13.06.2024

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Der vergessene Untote

Vor hundert Jahren starb Wladimir Iljitsch Lenin, Führer der russischen Oktoberrevolution und Begründer der Sowjetunion. Obwohl er in der Öffentlichkeit kaum noch Erwähnung findet, sind seine Hinterlassenschaften noch immer wirksam

René Nehring
18.01.2024

Einhundertste Todestage historischer Personen haben selten eine Bedeutung für die Gegenwart. Und wenn, dann eher indirekt. Nicht so im Falle des Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Der Tod des Sowjetführers am 21. Januar 1924 markiert zum einen das Ende der Frühphase der Sowjetunion. Kurz zuvor hatten sich die von ihm geführten Bolschewisten im Russischen Bürgerkrieg militärisch durchgesetzt und mit der Gründung der Sowjetunion am 30. Dezember 1922 ihre in der Oktober-revolution von 1917 errungene Macht in einem eigenen Staat gefestigt.

Das persönliche Ende Lenins markiert zugleich den Beginn einer der blutigsten Phasen in der ohnehin blutigen Epoche des Kommunismus – der Herrschaft des Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin. Dieser, seit dem 30. Dezember 1922 bereits Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, konnte nach dem Tode Lenins in den folgenden Jahren zunächst schrittweise seine eigene Machtbasis in der kommunistischen Partei ausbauen, um dann nach und nach das ganze Land mit Unterdrückung und Terror nach seinem Willen zu formen.

Auftakt des Stalinismus
Somit markiert Lenins Tod auch den Übergang zu einer neuen Herrschaftsform innerhalb des Kommunismus – von der kollektiven Machtausübung einer revolutionären Clique (zu der neben Lenin auch andere Köpfe wie Leo Trotzkij, Nikolaij Bucharin, Lew Kamenew, Grigorij Sinowjew und Karl Radek gehörten) hin zur Alleinherrschaft eines Sadisten und Psychopathen, der – angefangen mit Trotzkij – nach und nach die komplette Parteiführung der Erhebung von 1917 ausschaltete. Stalin stützte sich nicht auf die Partei, sondern auf den Apparat der Geheimpolizei „Tscheka“ und später der GPU, seine wichtigsten Assistenten waren deren Leiter Feliks Dzierżyński und Wjatscheslaw Menschinskij.

Schon bald nach Lenins Tod wurde deutlich, dass nun ein neuer Wind durch die Sowjetunion wehte. Die Reformen der Neuen Ökonomischen Politik, die Lenin 1921 gerade erst eingeführt hatte und mit denen wieder mehr marktwirtschaftliche Elemente zugelassen waren, was wiederum zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgungslage geführt hatte, wurden nun erneut in Frage gestellt und dann 1927 per Parteitagsbeschluss offiziell für beendet erklärt. Stattdessen kehrte die Sowjetunion unter dem Schlagwort der beschleunigten Industrialisierung zu einer Kommandowirtschaft zurück, wie sie bereits nach der Oktoberrevolution geherrscht hatte. Nur deutlich brutaler und rücksichtsloser.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Industrialisierungspolitik war die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mitsamt der Enteignung und Ermordung der Bauern (Kulaken) sowie der Überführung des privaten Agrarbesitzes in kollektive, letztlich von der Partei kontrollierte Eigentumsformen. Als diese Politik in den Folgejahren offensichtlich scheiterte und nicht die erhoffte Steigerung der Produktivität brachte, korrigierten Stalin und sein Unterdrückungsapparat nicht etwa ihren Kurs, sondern steigerten zu Beginn der 1930er Jahre den Terror gegen die Landbevölkerung. Trotz Missernten erhöhte die Partei die Abgabequoten, und als diese nicht erfüllt werden konnten, plünderten bolschewistische Truppen die Dörfer systematisch aus.

Dies traf insbesondere die Ukraine, deren gerade erst entstandene eigenständige orthodoxe Kirche zudem beschuldigt wurde, separatistische Bestrebungen zu verfolgen. In der Folge wurden zehntausende Priester ermordet und Millionen Menschen von ihrer heimischen Scholle in die Städte vertrieben, wo sie buchstäblich in den Straßen verhungerten. Die Schätzungen der Opferzahlen dieses als Holodomor in die Geschichte eingegangenen Völkermordes liegen zwischen 3,5 und 7,5 Millionen Menschen. Neben dem unermesslichen persönlichen Leid entstand in diesen Jahren auch einer der wichtigsten Impulse für den Unabhängigkeits- und Freiheitswillen der Ukrainer.

