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Interview

Zwischen Schraubenschlüssel und KI

Die Marinetechnikschule (MTS) Parow – Ein Stück Geschichte an historischem vorpommerschen Standort

Peer Schmidt-Walther
22.05.2023

Im gespräch mit Kapitän zur See Oliver Jülke

Bis vor Kurzem hat Kapitän zur See Oliver Jülke die größte Ausbildungseinrichtung der Deutschen Marine geführt, bevor er den für seine Laufbahn vorgeschriebenen neuen Dienstposten angetreten hat. Er zeigt, welche vielfältigen Möglichkeiten sich heutzutage für junge Leute in einem modern geführten „staatlichen Sicherheitsbetrieb“ bieten.

Welchen Wert hat das Umfeld der Schule für den Standort Stralsund?
Stralsund hat eine sehr lange Marinegeschichte, die sich bis auf die Anfänge der preußischen Marine Anfang des 19. Jahrhunderts und die sogenannte „Paulskirchenflotte“ 1848 zurückführen lässt. Die Tradition der Stationierung von Teilen einer demokratischen Marine in der Hansestadt Stralsund wird heute durch die Marinetechnikschule fortgeführt. Auch wenn das Gelände der Marinetechnikschule rein formal nicht zum Gebiet der Stadt, sondern zur Gemeinde Kramerhof gehört, gibt es seit Gründung der MTS enge Beziehungen zwischen Stadt und Schule und natürlich auch zwischen Landkreis und Schule. Im Jahr 2013 hat die Stadt konsequenterweise die Patenschaft über die Marinetechnikschule übernommen.

Gelebt wird die Verbindung insbesondere durch die gegenseitige Unterstützung. So stellt uns die Hansestadt ihre städtische Infrastruktur für die Vereidigung oder bereits zweimal für die sehr erfolgreiche Durchführung des Tages der Bundeswehr zur Verfügung. Und wir als MTS unterstützen mit dem freiwilligen Engagement unserer Soldaten sowie Mitarbeitern den Zoo, das Marinemuseum auf dem Dänholm oder die Durchführung von Sportveranstaltungen. Ich begrüße das außerordentliche Engagement der Hansestadt Stralsund uns gegenüber ausdrücklich und kann sagen, dass wir uns an diesem auch landschaftlich sehr schön gelegenen Standort sehr zu Hause fühlen.

Welche Stationen haben Sie bei der Deutschen Marine durchlaufen?
Ich möchte mich zunächst für die Möglichkeit bedanken, den Lesern der Pommerschen Zeitung/Preußischen Allgemeinen die Marinetechnikschule ein wenig näherbringen zu können. Ich selbst bin 1984 in die Marine eingetreten und wurde die ersten fünf Jahre im Bereich der elektronischen Kampfführung auf Schnellbooten und Fregatten verwendet. Nach meiner Übernahme zum Offizier und dem Studium des Maschinenbaus wechselte ich in den Bereich der Schiffstechnik und durchlief fordernde und abwechslungsreiche Verwendungen als Elektrotechnik- und Antriebsoffizier auf Fregatten der Klasse F122 bis hin zum Schiffstechnikoffizier der Fregatte „Augsburg“.

Neben dem Einsatz als Ausbildungsoffizier in der Seeausbildung am damaligen Ausbildungszentrum Schadensabwehr in Neustadt, als Haushaltsreferent im Führungsstab der Marine des BMVg und der Admiralstabsausbildung am Naval War College der US-Navy in Newport/Rhode Island bildeten die Verwendungen im Bereich der Personalentwicklung der Offiziere in Köln einen weiteren Schwerpunkt meiner Laufbahn. 2014 habe ich dann die Aufgaben des Gruppenleiters Marineunterstützungskommando I A und damit die Verantwortung für die Instandsetzung der Schiffe, Boote und Landanlagen der Marine übernommen. Seit September 2018 darf ich nun die Marinetechnikschule als Kommandeur führen.

