01.10.2022

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Christian Arpasi/Andreas Bödecker: „[K]ein Kinderspiel. Spielzeug als Spiegel der Industrialisierung“, Be.bra Verlag, Berlin 2021, gebunden, 256 Seiten, 20 Euro
Christian Arpasi/Andreas Bödecker: „[K]ein Kinderspiel. Spielzeug als Spiegel der Industrialisierung“, Be.bra Verlag, Berlin 2021, gebunden, 256 Seiten, 20 Euro

Geschichte

Womit spielten unsere Ururgroßeltern?

Ein Bildband zeigt anhand von Kinderspielzeug die Entwicklung der Industrialisierung in Deutschland, ausgehend von berühmten Spielzeugmarken zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Silvia Friedrich
17.09.2022

Interessanter hätte man einen Umschlag des Buchs „Spielzeug als Spiegel der Industrialisierung“ nicht gestalten können. Zu sehen ist eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin auf einer Ansichtskarte um 1900, in die farbige zeitgenössische Spielzeuge verschiedener Firmen hineinmontiert wurden, wie Märklin, Göppingen, ein Patentwerk Ernst Paul Lehmanns aus Brandenburg an der Havel und der Gebrüder Bing aus Nürnberg. Die eingefügten Spielzeuge, wie ein Doppeldeckerbus sowie ein Anhängerwagen und farbige Straßenlaternen, stellen den Berliner Verkehr der Jahrhundertwende dar.

Die Titelgestaltung weckt unmittelbar das Interesse des Lesers. Zur gleichnamigen Sonderausstellung des Brandenburg Preußen Museums in Wustrau am Ruppiner See im vergangenen Jahr erschien begleitend das Buch „[K]ein Kinderspiel. Spielzeug als Spiegel der Industrialisierung“, herausgegeben von Christian Arpasi und Andreas Bödecker, die beide mit der Geschichte Brandenburg-Preußens eng verbunden sind. Bödecker leitet das im Jahr 2000 von seinem Vater gegründete Privatmuseum in Wustrau, und Arpasi ist nach langjähriger Mitarbeit in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten seit 2020 wissenschaftlicher Leiter des Wustrauer Hauses.

Obwohl zu einer Ausstellung erschienen, kann dieses Buch zweifellos für sich stehen, denn der Informationsgehalt ist äußerst umfangreich. Es ist anschaulich gestaltet, interessant, tiefgreifend und spannend zu lesen, ganz abgesehen von der Fülle an Bildmaterial, die von der Machart her ihresgleichen sucht.

Dass Spielzeug immer auch ein Abbild der Gesellschaft und ihrer zeitgenössisch geltenden Normen ist, dürfte bekannt sein. Doch welche Dinge wurden produziert, wer durfte womit spielen und wer stellte die Spielzeuge her?

Die Eisenbahn revolutionierte die Industrialisierung

„Kleine Spielzeuge spiegeln die großen gesellschaftlichen Veränderungen“, sagen die Autoren, somit werde die Geschichte der Industrialisierung in diesem Buch aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel erzählt. „Mit der Eisenbahn kam Deutschlands späte Industrialisierung in Fahrt“, heißt es gleich zu Anfang in einem Kapitel.

So gelang es August Borsig in der Berliner Chausseestraße mit der ersten eigenständig in Deutschland entwickelten Lokomotive „Beuth“ im Jahre 1844 innerhalb eines Jahrzehnts, den technischen Fortschritt der Engländer von über 20 Jahren einzuholen und eine marktbeherrschende Stellung im Lokomotivbau zu erlangen.

Das gesamte Transportwesen wurde durch die Eisenbahn revolutioniert. Somit wünschten sich viele Jungen aus gutbetuchten Familien solches Spielzeug auch im heimischen Kinderzimmer. Die bereits erwähnten Spielzeughersteller zogen schnell nach und bauten Modellversionen des neuen Verkehrsmittels und auch das Zubehör durfte nicht fehlen.

Kein Geringerer als der dreijährige Sohn Napoleons III., Prinz Napoleon Eugène Louis Bonaparte, bekam 1859 als erstes Kind eine komplette Eisenbahnanlage in den Schlosspark von Saint Cloud gebaut.

Doch das bis heute noch faszinierende Spielzeug der Ururgroßväterzeit verbirgt leider die Schattenseiten der Epoche. Heim- und Kinderarbeit waren zu dieser Zeit noch gang und gäbe. Aber auch für andere Familienmitglieder, die in Heimarbeit Dinge herstellten, führten Chemikaliendämpfe und Staubentwicklung in den dunklen, engen Wohnungen zu vielen Krankheiten und schließlich auch Todesfällen.

Selbst wenn man die Ausstellung nicht gesehen hat, kann man sich mit diesem Buch selbst ein großartiges Geschenk machen, stellt es doch eine wichtige Dokumentation und einen Augenschmaus für historisch Interessierte dar.



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