17.04.2024

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Osterbrauch: Kinder mit Schmackosterrouten in Annafeld, Kreis Rastenburg
Foto: Bildarchiv OstpreussenOsterbrauch: Kinder mit Schmackosterrouten in Annafeld, Kreis Rastenburg

Ostpreußische Bräuche

Wünsche beim Osterwasserholen, die in Erfüllung gingen

Auszug einer im „Ostpreußenblatt“ erschienenen Erzählung aus dem Jahr 1955

G. Sch.
31.03.2024

Es gab für uns Kinder der Großstadt Königsberg nur eine Seligkeit, und die lag in einem alten Pfarrhaus mit allen ländlichen Offenbarungen beschlossen. Zu diesen gehörte die Teilnahme an dem geheimnisvollen Gang zum Osterwasser. Nur eine Quelle konnte Wunder wirken, und diese Quelle musste gen Osten entspringen. Im tiefsten Schweigen musste der Weg hin- und zurückgelegt werden; jedes Wort hätte die Wirkung unserer „Wallfahrt“ gefährdet. Natürlich gab's stets ein paar ketzerische Gemüter, die mit Fratzenschneiden und gliederverrenkenden Veitstänzen die von einer fast andächtigen Erwartung verdichtete Atmosphäre zu sprengen sich bemühten.

Ich selbst war bebend und glühend in einem Wunsch: alle Sehnsucht gipfelte in einem Fahrrad! Dieser Wunsch war zu vermessen – das wusste meine kindliche Überlegung –, um ihn jemals meiner Mutter gegenüber zu äußern, die übergenug schwere Verpflichtungen hatte. Aber als ich mich dann in der Mitternachtsstunde über die Quelle beugte, um Gesicht und Hände zu netzen, fragte ich in kindischem Begehren nicht nach Rücksicht und gegebener Möglichkeit, da verkrampften sich alle meine Gedanken geradezu schmerzhaft auf dies einzig und allein seligmachende Ziel, – und das Wunder geschah!

Eine Freundin meiner Mutter wollte studienhalber nach Paris gehen. Meine Mutter ermöglichte ihr unter mancherlei Opfern diese Reise. Ich aber erbte das für Paris nicht benötigte recht vorsintflutliche Vehikel. Diese Erbschaft war einzig und allein auf die selbstlose Freundschaft meiner Mutter zurückzuführen, jedenfalls war niemand seliger als ich. Oder ein Jahr später: Mit dem Wechsel in die andere Schulklasse stand uns eine 50-jährige Klassenlehrerin bevor, die ich so unverfälscht hasste, wie man als Dreizehnjährige nur hassen kann. Sie hatte niederträchtig kalte Augen und harte Fingerknöchel, die sie uns mitsamt ihren vielen blitzenden Ringen oft ins Gesicht schleuderte. Aufgeputzt wie ein Pfau, verdrehte sie die Augen, sofern nur ein männlicher Schritt hörbar wurde, und kokettierte in albernstem Gehabe mit allen unseren jüngeren und älteren Lehrern.

Ob ich ihr in jener Osternacht überhaupt etwas Abgrundböses wünschte, ich weiß es nicht. In mir war nur ein einziges Flehen: dass dieser Kelch vorübergehen möge – und er ging! Sie verlobte sich, und ihre alternden Liebesgefühle tilgten meine kindischen Hassgelüste: Aus ehrlich überglücklichem Herzen konnte ich ihr meine Glückwünsche sagen. Osterwasser hin, Osterwasser her!

Aus: „Ostpreußenblatt“ v. 9. April 1955


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Kommentare

Chria Benthe am 01.04.24, 13:30 Uhr

Schöner alter Artikel, nah an der Zeit der Vertreibung. Da wird einem warm ums Herz..und wehmütig.
Sollte die Autorin noch leben: herzlichen Dank.

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