertdurchsetzer, indem sie ununterbrochen den Islam verdächtigen, nur Unfrieden, Kampf und gar den Umsturz der Werteordnung im Sinn zu haben. Sicher: Der islamische Terrorismus ist eine Gefahr für unsere Sicherheit und Ordnung. Doch kann man deshalb einer Gruppe von knapp fünf Millionen Muslimen unterstellen, unzuverlässige Bürger zu sein, weil sie angeblich nicht den Glauben und die Hoffnung wertebewusster Westler teilen und, erfüllt vom fundamentalistischen Eifer, die Freiheit aufheben möchten?

Vor Islamismus und Terrorismus wird wortreich gewarnt. Doch es gibt auch einen laizistischen Fundamentalismus. Die radikaldemokratische Schreckensherrschaft 1793/94 im revolutionären Frankreich ist das eindrucksvollste Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn aus einem Rechtsstaat eine innerweltliche Kirche, eine Heils- und Erlösungsgemeinschaft wird, die jeden verfolgt, der ihr gegenüber auf seinen inneren Vorbehalt, einem Grundrecht, gegenüber äußeren Gewalten, beharrt und sich weigert, in der totalen Verantwortungsgemeinschaft aufzugehen, sein unverwechselbares Ich mit seinem Eigentum in dem großen WIR auszulöschen.

Islam heißt gottergeben, und mit Gott ist die Freiheit verbunden, deswegen kann Goethe daraus folgern: Im Islam leben und sterben wir alle. Deshalb sollten gläubige Christen den Islam nicht fürchten, sondern ihm vielleicht sogar dankbar sein, dass er das Gedächtnis an den lebendigen Gott und den belebenden Glauben im verdämmernden und sich verwirrenden Abendland wach erhält.

Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Werken gehören „Zur Tyrannei der Werte“ (2010) sowie „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (2014, jeweils Klett-Cotta).
www.eberhard straub.de


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Kommentare

sitra achra am 12.12.23, 12:21 Uhr

Der Islam ist nicht nur eine zugegebenermaßen skurrile Religion-das fand übrigens auch schon Goethe-sondern auch eine politische Ideologie, die es darauf anlegt, alle anderen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Dank ihrer raffinierten Taktik der Taqiyya ist es ihr gelungen, sich wie ein Fäulnispilz in Europa einzuschleichen und die Grundlagen für eine weitgehende Eroberung zu etablieren.
Die naiven Kaffir begrüßen hingegen diese Unterwanderung als multikulturellen Mehrwert und machen sich unberechtigte Illusionen über einen kastrierten, freundlichen, westlichen Islam. Ich seh' schon, wie der Allah lacht.

Folkard Wülfers am 10.12.23, 21:43 Uhr

Hier wird der grundsätzliche Fehler gemacht, die Ideologie des Islam den Religionen gleichzusetzen. Dies mag aus der Sicht eines wohlmeinenden Christen so zu wünschen sein, ein Muslim wird das immer anders sehen.

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