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Der Schein trügt: So idyllisch wie auf dem Foto war das Leben an der Passarge in Braunsberg nicht immer
Foto: Archiv B.M.Der Schein trügt: So idyllisch wie auf dem Foto war das Leben an der Passarge in Braunsberg nicht immer

Ostpreußisches Schicksal

Die Gefahr der idyllischen Passarge

Viele unterschätzten die Strömung des Flusses – Lebensmüde, wie der Gutsherrensohn Ernst Fromme, nutzten sie zum Selbstmord

Bettina Müller
24.01.2023

Die „Passarge“ im Ermland. Historische Aufnahmen des Flusses, der sich seinen Weg auch durch die Kleinstadt Braunsberg bahnt, täuschen über seine Gefährlichkeit hinweg. Da waschen Frauen ihre Wäsche im Schatten des Städtischen Schlachthauses, Kinder tollen umher, die Mütter sind abgelenkt und achten nicht auf sie.

Der Fluss gibt dabei durchaus eine ruhige und friedliche Kulisse ab. Die Eintragungen im Kirchenbuch der Braunsberger Pfarrkirche St. Katharina sprechen aber eine ganz andere Sprache. An den 128 von der Autorin für eine vergangene Ausgabe der „Altpreußischen Geschlechterkunde“ erfassten Todesfällen im Zeitraum von 1860 bis 1880 allein aus dem katholischen Kirchenbuch war in einem guten Drittel der Fälle tatsächlich der Fluss Passarge Schuld am Tod der Menschen, sei es nun durch einen Unglücksfall wie dem Ertrinken – das im Übrigen auch schon mal nach einem Zechgelage vorkam – oder durch Selbstmord. Die Menschen unterschätzten die oftmals starke Strömung, was so manch einer mit dem Leben bezahlte, wie zum Beispiel 1893 ein unglücklicher Tischlergeselle namens Hoffmann, der in den Fluss sprang, um einen „vom Strome fortgerissenen Kahn an's Land zu holen“, und dabei umkam.

Unterschätzte Gefahr

Bereits 1874 war die 65-jährige unverehelichte Catharina von Kremki durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Sie hatte sich – aus unbekannten Gründen – am 31. August des Jahres um sechs Uhr morgens in einem Waschhaus an der Passarge ertränkt, was ihr Schwager, der Gutsbesitzer Anton Gustav Fromme dem katholischen Pfarrer angezeigt hatte. Der bestattete die Unglückliche natürlich, verweigerte ihr aber wegen ihres Freitods die kirchlichen Sakramente, was er standardisiert als „nicht versehen“ im Totenbuch vermerkte.

Für den 1822 in Groß Engelau geborenen Gutsbesitzer (Anton) Gustav Fromme war dies nicht die einzige Tragödie in seinem Familienleben. 1873 war schon sein Sohn Gustav im Alter von nur 19 Jahren an der zu der Zeit wütenden Cholera gestorben. Da lebte die Familie noch in Steinwalde. Zu einem unbekannten Zeitpunkt zog Gustav Fromme dann mit seiner Ehefrau und den beiden verbliebenen Söhnen Ernst (geb. 1858) und Carl (geb. 1856) nach Julienhöhe bei Braunsberg und übernahm das gleichnamige Gut, eines der ehemaligen altstädtischen Besitztümer von Braunsberg mit einer Größe von 24 Hektar. Fünf Jahre nach dem tragischen Tod von Catharina wurde die Familie Fromme auf Julienhöhe dann erneut von einem Todesfall erschüttert. Und die Details lassen durchaus den Verdacht zu, dass in der Familie eine gewisse Neigung zu einer psychischen Erkrankung wie der Depression vorhanden gewesen sein könnte.

Tatsächlich schaut Ernst Fromme auf einem alten Kabinettfoto schwermütig aus. Es zeigt ihn drei Jahre vor seinem Tod, auf seinem Gesicht erkennt man noch nicht einmal den Ansatz eines Lächelns. Er wirkt sehr ernst, seine Schultern sind nicht aufrecht, es scheint so, als müsse er eine große Last tragen. Auf einem weiteren Foto [das vorliegende] ist er etwas älter, wirkt aber auch nicht wesentlich glücklicher. Und tatsächlich: Am 21. April 1879 ertränkte sich Ernst Fromme in der Passarge, und zwar genau an der Stelle, wo zuvor schon seine Tante den Tod gesucht und gefunden hatte.