Nach welchen Kriterien führen Sie die MTS? Was erwarten Sie allgemein und im Besonderen von Ihren Mitarbeitern?
Alleinige Daseinsberechtigung der Marinetechnikschule ist ihr Kernauftrag: der Flotte Personal zur Verfügung zu stellen, welches aufgrund einer fundierten Grundlagen-, Fach- und Systemausbildung in der Lage ist, relevante Beiträge zum Einsatz und Betrieb zunehmend komplexer werdender Waffensysteme zu leisten. An diesem Kriterium richten sich alle Arbeiten an der MTS aus. Mir ist es dabei ein besonderes Anliegen, dass die Entscheidungsträger in den einzelnen Bereichen, also im Wesentlichen die Lehrgruppenkommandeure, Hauptfachbereichsleiter und Inspektionschefs dieses Ziel verinnerlichen und in den einzelnen Bereichen im Sinne des Führens mit Auftrag umsetzen.

Insbesondere für das Lehrpersonal unter meinen Mitarbeitern bedeutet dies, dass ich neben der erforderlichen, fundierten Fachlichkeit besonderen Wert darauf lege, dass diese den Wesenskern der Marine, die Seefahrt kennen, Erfahrungen aus dem realen Leben der Flotte an die Lehrgangsteilnehmer vermitteln können und diese damit im besten Falle zu motivierten und engagierten Seefahrern erziehen. Die Ausbilderinnen und Ausbilder sollen also idealerweise in der Lage sein, authentisch aus eigener Erfahrung vom Leben an Bord, der Technik, den Herausforderungen und Erlebnissen berichten und damit die Lehrinhalte anschaulich und praxisnah vermitteln zu können.

Welche Ausbildungsgänge gibt es an der Marinetechnikschule?
Neben der militärischen Grundausbildung, die ich hier nicht weiter betrachten werde, kann man die an der MTS angebotenen Trainings unter den Oberbegriffen Basis- oder Berufs-, Fach- und Systemausbildung zusammenfassen. Insgesamt werden an der MTS 180 verschiedene Trainingstypen in zirka 500 Durchgängen im Jahr angeboten. Die Trainingsdauer reicht dabei von wenigen Tagen in der Atemschutzgeräteträgerausbildung bis zu 24 Monaten in der Technikerausbildung der angehenden Offiziere des militärfachlichen Dienstes.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die zivilberuflich anerkannte Aus- und Weiterbildung der zukünftigen Gesellen, Facharbeiter und Meister in verschiedenen Berufsbildern von der Feinwerkmechanik über den Elektroniker für Betriebstechnik bis zum IT-Systemelektroniker, wobei diese Auswahl nur einen Teil unseres Ausbildungsspektrums darstellt. In der beruflichen Aus- und Weiterbildung nimmt die Marinetechnikschule unter allen Bundeswehrschulen dabei eine Sonderstellung ein, da wir nicht nur der zuständige Betreuungstruppenteil für diejenigen Soldatinnen und Soldaten sind, die durch einen externen Bildungsträger ausgebildet werden, sondern die Ausbildung auch mit eigenen Kräften durchführen.

Am Herzen liegt mir besonders unsere Fachschule der Marine für Technik. Eine durch das Land Mecklenburg-Vorpommern anerkannte staatliche Ersatzschule. Wie ich das bereits erwähnt habe, führen wir unsere angehenden Offiziere des militärfachlichen Dienstes in dieser Schule bis zum Abschluss als staatlich geprüfter Techniker – oder gemäß des gültigen Qualifikationsrahmens bis zum Bachelor Professional – in den Fachrichtungen Maschinen- und Elektrotechnik. Komplettiert wird unser Ausbildungsangebot für die Truppe durch Trainings in vielen anderen Bereichen wie zum Beispiel der Bootsaussetzvorrichtungen, Kranausbildung oder Höhenrettung.

Wo besteht mehr, wo weniger Bedarf an gut ausgebildetem Personal und welche Fähigkeiten sollten Bewerber mitbringen? Wie schätzen Sie insgesamt die Karrierechancen in der Marine ein?
Die Schiffe und Boote der Marine sind komplexe Waffensysteme, die auf engstem Raum unter anderem über leistungsfähige Antriebs-, Energieerzeugungs-, Schiffsbetriebs- sowie Waffen- und Führungsanlagen verfügen. Dazu kommt ein kompletter Hotelbetrieb, die Abwasser- und Müllbehandlung und vieles mehr, um einen autarken Einsatz in See auch über längere Zeiträume zu ermöglichen. Das Ganze wird heute im Regelfall rechnergestützt betrieben und überwacht und über verschiedene Netzwerke an Bord organisiert. Gleichzeitig sind aufgrund des hohen Automationsgrades die Besatzungsstärken auf den modernen Einheiten teilweise um bis zu 50 Prozent gegenüber älteren Einheiten reduziert worden.

