27.09.2022

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Kai-Uwe von Hassel

Brückenbauer zwischen Europa und Afrika

Vor 25 Jahren starb der in Ostafrika geborene Spross einer preußischen Offiziersfamilie. Er war Ministerpräsident, Bundesminister, Bundestagspräsident und Mitglied des ersten direkt gewählten Europaparlaments

Wolfgang Reith
06.05.2022

Er war überzeugter Europäer und zugleich Brückenbauer zwischen den Kontinenten Europa und Afrika, die er beide als seine Heimat betrachtete. Geboren am 21. April 1913 in Gare, Bezirk Tanga im damaligen Deutsch-Ostafrika, lebte Kai-Uwe von Hassel dort sechs Jahre lang mit seinen Eltern und Geschwistern, ehe die Familie nach Deutschland repatriiert wurde. Sein Vater, Theodor von Hassel, war 1903 als Offizier der Schutztruppe in die Kolonie gekommen, wo er nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst 1909 als Pflanzer blieb. Er baute dort die Farm Neu-Apenrade auf. Mit dem Farmnamen nahm er Bezug auf die Heimat seiner Ehefrau Emma geborene Jebsen, die aus Apenrade stammte.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, der Deutschland seine Kolonien kostete, und der Entlassung Theodor von Hassels aus britischer Kriegsgefangenschaft, in die er 1917 geraten war, lebte die Familie von 1919 bis 1926 in Deutschland. Dann zog es ihn trotz der veränderten Besitzverhältnisse in Afrika wieder zurück nach Ostafrika, ins nunmehrige Tanganjika Territory.

Prägende Zeit in Schleswig-Holstein

Kai-Uwe von Hassel legte 1933 am Reform-Realgymnasium in Flensburg sein Abitur ab und absolvierte dann eine landwirtschaftlich-kaufmännische Ausbildung, unter anderem an der Deutschen Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe in Witzenhausen. Im Februar 1935 folgte er seinem Vater, um auf der elterlichen Plantage tätig zu werden, die er schon im November desselben Jahres übernahm, als sein Vater plötzlich verstarb. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Kai-Uwe von Hassel festgenommen und in ein Internierungslager nach Daressalam überstellt. Dort wurde er bis Februar 1940 festgehalten, dann erfolgte zum zweiten Mal in seinem Leben die Ausweisung aus seiner Heimat nach Deutschland.

Dort leistete er Dienst in der Wehrmacht, die ihn unter anderem als Dolmetscher im Amt Ausland/Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris einsetzte. Nach der schnellen Rückkehr aus britischer Kriegsgefangenschaft im September 1945 arbeitete von Hassel zwei Jahre lang als Angestellter bei der Kreisverwaltung Flensburg.

Seit 1946 war er Mitglied der CDU. 1950 wurde er erst stellvertretender, ein halbes Jahrzehnt später dann Vorsitzender des Landesverbandes Schleswig-Holstein. 1964 bis 1975 war er dann wieder Stellvertreter, erst von Helmut Lemke, dann ab 1971 von Gerhard Stoltenberg. Von 1956 bis 1969 war er zusätzlich auch stellvertretender Vorsitzender der Gesamtpartei.

Weitere Ämter häuften sich im Laufe der Jahre. 1947 bis 1963 war von Hassel Mitglied des Stadtrates von Glücksburg, von 1947 bis 1950 auch Bürgermeister dieser Stadt, danach deren Bürgervorsteher, in den Jahren 1948 bis 1955 zudem Mitglied des Kreistages Flensburg und von 1950 bis 1965 Mitglied des schleswig-holsteinischen Landtages.

1954 wählte ihn der Landtag als Nachfolger seines aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretenen Parteifreundes Friedrich-Wilhelm Lübke zum Ministerpräsidenten des Bundeslandes, ein Amt, das er bis 1963 bekleidete. Dann trat er die Nachfolge von Franz Josef Strauß als Bundesminister der Verteidigung an.

Für den „Starfighter“ zuständig

Die Entscheidung für die Anschaffung der Lockheed F-104 fiel noch in Strauß' Ära, aber ein großer Teil der „Starfighter“-Abstürze in seine. Schließlich traf es sogar seinen eigenen Sohn. 1970 verunglückte der 1942 geborene Oberleutnant zur See Joachim von Hassel mit seinem „Sargfighter“ tödlich. Ein Jahr nach dem Tode ihres gemeinsamen Sohnes wählte Elfriede von Hassel geborene Frölich, seit 1940 Kai-Uwe von Hassels Ehefrau, den Freitod. Da war er aber schon nicht mehr in der Bundesregierung für die Verteidigung verantwortlich.

Denn im Zuge des Wechsels von Ludwig Erhard zu Kurt Georg Kiesinger im Kanzleramt wechselte er vom Verteidigungs- ins Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, ehe er 1969 Präsident des Bundestages wurde. Diesem hatte er bereits in den Jahren 1953 und 1954 angehört, dann wieder ab 1965 bis 1980.

Als die SPD in der Wahl 1972 stärkste Partei wurde, räumte von Hassel der Sozialdemokratin Annemarie Renger das Feld und wurde ihr Vize. Als 1976 wieder die Union stärkste Partei wurde, wurde jedoch nicht er, sondern Karl Carstens ihr Nachfolger, während sie seine Nachfolge antrat.

Für die Vertriebenen zuständig

Ab 1977 war von Hassel ein Jahr Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates und bis 1980 Präsident der Versammlung der Westeuropäischen Union. Getreu dem Motto „Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa“ saß von Hassel schließlich noch zum Ende seiner politischen Karriere von 1979 bis 1984 im ersten direkt gewählten EU-Parlament.

Vor 25 Jahren, am 8. Mai 1997, ereilte ihn während der Verleihung des Karlspreises an Bundespräsident Roman Herzog in Aachen ein Herzinfarkt, an dem er verstarb. Nach einem Staatsakt im Plenarsaal des Deutschen Bundestages erfolgte die Beisetzung auf dem Friedhof von Bonn-Bad Godesberg.

Enge Kontakte zur alten Heimat

Bis zuletzt hatte Kai-Uwe von Hassel, der fließend Suaheli sprach, enge Kontakte zu seiner alten Heimat gehalten, dem heutigen Tansania, aber darüber hinaus auch zu anderen afrikanischen Staaten. Als 1964 Paul von Lettow-Vorbeck, ehemaliger Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika und einziger im Ersten Weltkrieg ungeschlagener deutscher General, mit militärischen Ehren in Schleswig-Holstein zu Grabe getragen wurde, hielt von Hassel eine beeindruckende Ansprache, in welcher der damalige Bundesverteidigungsminister den Verstorbenen als „Leitbild“ bezeichnete, was ihm später viel Kritik eintrug. Auch hatte er veranlasst, dass zwei frühere Askari eigens zu der Trauerfeier eingeflogen worden waren, um ihrem alten Befehlshaber die letzte Ehre zu erweisen.

In Deutschland engagierte sich von Hassel immer wieder für die Zusammenarbeit mit Afrika, so etwa in der Deutschen Afrika Stiftung. Im Vorfeld der Unabhängigkeit Namibias gründete er im Februar 1989 das „Komitee Freiheit für Namibia“, dessen Vorsitz er übernahm und das für die ideelle und materielle Unterstützung der freiheitlichen politischen Kräfte Namibias eintrat. In der Folge ernannte ihn die 1983 gegründete Deutsch-Namibische Entwicklungsgesellschaft zu ihrem Ehrenpräsidenten, nur eine der vielen Ehrungen, welche Kai-Uwe von Hassel zuteilwurden.



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