Der junge Mann war zu dieser Zeit eineinhalb Jahre im Dienst des Königlichen Jägerbataillons Nr. 1 in Braunsberg. Die Rekrutenzeit hatte er bereitwillig, gerne und somit ohne Probleme absolviert, durch sein Elternhaus war er finanziell gut situiert. Nach seiner Militärzeit, so der Plan, sollte er das väterliche Gut übernehmen, während der Bruder nach dem Abitur am Braunsberger Gymnasium eine juristische Karriere anstrebte. Alles schien harmonisch zu verlaufen, als sich nach und nach eine Veränderung in seinem Wesen einstellte. Zunächst schleichend, von den Angehörigen kaum bemerkt, die dann aber schließlich den ganzen Menschen veränderte, und so auch Anderen auffiel. Das Leiden wirkte sich in der Folge auch auf seine militärischen Leistungen aus. Des Öfteren schoss er bei den Übungen daneben und musste dann die Kugeln einsammeln, weil ein bestimmtes Quantum des Bleies an die Produktionsstätte des Militärs zurückgeliefert werden musste. Fromme schien kein Selbstvertrauen mehr zu haben, von der anfänglichen Euphorie für das Soldatenleben war nichts mehr übrig geblieben, stattdessen beherrschte ihn nur noch Freudlosigkeit. Vom 28. Februar 1879 bis zu seinem Tod waren im Tagebuch der Kompanie etliche Strafrapporte vermerkt, unter anderem das Strafexerzieren wegen falschen Zielens.

Dann drohte ihm der Hauptmann auch noch mit der Versetzung in eine der unteren Instruktionsklassen, und diese – in seinen Augen – Schmach wäre wohl zu viel gewesen. Vor lauter Sorge spuckte Ernst sogar Blut, der psychische Stress war für den im Bericht der späteren Untersuchungskommission für die Petitionen im Reichstag als „sanft, fein fühlend und leicht verwundbaren“ Charakter beschriebenen Fromme kaum mehr auszuhalten. Die Krankheit hatte seine maximale Belastbarkeit auf ein Minimum dahinschmelzen lassen.

Angst, zu versagen

Flucht in die Religion war eine der hilflosen Folgen, doch nichts konnte ihm mehr helfen, die Angst vor dem Versagen beherrschte sein Leben, sodass sogar seine Hände beim Schießen zitterten. Dann die ultimative Schmach, die Androhung des Hauptmannes, ihn in eine untere Instruktionsklasse zu versetzen. Sie löste schließlich den tödlichen Plan aus, sein Leben zu beenden, um vor allem der „Schande“ zu entgehen, bei Freunden und Verwandten als schlechter Soldat zu gelten.

Entlastung für den Hauptmann

„Ich weiß nicht, wie es kommt, je mehr ich mich bemühe, desto mehr Pech habe ich“, soll er gesagt haben, wie es auch aus dem Protokoll der Petitionskommission hervorgeht. Verzweifelt hatte der Vater noch versucht, seinen Sohn zu rehabilitieren, den strengen Hauptmann für den Tod seines Sohnes verantwortlich zu machen, doch er kämpfte gegen Windmühlen.

Die ausführliche Untersuchung der Kommission, die eben auch das Tagebuch des Selbstmörders dazu heranziehen konnte, entlastete den Hauptmann, und warf viel eher einen Blick auf den „Nicht-Umgang“ mit psychischen Erkrankungen im Ermland des 19. Jahrhunderts, die niemand als solche erkannte beziehungsweise erkennen konnte. Aus dem Protokoll kann man tatsächlich schließen, dass der aus einer Depression heraus stark geschwächte psychische und physische Zustand Frommes letzten Endes ausschlaggebend für die Tat war. Die Petition des Vaters konnte somit keinen Erfolg haben, sodass sie abgeschmettert wurde und der Hauptmann rehabilitiert war.

Erst vier Wochen, nachdem der junge Fromme ins Wasser gegangen war, fand man seinen Leichnam, und auch noch sein Tagebuch, aus dem die Kommission später Rückschlüsse auf seinen Gemütszustand ziehen konnte. Unter seinen Sachen im Militärquartier hatte er zudem auf einem Zettel in seinem Gebetbuch notiert: „Mein bisschen Leben lohnt nicht. Lebt Alle wohl! Und vergebt, was zu vergeben ist. Amen! Braunsberg, den 21. April 1879. Ernst Fromme.“


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