18.06.2024

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„Grauwoller“

Zurück zur Natur

Bekleidung aus tierischer Wolle – Die Rauhwolligen Pommerschen Landschafe liefern das Material

Thorsten Seegert
14.12.2023

Dort, wo im Sommer Touristen über den Höhenrücken der Zicker Berge laufen und vergeblich das Nonnenloch suchen, sind sie zu Hause: die Rauhwolligen Pommerschen Landschafe. Die vierbeinigen „Landschaftspfleger“ gehören zum Pommern-Hof Westphal. Einige hundert sollen es nun schon sein, die ganz nebenbei noch Fleisch, Milch und Wolle geben.

Eigentlich sollten die genügsamen Tiere längst wieder auf den nördlich von Groß Zicker gelegenen Bakenberg sein, doch dann machte ihren Haltern der Wintereinbruch in Pommern einen Strich durch die Rechnung. Vor zwei Wochen schneite es so stark, dass man selbst diese robusten und bodenständigen Tiere nicht mehr auf den Höhenzug, in eine weiß gepuderte Landschaft der Rügener Halbinsel Mönchgut, lassen wollte.

Noch vor etwa 90 Jahren gab es weit über 70.000 pommersche Landschafe, und nach dem Zweiten Weltkrieg sollen es sogar etwa 110.000 gewesen sein. Die Schafe prägten einst die Landschaft. Dann wurde der Bestand dieser heimischen Kulturrasse stark gefährdet durch die sich herausbildende Großfelderwirtschaft und die zunehmende Zucht leistungsstärkerer Nutztierrassen.

Doch die Pommern-Schafe hatten Glück. Dank passionierter Züchter auf Rügen, Hiddensee und dem Festland, die sich für den Erhalt der Rasse einsetzten, konnten die letzten Bestände der „Grauwoller“ von sieben Böcken und 46 Mutterschafen in den letzten Jahrzehnten wieder stabilisiert und aufgebaut werden.

Der Bestand wächst
Dazu trägt zweifellos auch die Unterstreichung als Nutztier bei. Denn die Wolle der Schafe, die mit ihren grauen bis stahlblauen Färbungen nun wieder die Heimat dieser Tiere prägen, wurde für die Weiterverarbeitung entdeckt. Der Rüganer Mario Scheel gründete dazu sein Geschäft Nordwolle Rügen und produziert seit 2013 hochwertige Outdoor-Bekleidung. Und: Was einst als Makel galt, die natürliche Färbung der Schafwolle, ist heute längst ein Zeichen für die Individualität daraus gefertigter Produkte. Die Färbung gestaltet nur die Natur.

Eigentlich war es so ja schon immer so, denn bevor die Industrialisierung auch die Bekleidungsindustrie veränderte, wurden aus der Wolle des „grauen Schafes“ noch Segeltuch und Fischerjoppen gefertigt. Und heute? Da entstehen mittlerweile Walkjacken, Pullover oder Decken und vieles mehr. Doch bevor es dazu kommt, muss einiges geschehen: Nachdem die Schafe jährlich zwischen Mai und Juni geschoren werden, wird ihre Wolle gewaschen, zu Garn gesponnen und schließlich gewebt oder gestrickt. Aus ihr soll am Ende wasserabweisende und regendichte Bekleidung entstehen.

Kein leichter Anfang: Noch vor etwa zehn Jahren war der Gründer der Nordwolle Rügen mit 300 Kilogramm Schafwolle durch Deutschland getingelt. Sein Ziel war eine Firma zu finden, die noch deutsche Wolle verspinnt. Das war gar nicht so einfach. Denn in kleineren Mengen ist das schwierig, und in großen Mengen ist dies beim pommerschen Landschaf – noch – nicht möglich. Scheel hatte Glück. Ein kleines Familienunternehmen – es ist das letzte von einst 184 Tuchfabriken in Deutschland – verspinnt heute sein Garn. Aus den paar hundert Kilo sind bereits einige Tonnen Wolle geworden, die Scheel nun Jahr für Jahr verarbeiten lässt.

Komplett: Made in Germany
Wer einen Pullover in der Hand hat, sieht nicht nur eine schlichte graue Faser, er sieht auch eine Struktur, welche die Natur über Jahrhunderte hervorgebracht hat. Und wer sich für einen solchen praktischen „Überzieher“ entscheidet, lernt schon bald deren Vorzüge kennen. Wie das Rauhwollige Pommersche Landschaf sind auch diese Pullover für das raue Klima gemacht. So wundert es daher nicht, dass Gründer Scheel dies bei Wind und Wetter immer wieder unter Beweis stellt, auch vor laufenden Kameras, etwa wenn er mit einem Team des Norddeutschen Rundfunks bei Regen für die Sendung „Nordstory“ unterwegs ist.

Längst wird es aber auch bei der Nordwolle immer bunter. Nicht nur Pullover, sondern auch Mäntel oder Schuhe sind Teil des Sortiments geworden, und die Wolle der „Grauwoller“ wird mit bunten Farben kombiniert. Man darf gespannt bleiben, was dem Rüganer Scheel als Nächstes einfällt.

Eines hat er aber bereits erreicht: Die Wolle der Rauhwolligen Pommerschen Landschafe hat wieder einen Wert. Der Absatz der aus ihrer Wolle gefertigten Produkte trägt zum Erhalt dieser alten Schafrasse bei – und die Zahl der Fans dürfte auch weiterwachsen.

www.nordwolle.com


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