14.04.2024

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Die Insel auf der Insel

Herrenhaus Üselitz – ein Kleinod auf Rügen mit großer Geschichte

Peer Schmidt-Walther
26.03.2023

Frühjahr 1945: Eine Marine-Kadetten-Kolonne von der Insel Dänholm bei Stralsund, zum letzten Kampf gegen die heranrückenden Sowjettruppen aufgeboten, marschiert müde durch die Landschaft von Süd-Rügen. Ziel der jungen, kampfunerprobten Truppe: das Herrenhaus von Gut Üselitz. Dort soll Essen gefasst und ausgeruht werden.

Hans-Jürgen Meyer, damals Oberleutnant, erwähnt die Szene in seinem Buch „Blinkzeichen auf dem Rügendamm“. Ihm war es zu verdanken, dass Deutschlands größte Insel und die Hansestadt Stralsund kampflos übergeben werden konnten, während sich Generalität und Parteigrößen feige verdrückt hatten.

Im Frühjahr 2023 gehen wir auf Spurensuche. Hinter einer Gebüschgruppe taucht plötzlich ein mehrstöckiges weißes Gebäude auf. Laut Wanderkarte kann es nur Üselitz sein. Irgendwie ein verwunschen klingender Name. Gegen Kriegsende jedoch ging es hier ganz anders zu, als Soldaten im Gutshaus Zuflucht suchten.

Nur das Kopfsteinpflaster der Zufahrt erinnert noch an diese schon seit 78 Jahren vergangenen unseligen Zeiten. Heutzutage möchte man hier seine Ruhe haben, daher ist das Tor verriegelt und nur per Spezialcode samt Sicherheitsschlüssel zu öffnen. Das dauert ein paar Augenblicke, sodass etwas Zeit bleibt für einen kurzen Blick zurück in die lange Geschichte des Anwesens sechs Kilometer südlich von Poseritz.

Vom Adelsschloss zum Wohnhaus

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Uselitze, wie es damals hieß, im Jahr 1311. Besitzer war Herzog Ernst Ludwig von Pommern. Durch Tausch fiel das Anwesen 1562 an Erich von Zuhm, der das Herrenhaus im Renaissance-Stil fertigstellte. Das überforderte ihn finanziell, sodass das zu den schönsten Schlössern der Insel zählende Gebäude erneut die Eigentümer wechselte: so zunächst 1644 pfandweise an die Familien von Ahnen, bereits 1664 als Gnadenlehn an die Putbus und noch vor Ausgang des 17. Jahrhunderts an die von Normann, 1706 war es schließlich der Stettiner Ratsherr und Großkaufmann Friedrich von Langen (1642–1718). Seine Nachfahren behielten Üselitz bis 1939.

Im Jahr 1945 wurde Burghard von Veltheim, der Besitzer seit 1939, enteignet. Bis zu 90 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten mussten dann zeitweilig aufgenommen werden. Der Verfall vom Adelsschloss zum schlichten Wohnhaus war damit vorgezeichnet bis in die 60er Jahre. Als es leergezogen war, stürzte 1970 das Dach ein, die Bausubstanz verfiel immer mehr, je stärker der Zahn der Zeit daran nagte. Da nütze es auch wenig, dass es 1975 in die Kreisdenkmalliste aufgenommen wurde. Fortan nahmen es Bereitschaftspolizei und Kampfgruppen in Beschlag, um den Häuserkampf zu üben.

Natürlich mit verheerenden Folgen für das wertvolle Gebäude. Im Jahre 2000 begannen erste Sicherungsarbeiten, Ende 2017 war es dann so weit: Denkmalgeschütztes Herrenhaus oder Gutsschloss samt Gutspark waren dank privater Initiative komplett instandgesetzt und wiederhergerichtet. Fortan konnten sie wieder genutzt werden: jetzt erstmals für Veranstaltungen und als Feriendomizil.

Kontrast zwischen Alt und Neu

Das betritt man heutzutage über einen modernen turmartigen Seitenanbau. Es sind nicht die zahlreichen Stufen auf dem Weg nach oben, die einen zum Pausieren zwingen, sondern historische Schwarz-Weiß-Fotos. Aufgehängt an den nackten Betonwänden im Treppenhaus dokumentieren sie eindrucksvoll die Zustände der Vergangenheit: zwischen wundervoll intakt und völlig zerstört. Bis man „sein“ Stockwerk erreicht hat. „2. OG links“, steht auf dem Schlüsselanhänger von einer der sieben unterschiedlich großen und geschnittenen Ferienwohnungen.

Eintritt ins Gemach, links und rechts Schlafräume mit Doppelbetten und zwei Bädern samt Dusche und Badewanne. Dann weiten sich Raum und Blick. Ersterer riesig, kaum möbliert mit laminatbedecktem Fußboden. Das wirkt leider schallverstärkend, was man eigentlich als ruhesuchender Gast nicht so recht mag. Sitzecke mit Couch und zwei Sesseln ohne Abstelltischchen links, Küchenzeile mit Esstisch und sechs Stühlen rechts. Wände komplett weiß. Architektonisch anscheinend so gewollt, um den Kontrast zwischen Alt und Neu zu unterstreichen.

