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Echte Handarbeit: Gläserner Christbaumschmuck aus der Farbglashütte Lauscha
Foto: Adrian LiebauEchte Handarbeit: Gläserner Christbaumschmuck aus der Farbglashütte Lauscha

Christbaumschmuck

Zerbrechliche Tannenfrüchte

Aus Lauscha stammen die Weihnachtsbaumkugeln aus Glas – Die traditionsbewusste Produktion hat sich bis heute gehalten

Andreas Guballa
21.12.2020

Dieses Jahr werden viele Lockdown-geplagte Bürger mehr Zeit für die Weihnachtsvorbereitungen haben. Auch als Trost dafür, dass Feiern im Familienkreis nur eingeschränkt möglich sein wird, könnte der Christbaumschmuck üppiger ausfallen als sonst.

So ist es gut möglich, dass an vielen Tannen mundgeblasene Christbaumkugeln aus dem thüringischen Lauscha hängen werden.
Traditionell wird in Thüringen Weihnachten ganz großgeschrieben. So ist es einer Thüringerin zu verdanken, dass der Weihnachtsbaum in der ganzen Welt berühmt wurde. Adelheid von Sachsen-Meiningen (1792–1849), sieben Jahre lang Königin von England, importierte zur Freude ihrer zahlreichen Nichten und Neffen den deutschen Christbaum nach Großbritannien. Aufgewachsen ist Adelheid im Schloss Elisabethenburg in der Theaterstadt Meiningen.

Auch so mancher Schmuck am Weihnachtsbaum stammt aus Thüringen. Einer Legende zufolge stammt die Idee zu den gläsernen Kugeln von einem Glasbläser, der sich im Jahr 1847 die teuren Walnüsse und Äpfel als Baumschmuck nicht leisten konnte und stattdessen Perlenketten und kleine Formen, wie zum Beispiel Früchte und Zapfen, anfertigte. Über Messen wurde dieser neue gläserne Christbaumschmuck in der ganzen Welt bekannt.

Glas auch für Augenprothesen

In Lauscha ist seit mehr als 170 Jahren das Glasmachen zu Hause. Der älteste, noch erhaltene Betrieb ist die 1853 gegründete ELIAS Farbglashütte, in der weiterhin nach alter Sitte mundgeblasene Glaswaren gefertigt werden. Dort laufen die Handwerker mit der „Glasmacherpfeife" – einem rund zwei Meter langen, mit einem Mundstück versehenen Eisenrohr – ständig hin und her.

Warum, erklärt Glasbläsermeister und Berufsschullehrer Günther Horn: „Glas besteht aus Sand, Soda, Kalk und Pottasche. Los geht es immer damit, dass die Rohstoffe über Nacht zu flüssigem Glas geschmolzen werden. Der erste Schritt der eigentlichen Herstellung ist das Aufblasen des sogenannten Kölbels. Dafür wird mit der Glasmacherpfeife etwas Glas aus dem Schmelzofen geholt und zu einer kleinen Kugel aufgeblasen. Diese Kugel lässt man kurz abkühlen. Dann wird auf diese Kugel nochmals Glasmasse aufgenommen und diese mit Holzwerkzeugen vorgeformt."

Damit die Werkzeuge nicht verbrennen, werden sie gewässert. Beim Kontakt mit dem heißen Glas entsteht ein Wasserdampffilm, welcher die Werkzeuge schützt und die Oberfläche des Glases glatt macht. Dann wird das Glas in eine Form eingeblasen. Anschließend eilt einer der Glasmacher zum Kollegen, der in einer Grube wartet. Dort taucht er, das Eisenrohr drehend, die Glaskugel in eine Flüssigkeit, in der sie geschmiert wird.

Danach kommt sie auf die Kühlbahn, wo das Glas langsam von 500 Grad Celsius auf Raumtemperatur abgekühlt wird. „Das sorgt dafür, dass Spannungen aus dem Glas entweichen", erklärt Horn. Danach werden die Gläser geschliffen und Ränder verschmolzen.

Auf dem Weg zur Weiterverarbeitung fallen auf einem langen Tisch jede Menge farbiger Glasröhren auf. Die für Augenprothetiker gedachten Farbglasröhren und Stäbe, die Glasgestalterin Petra Meusel geschickt und furchtlos mit Feuer und Fantasie produziert, sind im Regal hinter ihr zu sehen. Sie ist voll konzentriert. Dass Besucher ihr zuschauen oder Fotos machen, stört sie nicht.

Man wird fast farbtrunken

Weiter geht es durch große Räume, in denen sich eine Fülle diverser Glaswaren stapelt – selbstverständlich auch das traditionelle grünliche Thüringer Wald-Glas im Original. Es gibt auch bläulich und rötlich eingefärbte Glaswaren sowie eine moderne Interpretation, welche die Designer mit Studenten der Bauhaus-Universität entworfen haben. Einigen Besuchern geht jedoch nichts über eine original Lauschaer „Unikat-Murmel" in echter Handarbeit, bei deren Anblick Kindheitserinnerungen wach werden. Aber auch bei Sammlern findet sie großes Interesse. Angesichts des sehr vielfältigen Weihnachtsschmucks werden die Besucher fast farbtrunken. Glöckchen, Tannenbaumspitzen sowie zwölf bis 27 Zentimeter große Garten- und Christbaumkugeln mit oder ohne Verzierungen schimmern in Gold und Silber sowie in Rot und Blau.

Deren Entstehung ist eng mit der Gründerfamilie der Farbglashütte, Greiner-Mai, verbunden. Der erste Christbaumschmuckbläser Christian Günter Greiner-Mai, der 1822 in Lauscha geboren wurde, wird in der Literatur als Mitbegründer des Lauschaer Christbaumschmucks erwähnt. Er fertigte bereits 1830 kleine Glasfrüchte für die Schmuckherstellung. Daraus ist nachweislich der weltbekannte Lauschaer Christbaumschmuck entstanden. Er wird in der zur ELIAS Farbglashütte gehörenden Manufaktur produziert.

In dem Betrieb werden wie vor über 150 Jahren Repliken des original Lauschaer Christbaumschmucks gefertigt. Doch auch dieser unterliegt der Mode. Für dieses Jahr hat man sich Neues ausgedacht: rosafarbene, silbrig verzierte Kugeln. Im Hoffen auf eine rosige Zukunft.

• Das Ladengeschäft der Farbglashütte Lauscha in der Straße des Friedens 46 ist nach dem Lockdown geöffnet: Montag bis Sonnabend von 10 bis 17 Uhr, Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Heiligabend hätte es von 10 bis 14 Uhr geöffnet werden sollen. Der Eintritt – mit Mund-Nasen-Schutz – ist frei. Die Erlebnisführung und das Selbstblasen von Kugeln sind aus Hygienegründen zurzeit nicht möglich. Telefon: (036702) 281 25, E-Mail: tourismus@farbglashuette.de, Internet: www.farbglashuette.de



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Kommentare

Chris Benthe am 23.12.20, 09:29 Uhr

Wunderbarer Bericht. Danke.

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