Ein neuer Menschentypus
Doch war das Verbrechen des Holodomor keineswegs der End-, geschweige denn der Höhepunkt des Stalinschen Terrors. Die Ermordung des Leningrader KP-Vorsitzenden Sergej Kirow am 1. Dezember 1934 lieferte den Anlass für die Behauptung einer Verschwörung, auf die Stalin mit einer beispiellosen Säuberungswelle reagierte, die als „Großer Terror“ in die Geschichte einging. Dieser traf zunächst hohe Funktionäre der Partei und Regierung, dann Beamte aus dem Staatsapparat, Technokraten aus der Wirtschaft und die Führung der Armee – sowie schon bald nahezu alle Bevölkerungsgruppen des kommunistischen Reiches. Die Schätzungen der Opferzahlen reichen hier von 4,5 Millionen bis zu 20 Millionen. Zur Logik des Stalinismus gehörte ebenfalls, dass anschließend auch etliche der beteiligten Tschekisten in den folgenden Säuberungswellen ermordet wurden.

Wenn Menschen über viele Jahre hinweg selbst bei größter Gefolgschaft zum politischen System anlasslos verhaftet, gefoltert, deportiert oder erschossen werden können, wenn Menschen in permanenter Angst leben müssen, dass ein falsches Wort oder auch nur die Nähe zu einem anderen in Ungnade gefallenen Mitbürger zu härtesten Konsequenzen führen kann, kann dies nicht ohne Folgen für ihre Verhaltensmuster bleiben. Und so entstand in jenen Jahren ein neuer Menschentypus, für den später der Begriff des Homo sovieticus geprägt wurde: ein vielfach entwurzeltes Unlebewesen, das den Kontakt zu seinen kulturellen Wurzeln verloren hat, das jegliches eigenes Denken und Handeln verlernt und stattdessen gelernt hat, außerhalb der eigenen vier Wände stets den Kurs der politischen Führung zu vertreten, selbst wenn dieser heute die entgegengesetzte Richtung von gestern verfolgt.

Doch so sehr die mit Lenins Tod einsetzende Stalin-Ära – zusammen mit der Kulturrevolution im China des Mao Zedong – den absoluten Tiefpunkt in der Geschichte des Kommunismus markiert, so notwendig muss immer wieder daran erinnert werden, dass auch und gerade die Frühphase der Revolution unter Lenin eine Ära des Unrechts und des Terrors war. Nach dem Ende Stalins 1953 strickte die Führung der KPdSU zur eigenen Abgrenzung vom Stalinismus und zugleich zur Aufrechterhaltung ihres Machtanspruches die Legende vom gütigen Lenin, der als Intellektueller die Lehren von Marx und Engels weiterentwickelt sowie in der Umsetzung vielleicht mit harter Hand, aber letztlich doch notwendig lediglich ein paar uneinsichtige reaktionäre Elemente beseitigt habe, ansonsten aber ein gütiger Landesvater gewesen und somit zu Recht ein Idol aller Werktätigen sei.

Kein gütiger Vater der Revolution
Tatsächlich enthüllten unzählige Forschungen schon während der „Glasnost“-Ära unter Michail Gorbatschow sowie erst recht nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltreichs 1989/91 – allen voran das „Schwarzbuch des Kommunismus“ von 1997 –, dass Lenin die treibende Kraft hinter den Verbrechen der Oktoberrevolution und der ersten Jahre der Sowjetherrschaft war. Bereits 1991 hatte ein „SPIEGEL Spezial“-Heft für den deutschsprachigen Raum „Die Katastrophe des Kommunismus. Von Marx bis Gorba­tschow“ in exzellenten Beiträgen, ergänzt um eine Liste einschlägiger wissenschaftlicher Arbeiten, aufgearbeitet.

Darin wird deutlich, dass schon unter Lenin der flächendeckende Terror gegen das Volk (vor allem gegen jene, die zu Feinden der Revolution erklärt wurden) begann. Schon unter Lenin begann auch der Ausbau des Geheimdienstapparates zur eigentlichen Machtachse des sowjetisch-russischen Staates (wobei Angehörige der zaristischen „Ochrana“ gern übernommen wurden, sofern sie sich treu in den Dienst der neuen Zeit stellten).

Dass Lenin selbst die treibende Kraft dahinter war, zeigen unter anderem belegte Aufforderungen, möglichst rücksichtlos „Kulaken, Priester, Landbesitzer“ aufzuhängen oder zu erschießen – sowie die Drohung, bei zu laschem Vorgehen „persönlich im Verteidigungsrat und im ZK nicht nur Verhaftungen, sondern auch Erschießungen“ vorzunehmen. Auch die Legende von dem den Bolschewisten aufgezwungenen Bürgerkrieg, mit dem ausländische Mächte und russische Weißgardisten die Errungenschaften der Revolution wieder rückgängig machen wollten, ist längst widerlegt. Vielmehr ist klar, dass Lenin selbst den Bürgerkrieg forcierte, um so noch rücksichtsloser die alte Zeit und deren Anhänger bekämpfen zu können.