Daran wird deutlich, dass auch die Anforderungen an das technische Personal heute deutlich anders gelagert sind als früher. Diese Einheiten erfordern den umfangreich ausgebildeten Spezialisten, der aufgrund seines Systemverständnisses in der Lage ist, in Funktionsketten zu denken. Hier sehe ich den wesentlichen Bedarf.

Und aus dem Skizzierten wird auch deutlich, welche Fähigkeiten unsere Bewerber idealerweise mitbringen sollten. Neben einer soliden naturwissenschaftlichen Basis ist heute auch immer schon eine gewisse Affinität zu allem, was mit IT zu tun hat wünschenswert. Denn wo wir früher 80 Prozent Mechanik und 20 Prozent Elektronik hatten, haben wir heute im gesamten Schiffsbetrieb zu je 50 Prozent Mechanik und Elektronik beziehungsweise IT.

Welchen Herausforderungen muss verstärkt in Zukunft begegnet werden?
Die zunehmende Komplexität der schwimmenden Waffensysteme der Marine aber auch gesellschaftliche Trends wie Distanz- oder lebenslanges Lernen müssen und sollten sich in der Ausbildungslandschaft und natürlich auch an der MTS abbilden. Bereits vor einiger Zeit angestoßen, aber sicher durch die Corona-Pandemie beschleunigt, haben wir umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um perspektivisch geeignete Ausbildungsinhalte – hier insbesondere der Fachausbildung - auch im Rahmen von e-learning vermitteln zu können. Unter dem Stichwort „Lebenslanges Lernen“ gibt es darüber hinaus erste Überlegungen für den perspektivischen Aufbau einer Seminarlandschaft, die zukünftig den Offizieren und Unteroffizieren an bestimmten Karrierepunkten, zum Beispiel beim Wechsel von Bord- zu Stabsverwendungen, Weiterbildungsangebote unterbreiten soll, um den Umstieg insgesamt zu erleichtern.

Moderne Ausbildung erfordert natürlich auch eine moderne Ausbildungslandschaft. In der beruflichen Aus- und Weiterbildung können wir uns zum Beispiel in der Fachrichtung Feinwerkmechanik auf einen „state of the art“ Maschinenpark abstützen, von der computergesteuerten Hightech Fräse bis zum 3-D-Drucker. Und auch in der Fach- und Systemausbildung der Waffen- und Schiffstechnik können wir die Ausbildung an Originalanlagen beziehungsweise mithilfe einer entsprechenden Simulationsumgebung sicherstellen.

Mit Blick zum Beispiel auf die neue Fregatte F126 wird dabei tendenziell die Simulation bis hin zu Virtual Reality einen breiteren Raum einnehmen. Davon unbenommen muss jedoch auch die Ausbildung an realen Anlagen, also mit dem Schraubenschlüssel in der Hand ein wesentlicher Schwerpunkt bleiben. Wir haben dazu verschiedene Projekte, wie eine Ausbildungsanlage Schiffstechnik oder eine Netzwerkausbildungsanlage angestoßen und hoffen – nicht nur mit Blick auf die Attraktivität der Ausbildung – auf deren zeitnahe Realisierung.

Das Interview führte Peer Schmidt-Walther, Presseoffizier und Kapitänleutnant d.R. a.D


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Kommentare

Michael Holz am 24.05.23, 21:49 Uhr

Bei Peer Schmidt-Walther fängt die "Geschichte" erst nach 1990 an. Ich habe 1964 auf der Offiziersschule "Karl Liebknecht" der Volksmarine der DDR die Grundausbildung und eine Ausbildung "für schnelllaufende Motoren" sowjetischer Bauart absolviert. Ein kurzes Wort zu der näheren Vergangenheit wäre nicht schlecht gewesen.

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