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Cora Stephan: „Margos Töchter“, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2020, gebunden, 400 Seiten, 22 Euro
Cora Stephan: „Margos Töchter“, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2020, gebunden, 400 Seiten, 22 Euro

Familiensaga

Zerrissen in der deutschen Geschichte

Cora Stephans Romanzyklus erzählt die Geschichte zweier Frauen der Kriegsgeneration und ihrer Töchter

Holger Fuß
03.04.2021

Als die Kölner Journalistin Sabine Bode 2004 ihr viel diskutiertes Buch über die vergessene Generation der Kriegskinder veröffentlichte, wurde auch die Einsicht breitenwirksam, dass die Kriegsgeneration ihren Nachkommen die persönlichsten Erinnerungen und Albträume vererbt hat. Noch Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Kinder der Zeitzeugen vom Grauen der Bombennächte und den Schrecken der Vertreibungen in nächtlichen Traumsequenzen heimgesucht. Solche Phänomene illustrieren auf eindringliche Weise, wie sehr zwischen den Generationen unterschwellige Verbindungen bestehen, die über die vordergründige Verwandtschaft und Alltagsbeziehungen hinausgehen

Erinnerungen an Kriegsschrecken

Die Publizistin und Romanautorin Cora Stephan hat 2016 den ersten Band eines Romanzyklus herausgebracht, in dem sie diese überzeitlichen Generationsverknüpfungen zu einem verschlungenen Erzählgewebe gestrickt hat. Nach „Ab heute heiße ich Margo“ ist 2020 der zweite Roman, „Margos Töchter“, erschienen. Entstanden ist ein multiperspektivisch erzähltes Epos zweier Frauen und zweier Töchter entlang der zerrissenen deutschen Zeitgeschichte.

Margo, so beginnt die Geschichte 1936 in Stendal, wächst in einer durchschnittlichen Familie auf, der Vater ein vom Ersten Weltkrieg ramponierter Tyrann, die Mutter kuscht, alle erfüllt von der Aufbruchstimmung, dem „neuen Geist“, den der Führer verheißt. Das junge Mädchen ist 17, verlässt die Schule und beginnt eine Lehre im Fotoladen. Dort trifft sie auf Helene, eine zwei Jahre ältere Fotografin, die zuvor als Berichterstatterin im Spanischen Bürgerkriegsgebiet nur knapp überlebt hat. Und es taucht Alard auf, ein junger Diplomat im Auswärtigen Amt, „biegsam, geschmeidig“, in den sich Margo sofort verguckt, aber dann bemerkt, dass es auch zwischen Helene und Alard knistert. Als die Gestapo Helene wegen Spionage abholt und ins KZ steckt, werden die beiden Frauen auseinandergerissen.

Margo verliebt sich in Henri, der bald in den Krieg muss. Sie heiraten, wie so viele, die damals nicht wussten, ob sie sich wiedersehen. Sie sucht Schutz außerhalb der Stadt im ländlichen Niederschlesien. Dort begegnet ihr Alard wieder. Ausgehungert nach Zärtlichkeit verbringen sie eine Liebesnacht miteinander. Weihnachten 1944 kommt ihre gemeinsame Tochter Emma zur Welt. Auf der Flucht vor den Russen sehen sich Margo und Helene auf Alards elterlichem Hof in Schlesien wieder. Dann überfallen Russen und Polen das Anwesen, vergewaltigen und brandschatzen. Helene flieht mit Emma. Alard findet Margo halbtot in ihrem Blut.

Was einem anderen Schriftsteller bis hierher als Stoff für einen dickleibigen Roman genügen würde, ist bei Cora Stephan Ausgangsszenario und Zündkapsel für die eigentliche Saga, in dem die Verruchtheit der deutschen Zeitläufte in den handelnden Personen Gestalt gewinnt. Helene im Osten, Margo im Westen Nachkriegsdeutschlands, hier die Stasi-Agentin, dort die Aufsteigerin im Wirtschaftswunder, stets auf rätselhafte Weise verstrickt miteinander. Mal liest es sich wie ein Geheimdienst-Thriller, mal wie eine Familienchronik, dann wieder als Liebesgeschichte, herzzerreißende Mutter-Tochter-Tragödie, eine ganz unfeministische Frauen-Story.

