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Kultur

Zerbombte Kultur-Brücke

Der Kollateralschaden des Kriegs in der Ukraine trifft auch die Kunst – Der hysterische Russland-Boykott des Westens

Harald Tews
19.03.2022

Es gibt diese US-Serie aus den späten 60er Jahren, „Hogan's Heroes“, deren Schauplatz ein fiktives deutschen Kriegsgefangenenlager des Zweiten Weltkriegs ist. In der Sitcom, die unter dem Titel „Ein Käfig voller Helden“ gelegentlich noch im deutschen Fernsehen zu sehen ist, werden die deutschen Gefangenenwärter durchweg als Volltrottel dargestellt. Gespielt werden die NS-Schergen des deutschen Akzents wegen ausgerechnet von jüdischen deutschen Schauspielern, die vor Hitler ins amerikanische Exil gegangen sind.

Ähnlich paradox dürfte die Kulturindustrie demnächst auf das neue Feindbild reagieren. Nachdem die Deutschen als Bösewichte ausgedient haben, wird man sich auf die Russen stürzen, dann im Film gespielt von ihren Gegnern: den massenhaft aus dem Kriegsgebiet flüchtenden, russisch sprechenden Ukrainern. Denn klar ist: Russische Künstler werden im Westen so schnell kein Engagement erhalten, nicht beim Film, auf der Bühne, bei Literaturmessen und Ausstellungen. Der hysterische Russland-Boykott nimmt wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine in der Kultur totale Züge an.

Wer sich nicht wie Kirill Petrenko, russischer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, mit der Ukraine solidarisiert – er sprach vom „heimtückischen und völkerrechtswidrigen Angriff Putins“ –, wird ausgemustert. Bekanntester Fall ist der Putin-nahe Moskauer Dirigent Waleri Gergijew, dem die Leitung der Münchner Philharmoniker aufgekündigt wurde, weil er sich nicht vom russischen Einmarsch in die Ukraine distanzierte, was der Münchener OB Dieter Reiter (SPD) per Ultimatum vom ihm gefordert hatte.

Gergijew hatte sich jedoch zuvor nirgends für den Krieg ausgesprochen. Es reicht, Russe zu sein, um in diesen Tagen einer Gesinnungsprüfung unterzogen zu werden. Das bekam auch die Sopranistin Anna Netrebko zu spüren. Der Weltstar mit russischem und österreichischem Pass zieht sich „bis auf Weiteres“ vom Konzertleben zurück und hat bereits Auftritte in der Hamburger Elbphilharmonie und an der Mailänder Scala abgesagt. Mit dem Hinweis, selbst unpolitisch zu sein, kritisierte sie, „Künstler oder irgendeine öffentliche Person zu zwingen, ihre politischen Ansichten öffentlich zu machen und ihr Vaterland zu beschimpfen“.

Tatsächlich ist die Gefahr groß, dass Künstler wieder nach ihrer „korrekten“ politischen Gesinnung beurteilt werden. Gab es das nicht schon im Zweiten Weltkrieg? Ein Thomas Mann war wegen seiner Radioansprachen gegen Hitler bei den Alliierten ein gefeierter Held; ein Gerhart Hauptmann, dessen Naturalismus sich mit dem Nationalsozialismus dagegen wie Feuer mit Eis vertrug, blieb verfemt, weil er sich gegen das Exil entschied.

Gesinnungsprüfung für Künstler

Das politische Schweigen von Künstlern der Inneren Emigration wie Erich Kästner oder Ernst Wiechert war damals auch eine Art Selbsterhaltungstrieb, welchen man jetzt auch den Russen zuerkennen sollte. So wies der Salzburger Festspielintendant Markus Hinterhäuser darauf hin, dass es wegen der politischen Repression in Russland falsch sei, allen Menschen mit russischem Pass Stellungnahmen abzuverlangen, die sie kaum geben könnten: „Das hat nichts mit einer Art von Putin-Hörigkeit zu tun. Das kann auch die nackte Überlebensangst sein.“

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin, Mitglied des Deutschen Ethikrats, ging noch einen Schritt weiter und warnte vor einer „Gesinnungsprüfung“ für Künstler wie in den USA in der McCarthy-Ära der 1950er Jahre. Die westliche Kultur war zuletzt durch die Cancel-Culture, mit der eine „woke“ akademische Minderheit die Dominanz der „weißen Kultur“ brechen will, bereits auf dem besten Wege dahin.

Jetzt wird die russische Kultur auf eine Weise „gecancelt“, also gestrichen, dass es absurde Züge annimmt. So hat man Mussorgskis Zarenoper „Boris Godunow“ in Warschau wegen moralischer Bedenken vom Programm genommen, obwohl kein russischer Darsteller darin mitwirkt, den man wegen Kollektivschuld hätte anprangern können. Selbst der im 19. Jahrhundert lebende Dostojewski kam in Mailand in den Verdacht eines „Putin-Verstehers“, weshalb ihn die dortige Universität aus dem Lehrplan nahm. Doch man kennt das: Richard Wagner musste posthum ja auch schon für Hitlers Verbrechen büßen.