Minimalistisch könnte man den Stil nennen, andererseits auch elegant-zurückhaltend, gar großzügig. Das alles mag sehr reizvoll sein, wenn einem „Gemütlichkeit“, wozu vielleicht auch knisterndes Kaminfeuer gehört, nicht so wichtig ist. Indes auf einen Fernseher zu verzichten, fällt nicht schwer. Konsequenterweise gibt es den auch gar nicht erst.

Dafür ein grandioses Naturprogramm. Hinter kleinen grauen Rundbogenfenstern hohe Baumriesen, deren Wurzeln im Wasser eines Teiches zu stehen scheinen. In der Ferne glitzert der Strelasund, laut Karte nicht mehr als 500 Meter entfernt. Hin und wieder ziehen in der Ferne sogar größere Frachter vorbei auf dem Weg von oder nach Stralsund. Im September 1678 war es sogar eine ganze Flotte, die der Große Kurfürst in der Nähe beim Dorf Neukamp auffahren ließ, um Rügen einzunehmen. Daran erinnert noch eine Preußensäule von einst 21 Metern Höhe. Das Standbild des Soldatenkönigs indes liegt im Depot von Putbus.

Trockengelegt und wiedervernässt

Astrid, gebürtige von Götz mit familiären Baltikums- und Emslandwurzeln, und Pete Welbergen aus Frankfurt am Main ahnten noch nicht, was ihnen bevorstand. „Initiator war eine Ausstellung der Landesdenkmalpflege, unsere Liebe zur Ostseeküste und spontane Begeisterung für Üselitz“, erklärt sie nach ihren Motiven befragt. 1998 schlugen sie zu und kauften die Ruine, wie es noch heute unerklärlicherweise auf dem Wanderwegschild an der Zufahrt heißt. Als Architekt konnte sich Pete bald ein reales Bild von den anstehenden Baumaßnahmen machen.

Allerdings weniger von dem, was seit 2007 folgen sollte: die Renaturierung oder Wiedervernässung der umgebenden Ackerflächen. Seit 100 Jahren hatten sie trockengelegen, aber der Bau der Rügenbrücke verlangte seit 2007 nach Ausgleichsmaßnahmen. Das Wasser kam vom Strelasund, strömte in die hügelige Landschaft und zauberte aus den Senken Seen.

So wurden Üselitzer und Mellnitzer Wiek geboren, mit Argwohn beobachtet von den Welbergens. Zum Glück blieben Schäden am Bauwerk durch das gestiegene Grundwasser aus. Dafür erhob sich der imposante Dreistöcker über eine neue Insel, der einzigen auf Rügen. Seitdem bietet der hauseigene Seerundweg unverfälschtes „Fernsehen“, inklusive wettergeschützter Beobachtungs-Remise mit Stühlen und Wärmeöfen.

Geheimnisvolle Nebelschwaden

Schon kurz nach der Flutung haben sich die Wasserflächen zu einem überregional bedeutsamen Lebensraum für Wasser- und Watvögel sowie Kraniche entwickelt. Tausende von Stockenten, Pfeifenten, Graugänsen rasten hier seitdem regelmäßig. Auch Kiebitz und Goldregenpfeifer schätzen das Durchzugs- und Rastgebiet, währen Kormorane ständig in der Wiek zu Hause sind. Wie auch Rehe und Hasen die Abgeschiedenheit schätzen.

Eine Stunde braucht man etwa, wenn man sie auf weich federndem Wiesenuntergrund umrundet. Auch als Morgenlauf oder Abendspaziergang zu realisieren, zu Sonnenauf- und Untergang. Den man natürlich auch durch die Schlossfenster genießen kann, selbst aus der Badewanne, beim Abendbrot mit einem Glas Rotwein oder bei kreativem Schreiben. Wie es Oberstübchen-Nachbar Thomas aus der Schweiz praktiziert. Der hat sich gleich für drei Wochen in der gästearmen Vorsaison einquartiert, „um hier in aller Ruhe meinen Familienroman zu schreiben“. Wobei er sogar mit Bahn und Bus angereist ist und sich nicht scheut, bei Wind und Wetter zum Einkaufen rund sieben Kilometer bis nach Poseritz zu marschieren, zurück mit voller Tasche aus „seinem“ Bioladen „mit neuestem Dorfklatsch“, wie der 62-jährige, körperlich fitte Reserveoffizier der Schweizerischen Armee erzählt.

Selbst zu früher Stunde ist der ehemalige Berufsfotograf unterwegs. Er erzählt: „Wenn märchenhafte Nebelschwaden durch Geäst und Schilf ums Gebäude kriechen, dann wird der Kinderbuch-Titel in meinem Regal lebendig: ,Das geheimnisvolle Schloss'.“

• www.ueselitz.de


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