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Engagieren sich mit ihrer Ausstellung für ein brisantes Thema: Dr. Jens Baumann sowie Hagen Markwardt (rechts)
C.W. WagnerEngagieren sich mit ihrer Ausstellung für ein brisantes Thema: Dr. Jens Baumann sowie Hagen Markwardt (rechts)

Östlich von Oder und Neiße

Die Ermordung einer besonders wehrlosen Bevölkerungsgruppe

Eine Ausstellung in Oppeln widmet sich dem NS-Euthanasie-Programm in Schlesien

Chris W. Wagner
16.03.2020

Am 3. März wurde in Oppeln eine Ausstellung eröffnet, die sich den schlesischen Opfern der NS-Patientenmorde widmet. Als Ausstellungsort wurde das Zentrale Kriegsgefangenen-Museum des Lagers Lamsdorf gewählt. Nach Auffassung Lucjan Dzumlas, Generaldirektor des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln und Gleiwitz, der die Ausstellung „Vergessene Opfer der NS-‚Euthanasie'" nach Oppeln holte, ist dieses schwere Kapitel auch ein Teil der schlesischen Geschichte, der noch aufzuarbeiten ist.

Wissenschaftler der Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein haben in einem zwei Jahre andauernden und von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" geförderten Projekt eine deutsch-polnische Wanderausstellung erarbeitet. Auf 21 Tafeln können die mörderischen Auswirkungen der NS-Gesundheitspolitik in Schlesien ergründet werden. Aus der preußischen Provinz Schlesien wurden zwischen April und September 1941 mehr als 2600 Patienten aus psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten ins sächsische Pirna-Sonnenstein verlegt. Diese Patienten wurden im Rahmen der NS-Euthanasie in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.

Zur Eröffnung der Ausstellung reiste Jens Baumann, Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler des Freistaates Sachsen, aus Dresden an. In seiner Rede ging der Vertriebenenbeauftragte auf die Einmaligkeit der NS-Gräueltaten an der besonders wehrlosen Bevölkerungsgruppe ein: „Sie betraf Menschen, die noch das größte Urvertrauen in den Anderen hatten. Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen, weil meine jüngste Tochter in einem Heim für geistig Schwerbehinderte wohnt. Alle Kinder dort sehen in dem Anderen immer nur jemanden, der die helfende Hand reicht. Sie können gar nicht damit rechnen, dass jemand danach trachtet, sie auszulöschen", so Baumann.

Während andere deutsche Politiker bei solchen Angelegenheiten in der Regel Vergleiche zu aufkeimenden Nationalismen von heute ziehen, gab er zu bedenken: „Wie ist das mit der Abtreibung? Wie ist das mit der vollständigen Inklusion? Ist diese für die Kinder immer gut? Ich denke, dass auch diese Fragen wichtig sind. Es ist klar, dass diese Zeiten nie wieder kommen dürfen; aber man fängt im Kleinen an, den anderen zu achten. Wir müssen ihnen Liebe und Raum in unseren Herzen geben", so der dreifache Vater Baumann.

Hagen Markwardt, Wissenschaftler der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, gab zu bedenken, dass trotz einer Vielzahl an Literatur wissenschaftlicher und belletristischer Art zu den NS-Euthanasiemorden immer noch eine gewisse Schwierigkeit des Erinnerns bestehe. „Es wurde lange über die scheinbar banale Frage gestritten, ob die Namen der Opfer genannt werden dürfen, oder ob die Namen anonymisiert werden müssten. Grund: Die Nennung der Namen könnte für die Angehörigen unangenehm werden. In dieser Argumentation schwingen noch alte eugenische Vorstellungen mit und zeigen, dass psychische Erkrankungen heute immer noch von Teilen der Gesellschaft stigmatisiert werden", so Markwardt. Er ist froh, mit der Wanderausstellung in Oppeln auf offene Ohren gestoßen zu sein.

Dies sei nicht immer der Fall, so der Wissenschaftler, der mit Kollegen in Pirna-Sonnenstein eine zusätzliche Tafel für Patientenmorde in Bunzlau erarbeitet hat. Die niederschlesische Stadt zeige jedoch leider kein Interesse an der Ausstellung. Immerhin gab es auch in Schlesien selbst Krankenmorde. „Dabei handelte es sich um Kindereuthanasie. Es war eine eigenständige Mordphase. In dieser gab es die Verpflichtung, dass Neugeborene oder Kinder und Jugendliche mit sichtbarer Behinderung an einen sogenannten Reichsausschuss gemeldet werden mussten. Diese Meldungen dienten der Selektion von Opfern. Wurden diese als positiv begutachtet, wurden die Kinder an eine sogenannte ‚Kinderfachabteilung' verwiesen. Davon gab es zwei: eine im Breslauer Krankenhaus Nord, dem Städtischen Psychiatrischen Klinikum, und im oberschlesischen Lublinitz (Lubliniec), wo sehr gut dokumentiert ist, wie durch Überdosierung von Medikamenten Kinder ermordet wurden", so Markwardt.

Die Ausstellung „Vergessene Opfer der NS-‚Euthanasie'. Die Ermordung schlesischer Anstaltspatienten 1940–1945" in Oppeln ist noch bis zum 28. April zu sehen.



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