20.09.2021

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Politik

Das Ende der „asymmetrischen Demobilisierung“

Mit diesem Politikansatz war die Kanzlerin lange erfolgreich. Doch heute funktioniert das bloße Abkupfern der Themen der Konkurrenz nicht mehr

Werner J. Patzelt
17.05.2021

Was haben wir für eine kluge Kanzlerin! Wann immer ein Thema im Laufe ihrer Amtszeit unangenehm wurde, räumte sie es einfach ab – und das war's dann. Gleichgeschlechtliche Ehen? Macht doch, was ihr wollt; mich als Regierungschefin geht das nichts an! Friedliche Nutzung der Kernenergie? Lassen wir am besten, weil sie uns – kurz nach Fukushima – den Wahlkampf in Baden-Württemberg versauen wird.

Was, bitte, soll an diesem Umgang mit hinderlichen Debatten falsch sein? Nicht nur regiert die Kanzlerin seit 16 Jahren, sondern sie ist auch so gut wie immer die beliebteste Politikerin im Lande. Treibt da Merkels Kritiker nicht blanker Neid, wenn nicht gar politische Dummheit? Doch es liegen die Dinge nicht so einfach.

Erstens werden Wahlkämpfe inhaltsarm, wenn gerade jene Streitthemen aus ihnen herausgehalten werden, die viele Leute im Land bewegen. Welch befriedende Kraft hatten doch die Ergebnisse jener Wahlkämpfe, in denen Kanzler ihr politisches Schicksal mit umstrittenen Positionen verbanden – wie 1972 Brandt mit der neuen Ostpolitik oder 1983 Kohl mit der NATO-Nachrüstung! Gehört es nicht gar zu den Leitgedanken von Demokratie, dass Wähler über die politische Richtung eines Landes entscheiden – und nicht nur darüber, welche Spitzenpolitiker fortan Dienstwagen bekommen und ihre Gefolgsleute auf Ministerialposten hieven dürfen? Der einstige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte ja ganz recht, als er das Heraushalten von wichtigen Themen aus dem Wahlkampf einen „Anschlag auf die Demokratie“ nannte.

Auf den Wogen des Zeitgeists

Zweitens klingt „asymmetrische Demobilisierung“ nur nach höherer Weisheit. Ihr Kerngedanke aber ist politischer Kitsch: Es wird im Wahlkampf nicht mobilisiert und polarisiert, sondern man geht mit plausibel klingenden Anliegen des Gegners einfach so entgegenkommend um, dass dieser doch glatt auf besondere Anstrengungen beim Einwerben von Wählerstimmen verzichtet – während die eigenen Leute sich dankbar um die eigene Fahne scharen. Doch am Ende gilt für die Politik wie beim Fußball: „Die Wahrheit is' aufm Platz!“ Den aber hat die themenabräumende Union großenteils an ihre Gegner verloren. In den neuen Bundesländern nahmen sich ihn die AfDler, bundesweit die Grünen. Was die CDU-Führung da strategisch anstellte, war also wirklich kein „Bringer“.

Vielmehr war das, was wir da sahen, ein Surfen auf den Wogen des Zeitgeists, das Walten opportunistischen Herdentriebs, auch Feigheit vor den Konkurrenten von links und rechts. Den ersteren redete man nach dem Mund, in Talkshows und programmatisch. Die letzteren hingegen überließ man sich selbst. Doch ihren Rivalen muss sich eine Partei samt ihrer Anführerschaft schon auch stellen, wenn sie nicht zum Gegenstand erst von Verwunderung, dann von Spott und am Ende von Mitleid werden will.

Doch gerade so ist es der CDU ergangen. Immer wieder ist sie den Themen der von einer sympathisierenden Journalistenschaft gepushten Grünen nachgelaufen – und hat nicht wahrhaben wollen, dass beim Versuch einer Neueroberung von politischem Gelände die meisten lieber dem Original als der Kopie trauen. Hingegen hat die Union eigene Positionen, die einflussreichen Publizisten und Intellektuellen nicht mehr gefielen, kampflos der AfD überlassen. Doch es trog die Hoffnung, große Teile der Wählerschaft wären ebenso bereit zum Einknicken vor dem Zeitgeist wie das Establishment von CDU und CSU.

Der nach jedem Strohhalm haschenden Sozialdemokratie mag man mangelnde Standfestigkeit nachsehen. Doch was nützt eine Union, die nicht mehr ihre angestammte Rolle als reformwillige Sachwalterin des Bewährten spielen will, sondern die einer Doppelgängerin von visionären Grünen? Wie fatal, dass kaum einer mehr etwas von Dialektik versteht, also von jener Synthese, die des Widerstreits von These und Antithese bedarf ...



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Kommentare

sitra achra am 18.05.21, 13:30 Uhr

Die DDR-Kaderhexe hat Deutschland nun völlig verzaubert (durch rote Magie).
Der demokratische Diskurs ist nicht ihre Sache, eher der dialektische Materialismus.
Wer jedoch glaubt, dass nach ihrem Abgang sich alles zum Guten wendet, der irrt wieder einmal.
Es kommt nur noch schlimmer.
Die Zahl der linken Zombies hat in diesem Land seit über 15 Jahren erheblich zugenommen.
Die nachfolgende Jugend ist indoktriniert und zu eigenen Gedanken nicht fähig.
Deutschland hat fertig.

Tom Schroeder am 17.05.21, 17:05 Uhr

Das was hier beschrieben wird nennt man landläufig auch Populismus - also dem Volk nach dem Mund reden - von Handeln reden wir hier nicht, eher Nichthandeln im Sinne von Gewähren lassen. Das ewige "Rumgeschleime" und die Stiefelleckei rund um die Kanzlerin und der Katzentisch für die Aufrechten, wie z.B. Herr Bosbach und Herr Wilsch, sind nun Hypotheken statt Aktien. Ist immer so - irgendwann - also dann jetzt! Warum soll man die Union wählen, wenn man entweder einen grünen Ablass für seine vermeintlichen Sünden (SUV, Urlaubsflüge) erkaufen will oder wirtschaftsliberal denkt oder konservativ ist. Alle Positionen und Persönlichkeiten sind dem Populismus von Merkel zum Opfer gefallen. Ist sie doch eine kommunistische Agentin, die nach dem Zerfall der ddr nun für die KPCh arbeitet? Wenn man die Ergebnisse nach 15,5 Jahren Merkel sieht, könnte man das mit ein bisschen Logik für sich erschließen. Trotzdem ist Mutti Angela immer noch beliebt - das zumindest behaupten die Medien - Schlussfolgerung: das Volk ist in weiten Teilen zu dumm für die Demokratie und doch ist letztere durch nichts zu ersetzen als durch noch mehr Demokratie, da lege ich den groessten Wert darauf!!!!!. Liebe CDU, macht es künftig besser und verarscht die kleinen Leute künftig nicht mehr, wenn Eure Mutti aufs Altenteil geht. Sonst geht es Euch wie der spd - 15%.

Siegfried Hermann am 17.05.21, 08:56 Uhr

Herr Pazelt

dem kann ich nur eingeschränkt folgen.
Murksel Aufgabe war es von vor herein, Deutschland und das Deutsche Volk total zu zerstören.
Da sind konkurrierende Übernahmen, die zielführend sind, nur folgerichtig!

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