27.02.2024

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Zu Besuch bei Kant

Die Bonner Bundeskunsthalle lässt den großen Philosophen zur Wiederkehr seines 300. Geburtstags im kommenden Jahr im barocken Königsberg virtuell wiederauferstehen

Siegfried Schmidtke
30.11.2023

Über die Grenzen Ostpreußens ist Immanuel Kant bekanntlich nie hinausgekommen. Er war nie in Berlin, in Breslau oder Danzig. Nie in Paris, London oder St. Petersburg. In der Ausstellung „Immanuel Kant und die offenen Fragen“ werden in der Bundeskunsthalle Bonn sieben Aufenthaltsorte Kants außerhalb von Königsberg genannt: Großarnsdorf, Wohnsdorf an der Alle, Pillau, Judtschen und Goldap sowie Schloss Capustigall und Moditten in der Nähe Königsbergs. Die kleine Welt des großen Kant.

Dieser offensichtlich eingeschränkte Lebens- und Bewegungsraum hat Kants geistiger Beweglichkeit und Weltoffenheit allerdings keinen Abbruch getan. Eher umgekehrt: Das stete, ruhige Leben mit einem streng geregelten Tagesablauf verschaffte dem am 22. April 1724 als viertes von elf Kindern in Königsberg geborenen Denker die Zeit und Muße zum Philosophieren. Ein Spaziergang um 16 Uhr und das gemeinsame Essen mit befreundeten Zeitgenossen – keine Frauen! – gehörten zum täglichen Ritual.

Die beiden Kuratoren der Ausstellung, Agnieszka Lulinska und Thomas Ebers, bringen mithilfe der Illustratorin und Designerin Antje Herzog das fast 80-jährige Leben Kants als gezeichnete Biografie auf die meterlangen Wände der Kunsthalle. Anschaulich und amüsant werden die Lebensumstände Kants im damaligen Königsberg, aber auch Anekdoten und Episoden bildhaft beschrieben: Was verdiente Kant eigentlich? Und was konnte man dafür kaufen? Die Besucher erfahren, dass ein Tagelöhner rund 50 Taler im Jahr verdiente, ein Lehrer kam auf 100 bis 200 Taler. Der „Unterbibliothekar“ Kant erhielt 62 Taler im Jahr, der Universitäts-Professor Kant kam immerhin auf 236 Taler. Für einen Preußischen Reichstaler hätte Kant 1785 dann 25 Pfund Brot oder zwei Pfund Tabak oder zwei Flaschen Champagner oder ein Paar Schuhe erwerben können.

Kant brauchte vor allem Papier, Tinte und Federkiele, um seine Werke zu verfassen. Für seine Bücher „Kritik der reinen Vernunft“ und „Kritik der praktischen Vernunft“ zahlte der Verlag vier Taler Honorar pro Bogen, insgesamt 220 Taler. Klingt beachtlich, immerhin fast das Jahressalär des Professors. Süffisant wird vermerkt, dass Kants Bewunderer und Kritiker Friedrich Schiller bis zu sechsmal mehr Honorar pro Bogen erhielt.

„Seele Königsbergs wird erfahrbar“
Ein besonderer Clou gelingt den Ausstellungsmachern mit der akribischen Rekonstruktion des historischen Königsberg zu Zeiten Kants. Mit Hilfe von Plänen, Zeichnungen, Stichen und Beschreibungen aus damaliger Zeit und mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz schuf Projektleiter Martin Papirowski eine täuschend echt wirkende virtuelle Realität (VR). Wer sich die bereitliegende VR-Brille aufsetzt, taucht in eine lebendige, real erscheinende Welt ein, die das Königsberg des 18. Jahrhunderts widerspiegelt. Da liegen Segelfrachtschiffe im Pregel-Hafen an der Kai-Mauer. Hafenarbeiter tragen Waren in die nahen Speicherhäuser und Silos. Passanten schlendern über die Straßen. „Die Seele der Stadt Königsberg zu Kants Zeiten wird erfahrbar“, schwärmt Papirowski, „hier ist das weltweit umfassendste VR-Projekt zu sehen.“

Die meisten materiellen Grundlagen für diese virtuelle Welt und auch die begleitenden Objekte und Werke zur illus-trierten Wand-Biografie stammen übrigens aus dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg. Dessen Direktor Joachim Mähnert konnte aus der umfangreichen Kant-Sammlung des Lüneburger Museums zahlreiche Objekte nach Bonn ausleihen. „Da Königsberg im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht, wie Danzig oder Breslau, wiederaufgebaut wurde, war die Rekonstruktion der Stadt nur mit Hilfe von archivierten Kataster-Auszügen, Straßenkarten und Plänen möglich.“

Kant suchte in seinem philosophischen Werk Antworten auf folgende Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch? Diese vier offenen Fragen strukturieren auch den Ausstellungsrundgang. Mit praktischen Übungen können sich die Besucher mit den Kant'schen Begriffen wie Anschauung, Erkenntnis, Erfahrung, Urteil oder Verstand vertraut machen.

Kant selbst erwartete sich Antworten zu diesen Fragen durch eigenes kritisches Denken – ohne Vorgaben durch religiöse Autoritäten oder die staatliche Obrigkeit. Sapere aude!, auf Deutsch: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, lautete ein Kernsatz der Kant'schen Aufklärungs-Philosophie. Kant definierte Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Kants Überlegungen, das Selbst-Denken und das verstandesgeleitete Handeln, fanden sich wieder in der Denkrichtung des Universalismus: Für alle Menschen gelten universell die gleichen Gesetze und somit auch die gleichen Rechte. Sie wurden konkret umgesetzt, so die Ausstellung, in der US-amerikanischen Verfassung von 1776, den Grundsätzen der Französischen Revolution und schließlich bei der UN-Menschenrechts-Charta 1948.

Bundeskunsthalle Bonn bis 17. März. www.bundeskunsthalle.de


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Kommentare

Gregor Scharf am 01.12.23, 09:01 Uhr

Das mit der geschürten Russophobie beruht leider auf Gegenseitigkeit, denn wer russisches Staatsfernsehen seit über einem Jahrzehnt verfolgt, erkennt, dass man uns dort permanent als Faschisten bezeichnet und Berlin erneut im Sturm einnehmen will.
Es ist auch völlig falsch, von Russophobie zu sprechen, haben wir doch vierzig Jahre mit den Sowjets gelebt. Das waren damals in den Siebzigern vorbildliche Menschen, nicht zu vergleichen mit dem, was heutzutage abgeht. Kant‘s Wirrungen und Schriften werden überbewertet. Nicht selten benutzt, um sich dahinter verstecken zu können, weil man kein Eigenleben hat, dabei sagt die Einleitung im ersten Abschnitt schon alles aus. Philosophen haben zu viel Freizeit, dadurch lange Weile, kommen auf wirre Gedanken und verbreiten ihren Unsinn dank eitler Intellektueller in der Öffentlichkeit. Und schon werden aus Gedankensprüngen des Einzelnen Weltanschauungen konstruiert, die keine sind, vielmehr überflüssig und nutzlos wie Flöhe in der Unterhose oder Ameisen bei einem Schäferstündchen im Freien.

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