Die Russen aber trifft der Kunst-Boykott des Westens hart, denn seit Puschkin ist russische Kunst ein Exportschlager. Aber kann man sich noch entspannt eine Tschaikowsky-Sinfonie anhören, ohne an den Krieg und das Leid der Menschen in der Ukraine zu denken? Das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester sagte nein und ersetzte vor einer Aufführung ein sinfonisches Werk des Russen durch das eines Ukrainers. Ebenso ist das Bolschoi in London und Madrid mit seinen unschuldigen Balletten nicht mehr willkommen.

Der Kollateralschaden des Krieges trifft aber auch die Literaten und bildende Künstler, haben doch sowohl die Frankfurter Buchmesse als auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sämtliche Kooperationen mit Russland abgebrochen.

Dabei muss man aufpassen, dass man sich nicht ins eigene Fleisch schneidet. Wenn große Hollywood-Studios wie Disney, Warner Bros. oder Sony darauf verzichten, neue Kinoproduktionen in Russland zu zeigen, dann mag der Einnahmeverlust für diese Megakonzerne verschmerzbar sein. Kommt aber die Retourkutsche aus Moskau und werden demnächst westliche Künstler nicht mehr eingeladen, dann kann das zu einem unermesslichen kulturellen Schaden führen. Kunst baut schließlich auch Brücken in die Zukunft, und man sollte die Brücke nach Russland nicht einstürzen lassen.

Absehbar ist indes, dass im Rahmen von Solidaritätsbekundungen viele Brücken in die Ukraine gebaut werden. Schon jetzt tauchen Namen von ukrainischen Literaten auf, die man unbedingt lesen müsse: Jurij Andruchowytsch, Oksana Sabuschko oder ein gewisser Serhij Schadan, dem „Heinrich Böll und Günter Grass der Ukraine“. Man kann eine Wette darauf abschließen: Der nächste Literaturnobelpreis geht in die Ukraine und der nächste Film-Oscar an einen Ukraine-Flüchtling.



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Kommentare

sitra achra am 25.03.22, 13:28 Uhr

Anna Netrebko befindet sich auch glanzvoll in meiner CD-Sammlung. Was hat Kultur mit Politik am Hut?
Es gibt zwar Auftrags- und Tendenzkunst in totalitären Staaten, aber die Verbindung von Kultur und Freiheit ist unauflösbar.
Es ist also irre und unanständig, von Künstlern politische Statements zu erwarten oder gar zu fordern. Wer dies tut, ist ein Banause.
Nur wer eindeutig hetzt, hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen.
Ernst Wiechert hatte guten Grund zu schweigen, zumindest nach seiner Haftzeit in Buchenwald. Darüber hat er einen Roman verfasst.

Waffenstudent Franz am 21.03.22, 09:59 Uhr

Wäre Anna Netrebko eine Negerin, stünde sie weiter unter Naturschutz!

Berlin 59 am 20.03.22, 23:15 Uhr

Für die russischen Künstler die jetzt ihre Anstellungen in Westeuropa verlieren mag das alles schlimm sein. Für die Ukrainischen Menschen die vor der mittlerweile extrem brutalen Russischen Kriegsführung zu Millionen ins Ausland flüchten müssen, ist das um ein vieles härter. Die verlieren nämlich alles, ihre Heimat, Verwandte, Freunde und falls Sie jemals zurückkönnen, wird nichts mehr so sein wie es einmal war. Der Russe zerstört eine Stadt nach der anderen systematisch, ohne Sie aber vollkommen einnehmen zu können. Er setzt jetzt sogar seine Hyperschallraketen ein. Gegen US - Trägerverbände hat die Rakete keine Chance, die sind zugut abgeschirmt. An Land gegen Bunker oder Munitionsdepots, das Schaffen auch Marschflugkörper. Der einzig sinnvolle Einsatz ist, dass man die Rakete mit einem taktischen Atomsprengkopf ausrüstet und damit Städte wie Kiew und Charkiv ohne Vorwarnung angreift und vernichtet.(Das kann auch jede andere Stadt in Europa sein) Denn nachdem, was man bisher von den Russen gesehen hat, werden Sie es mit der konventionellen Kampfweise nicht schaffen. Da werden dann Hunderttausende sterben. Die jetzige Meinung in einigen Foren ist ja, die Ukraine soll doch kapitulieren. Ist sicher auch der überwältigende Wunsch der Europäischen Linken. Da Putin wohl dem Großrussischen Wahn verfallen ist, werden dann Länder wie Finnland, Polen, die Baltischen Staaten, Moldawien, Georgien und vielleicht noch das Gebiet der Ex “DDR“ heimgeholt. Mit China an seiner Seite könnte Putin losschlagen. Als einzigen vor -geschobener Grund für dieses Armageddon wird Putin dann die Entnazifizierung der Ukraine nennen. Das ASOW Regiment gründete sich erst nach den Russischen Überfall 2014. Was wird der Westen, also die NATO, jetzt, heute machen? Ich hätte viele Ideen.

Siegfried Hermann am 19.03.22, 11:10 Uhr

Und jetzt wisst Ihr wie der Hitler-Faschismus funktioniert hat.

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