Auf der Habenseite Lenins und seiner Genossen steht indes wenig. Das Frauenwahlrecht etwa wurde in Russland nicht von ihnen, sondern bereits im Mai 1917, also während der Herrschaft des bekämpften liberalen Ministerpräsidenten Georgij Lwow, eingeführt. Dafür begann im Namen des Fortschritts der ideologische Kampf gegen die Religionsgemeinschaften, deren Eigentum ebenso wie das der Privatpersonen enteignet wurde, deren Kapellen, Kirchengebäude und Klöster zehntausendfach verwüstet wurden, und deren Priester – wie später in der Ukraine – tausendfach inhaftiert, deportiert oder erschossen wurden.

Unbewusste Prägungen
Bedenkens- und erinnernswert ist indes die Leninsche Nationalitätenpolitik. Im Bewusstsein des Sprengpotentials ethnischer Konflikte für ein Reich, das allein etwa ein Siebtel der festen Erdoberfläche umfasste, erhielten die zahlreichen Völker und Volksgruppen der Sowjetunion in Form von Sozialistischen Sowjetrepubliken (SSR) beziehungsweise – eine Ebene tiefer – Autonomen Sozialistischen Sowjetrepubliken (ASSR) eine beschränkte Selbstverwaltung. Zwar wurden die Geschicke sowohl des sowjetischen Gesamtstaates als auch seiner föderalen Strukturen letztlich immer von Moskau aus bestimmt, doch erwiesen sich die Teilrepu­bliken beim Zerfall der UdSSR als Keimzellen neuer Nationalstaaten – und damit als Quelle neuer Unruhen und Kriege.

Umso erstaunlicher, dass Lenin heute weitgehend vergessen zu sein scheint. Zwar liegt er noch immer – auf Befehl Stalins, der den Revolutionsführer damit selbst post mortem noch in den Dienst der Partei stellte – in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz, doch spielen er und seine Ideologie im Russland von heute keine sichtbare Rolle mehr. Auch für die internationale Linke ist Lenin in Zeiten des globalen „Kampfes gegen den Klimawandel“ und der „woken“ Auflehnung gegen eine angebliche rassistische, sexuelle und soziale Unterdrückung durch böse weiße Männer keine Symbolfigur mehr.

Und doch geistert Lenin unbewusst noch immer als Untoter durch die Zeitläufte: Von der durch ihn begonnenen – vor allem kulturellen – Zerstörung hat sich Russland nie wieder erholt. Die mit ihm begonnene Formung der Verhaltensmuster des Homo sovieticus prägt noch immer die russische Gesellschaft. Und seine Minderheitenpolitik erwies sich auf lange Sicht – siehe die andauernden Konflikte im Kaukasus oder den Ukrainekrieg – nicht als Lösung, sondern allenfalls als Vertagung grundlegender Konflikte.


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Kommentare

Peter Faethe am 18.02.24, 00:28 Uhr

Sein Geburtsname wird gewöhnlich schamhaft verschwiegen:
Wladimir Iljitsch Baron von Uljanow.

Ansgar Grauwind am 27.01.24, 10:31 Uhr

@Kerste Wolnow in Russland findet im Gegensatz im Gegensatz zur Türkei oder Japan eine Vergangenheitsbewältigung statt und einen postmortalen Personenkult um Stalin gibt es dort auch nicht.

Lothar Askanda am 22.01.24, 15:24 Uhr

Der Götze Lenin ist bei vielen noch lebendig, weil diese moralisch tot sind.

Gregor Scharf am 19.01.24, 10:50 Uhr

Lenin war ein „Exportschlager“ Deutschlands wird dabei völlig verschwiegen!

Peter Faethe am 18.01.24, 20:44 Uhr

In 18246 Bützow (Kreis Rostock) hat man Lenin einen Straßennamen gewidmet.
Hier ist die Perversion Staatsraison.

Kersti Wolnow am 18.01.24, 09:28 Uhr

Rußland hat seit 1990 die unheilvolle Ära des Bolschewismus nie aufgearbeitet. Stalin werden bis heute neue Denkmäler gewidmet, sein Geburtshaus erreichen täglich Pilger aus dem ganzen Land. Der Sieg zusammen mit der Geldelite aus dem Wesen wird jährlich frenetisch gefeiert, sodaß der Verdacht aufkommt, mit ihr bis heute zusammenzuarbeiten. Wie kann es sein, daß mit der Revolution 1917 das Zeitalter der Frauenarbeit, Ehescheidung, Abtreibung, ethnischen Konflikte, Kriege und Unmoral ohne die 10 Gebote der Kirche begann? Könnten da die Worte eine Martin Hohmann weiterhelfen?

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