16.06.2024

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Kräftig die Werbetrommel gerührt: Reklame für Organspende
Foto: imago/Guido SchieferKräftig die Werbetrommel gerührt: Reklame für Organspende

Gesundheitswesen

Das Riesengeschäft mit den Organspenden

Zahlreiche Stellen verdienen an der Transplantation – wobei die enorme Steigerung der Kosten Fragen aufwirft. Zahlen müssen es am Ende die Bürger über ihre Beiträge für die Krankenkassen

Wolfgang Kaufmann
11.06.2024

Organspenden sind ethisch und medizinisch umstritten. Vorbehalte entzünden sich etwa an der problematischen Gleichsetzung des Hirntodes mit dem unumkehrbaren physischen Tod eines Menschen, dessen Organe zur „Verwertung“ anstehen. In der Diskussion über die Organspenden und -transplantationen fällt ein wichtiger Punkt meist unter den Tisch: die Kosten für die Eingriffe, welche spätestens seit dem Göttinger Organspende-Skandal von 2012 viel häufiger und intensiver thematisiert werden müssten.

Damals trat zutage, dass etliche Transplantationszentren in Deutschland nicht regelkonform vorgingen und weswegen die Boni der beteiligten Ärzte sowie die Einnahmen der Kliniken über Gebühr stiegen. Allerdings winken auch im Falle der Einhaltung sämtlicher Vorschriften satte Gewinne, die aus zwei Quellen stammen. Zum einen gibt es die Möglichkeit, Geld für die Organentnahme beziehungsweise -bereitstellung zu erhalten, und zum anderen ist die Verpflanzung der Spenderorgane ausgesprochen lukrativ.

Die Organisation der Organentnahme und die Koordination der Vergabe der Organe von für tot erklärten Spendern erfolgt durch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), deren Budget jedes Jahr zwischen den gesetzlichen und privaten Krankenkassen, der Bundesärztekammer (BÄK) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) sowie Vertretern der DSO ausgehandelt wird.

Hohe Verwaltungskosten
Dabei erfolgt eine Vorab-Schätzung der Zahl der zu verpflanzenden Organe. Im Jahr 2024 soll diese bei 3040 liegen. Hieraus ergeben sich die nachfolgenden Pauschalsummen pro Organ. Die Klinik, in der die Entnahme erfolgt, erhält für die Feststellung des Hirntodes, die Erhaltung der Organe im Körper des Spenders sowie die schließlich dann durchgeführte Organentnahme gut 8200 Euro. Dazu kommen weitere rund 13.500 für den Transport des Organs, wenn dieser mit dem Flugzeug erfolgen muss. Zum Vergleich: Eine Bypass-Operation am Herzen kostet etwa 19.000 Euro.

Außerdem wird für jedes zu Transplantationszwecken entnommene Organ eine Organisationspauschale in Höhe von gut 15.600 Euro fällig, welche ausschließlich der Finanzierung der DSO und ihrer Zweigstellen in den Ländern dient. Doch damit erschöpfen sich die Verwaltungskosten keineswegs. Nochmals knapp 12.400 Euro gehen an das Entnahmekrankenhaus als Entschädigung für die Bereitstellung eines Transplantationsbeauftragten.

Des Weiteren wäre da noch die Pauschale für den Betrieb der Geschäftsstelle Transplantationsmedizin durch den Spitzenverband Bund der Krankenkassen sowie die BÄK und die DKG, welche 423 Euro pro Spenderorgan beträgt und der Finanzierung der laufenden Aktivitäten der unabhängigen Überwachungs- und Prüfungskommission im Bereich Transplantationsmedizin und der gemeinsam betriebenen Vertrauensstelle dient. Ebenso erhält die DSO noch rund 350 Euro pro Organ für die Führung ihres Transplantationsregisters und weitere fast 300 Euro je Organ zur Unterhaltung eines neurochirurgischen und neurologischen konsiliarärztlichen Rufbereitschaftsdienstes, der die Entnahmekliniken bei der Feststellung des Hirntodes unterstützen soll.

Alles in allem wird die Bereitstellung von Spenderorganen die Krankenkassen in diesem Jahr also mehr als 154 Millionen Euro kosten – das sind rund 50.800 Euro pro entnommenem Organ. 2023 lagen diese Summen noch bei 119 Millionen beziehungsweise 43.000 Euro. Dabei dient das Geld zu rund zwei Dritteln der Abdeckung von angeblich nötigen Verwaltungskosten.

Sollten 2024 mehr als die im Vorfeld veranschlagten 3040 Organe für Transplantationen bereitgestellt werden, können die Beteiligten die zusätzlichen Kosten in Rechnung stellen, bekommen dann aber nur 50 Prozent davon erstattet. Umgekehrt erhalten die DSO und die Kliniken einen Ausgleich in Höhe der Hälfte der fehlenden Erlöse, wenn weniger als 3040 Organe entnommen werden.

Seit 2010 mehr als verdoppelt
Zu den bislang aufgeführten 154 Millionen kommen die Kosten für das Wiedereinpflanzen. Dabei berechnen die Krankenhäuser Fallpauschalen, welche – je nach Art der Operation – unterschiedlich hoch ausfallen. Die Pauschalen sollen die Personal- und Sachkosten sowie die Aufwendungen für die medizinische und nichtmedizinische Infrastruktur abdecken. Im Fall einer Lebertransplantation samt nachfolgendem Klinikaufenthalt zur Nachsorge wären dies 94.000 Euro. Im Jahr 2010 schlug ein solcher Eingriff noch mit knapp 38.600 Euro zu Buche. Das wirft die Frage auf, inwieweit derartig starke Kostensteigerungen zulasten der Versicherten eigentlich gerechtfertigt sind. Auf jeden Fall erhalten die beteiligten Ärzte umsatzbezogene Prämien, wenn sie viele Transplantationen durchführen.

Nun ist es aber keineswegs so, dass die Pauschale für eine Organbereitstellung in Höhe von 50.800 Euro pro Organ und die Vergütung für die Transplantation, welche bei einer Leberverpflanzung beispielsweise rund 94.000 Euro beträgt, alle Kosten abdeckt. Denn neben diesen 144.800 Euro sind weitere finanzielle Aufwendungen nötig. Dazu zählen insbesondere die Ausgaben für die Medikamente, die der Organempfänger einnehmen muss, um die Abwehrreaktionen seinen Immunsystems zu unterdrücken, da ansonsten eine Abstoßung des neuen Organs droht. Die jährlichen Beträge liegen hier im Bereich zwischen 20.000 und 30.000 Euro pro Patient. Daher erwirtschaften Pharmaunternehmen mit der Herstellung von Immunsuppressiva für die prophylaktische Anwendung nach Transplantationen Jahr für Jahr Milliardengewinne.

Aus all dem ergibt sich, dass Organtransplantationen für manche Arzneimittelhersteller sowie die beteiligten Kliniken und Ärzte eine lukrative Einnahmequelle darstellen. Dazu kommt die Schaffung gut dotierter Planstellen im Umfeld der DSO. Dagegen wenden die Krankenkassen und damit letztlich deren Beitragszahler erhebliche Summen für die Verpflanzung von Organen auf, welche ununterbrochen steigen, während parallel dazu die Werbetrommel für noch deutlich mehr Organspenden gerührt wird.


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