Das eigentlich Aufregende an diesen Romanen ist, dass Stephan uns auf subtile Weise einen neuen Blick auf das Zeitgeschehen beschert. Gleich zu Beginn beschreibt sie die Ereignisflut in den zwölf Hitler-Jahren, die politischen Umbrüche, die technischen Errungenschaften, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit: „Das eigene Leben war so unbedeutend im Vergleich zu den großen Dingen, die sich im Deutschen Reich abspielten! Dass man daran teilhaben konnte!“ In dieser kurzen Passage erhalten wir ein Gespür für die ungeheure Dichte der Geschehnisse, mit der eine existentielle Intensität einherging, die wir uns in unserer trägen Wohlstandsgegenwart kaum mehr vorstellen können, und die sich schließlich mit grauenvoller Wucht in Krieg und Vernichtung entlud.

Neuer Blick auf das Zeitgeschehen

Noch vieles andere erläutert uns Stephan auf eigentümlich sinnlichem Umweg über ihre handelnden Figuren. Wie sich die DDR anfühlte: „Wir in der DDR tun Buße für das, was geschehen ist, dachte sie, für jedes KZ, für jeden Ermordeten, für all das, was deutsche Soldaten in Schutt und Asche gelegt haben.“ Wie sich die Bundesrepublik anfühlte: „Nie mehr gläubig sein, hatte sie sich nach dem Krieg geschworen, nie mehr auf große Worte und hehre Ziele hereinfallen. Wie richtig – und wie trostlos das doch war, wenn es sonst nichts gab, für das sich Begeisterung lohnte.“

Wir erfahren ironische Details, etwa, dass bereits 1964 vor einem Rechtsrutsch in der Bundesrepublik gewarnt wurde. Tatsächlich war das Land niemals ernsthaft von Rechts bedroht, Westdeutschland, später Gesamtdeutschland wurde immer liberaler. Und schon 1970 notiert Margos Tochter Leonore als linkssympathisierende Studentin an der Uni Münster: „Allerdings lernte man bei den als reaktionär verschrienen Professoren noch am meisten.“

Wem heute die Corona-Hysterie gespenstisch anmutet, findet bei tephan in Erinnerung gerufen, dass die Terroristenhysterie zu Baader-Meinhof-Zeiten sich nach einer ähnlichen Methode abspielte – breiträumige mediale Angstmacherei trifft auf neurotische Empfänglichkeit in der Bevölkerung und gebiert Kontrollwahn und Denunziantentum. Aufschlussreich auch die Analogie, die zwischen dem Augusterlebnis, der „Begeisterung, mit der die Deutschen in den Ersten Weltkrieg gezogen waren“, und dem Lebensgefühl der RAF-Terrorszene gezogen wird: „Endlich, so klang es bei manch einem, öffnete sich auf dem Schlachtfeld ein Weg aus der Langeweile des Alltags, endlich gab es ein Ziel, endlich ging es vorwärts, endlich war was los. Die Tat. Die Aktion. Es war verblüffend, wie vertraut ihr die Sprache vorkam. Vom unbedingten Willen zur Tat tönte es auch bei den Sympathisanten der Baader-Meinhof-Gruppe, und siegen wollte man auch, fragt sich nur, über was und wen.“

In solchen Déjà-vus scheint ein Sarkasmus der deutschen Geschichte durchzuleuchten. Denn entgegen der Annahme historischer Optimisten mahlen die Mühlen des geschichtlichen Fortschritts oft erschütternd langsam. Offenbar müssen politische Fehlentwicklungen erst von mehreren Generationen durchexerziert werden, ehe die Menschen bereit sind, sich von ihnen endgültig zu verabschieden. Auf die Parole des Thomas Müntzer aus den Bauernaufständen um 1525 ist eben nicht immer Verlass: „Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsere Enkel fechten's besser aus.“



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