23.05.2024

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Christian Morgenstern

Die Liebe zu Mondscheinnächten

Nachkomme eines Malergeschlechts – Eine Veranstaltung in Werder erinnert an den großen Lyriker

Lienhard Hinz
27.08.2023

Wer kennt nicht die stimmungsvollen, malerischen Naturgedichte von Christian Morgenstern? In der Sprechwerkstatt „Meine Morgenseele“ haben Mitglieder der Christian-Morgenstern-Gesellschaft in Werder (Havel) ihre Freude daran. Gedichte wie „Vormittag am Strand“ und „Mittag-Stille“ verraten eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, welche der Dichter schon in der Kindheit verinnerlichte. „Der Vater suchte als freier Landschafter gerne die Gebirgsseen auf, und das Kind wurde zu aller Freude überallhin mitgenommen“, erzählt Michael Bauer in seinem Buch „Christian Morgensterns Leben und Werk“.

Der Vater Carl Ernst Morgenstern, 1847 in München geboren, erhielt 1883 als Landschaftsmaler eine Professur an der Kunstgewerbeschule in Breslau. Von 1890 bis 1928 lebte er in Wolfshau bei Krummhübel im Riesengebirge. „Der am 6. Mai 1871 in München geborene Sohn erhielt in der Taufe die Namen: Christian Otto Josef Wolfgang. Christian nach dem Großvater Christian Morgenstern, dem bedeutenden Landschaftsmaler; Josef nach dem Großvater mütterlicherseits, dem ebenfalls angesehenen Landschafter Josef Schertel; Otto nach seinem Paten, dem Hamburger Kunsthändler Arnold Otto Meyer. Der Name Wolfgang aber sollte die Liebe der Mutter zu Wolfgang Amadeus Mozart bekunden.“ Von Morgensterns nahem Freund Bauer erfährt man, dass der Dichter sich in einem vorwiegend autobiographisch angelegten Roman als Sohn eines Malergeschlechts darstellen wollte. Der Roman ist Fragment geblieben.

300 Jahre Familiengeschichte
Die Familienforschung des Malergeschlechts Morgenstern reicht 300 Jahre zurück. Einen Stammbaum väterlicherseits zeigt Gerhard Kölsch im vom Museum Giersch herausgegebenen Band „Carl Morgenstern und die Landschaftsmalerei seiner Zeit“. Der thüringische Hofmaler Johann Christoph Morgenstern (Altenburg 1697 – Rudolstadt 1767) bildete seine beiden Söhne zu Kunstmalern aus. Die Nachkommen des älteren Sohnes Friedrich Wilhelm Christoph Morgenstern (Rudolstadt 1736 – Rudolstadt 1798) waren Johann Heinrich Morgenstern (Altona 1769 – Hamburg 1813) und Christian Ernst Bernhard Morgenstern (Hamburg 1805 – München 1867) sowie Professor Carl Ernst Morgenstern, der Vater des Dichters.

Neben dieser Hamburg-Münchener Linie sorgte der zwei Jahre jüngere Sohn Johann Ludwig Ernst Morgenstern (Rudolstadt 1738 – Frankfurt a. M. 1819) mit seinen Nachkommen für die Frankfurter Linie der Landschafts- und Porträtmaler: Johann Friedrich Morgenstern (Frankfurt a. M. 1777 – Frankfurt a. M. 1844), Carl Morgenstern (Frankfurt a. M. 1811 – Frankfurt a. M. 1893) und Friedrich Ernst Morgenstern (Frankfurt a. M. 1853 – Frankfurt a. M. 1919).

Die Frankfurter Linie beschreibt Inge Eichler im Buch „Die Frankfurter Malerfamilie Morgenstern in fünf Generationen“. Johann Ludwig Ernst Morgenstern war Zeichenlehrer in Goethes Elternhaus und porträtierte die Kinder Cornelia und Johann Wolfgang Goethe. Im Zeichenunterricht vermittelte er dem jungen Goethe das perspektivische Gerüst für die Tiefenräumlichkeit. Johann Wolfgang von Goethe besuchte seinen Zeichenlehrer noch 1815 in seinem Atelier auf der Frankfurter Zeil.

Goethe bewunderte Morgensterns „Miniaturcabinett“
Dieser schuf dort mit seinem Sohn auch das von Goethe bewunderte „Morgenstern'sche Miniaturcabinett“, eine Sammlung eigenhändiger Reproduktionen zeitgenössischer Gemälde. Auch der Enkel Carl Morgenstern wirkte daran mit. Der Frankfurter Maler Carl Morgenstern lernte nicht nur von seinem Vater Johann Friedrich, sondern auch von Christian Morgensterns Großvater Christian Ernst Bernhard Morgenstern.

Dazu reiste Carl Morgenstern 1832 nach München. Der Dichter Christian Morgenstern konnte seinen Großvater nicht kennenlernen, schätzte aber seine Kunstwerke so, dass er ihm den 1906 erschienenen Gedichtband „Melancholie“ widmete. Er enthält bildliche Gedichte, wie das folgende:

Bild aus Sehnsucht
Über weite braune Hügel
führt der Landmann seinen Pflug.
Droben mit gestrecktem Flügel
schwimmt des Adlers breiter Bug.
Fern aus Höfen unter Bäumen
zittert Rauch im Morgenglanz.
Und die fernste Ferne säumen
Wälder wie ein dunkler Kranz.
(Morgenstern II 1992, S. 28)

Dieses Gedicht ist dem zweiten Band der Stuttgarter Ausgabe „Christian Morgenstern. Werke und Briefe“ entnommen. In einem Brief schreibt der Dichter 1894 einer Freundin: „Weißt Du, mein Großvater steht wieder in mir auf, mit seiner Liebe zu Mondscheinnächten und phantastisch gewaltigen Lüften, zu weiten Ebenen und zur weitesten Ebene: dem Meere. Ich bin Maler bis in den letzten Blutstropfen hinein – Und das will nun heraus ins Reich des Wortes, des Klanges – eine seltsame Metamorphose.“ An dieselbe Freundin schreibt er fünf Jahre später: „Überhaupt der Maler in mir! Der ist meine eigentliche Seele, nach wie vor. Ich ertrinke manchmal fast in den zahllosen Wirkungen der Natur auf mich.“ (Morgenstern IV 2001, Seite 680)

Hinweis: In der Veranstaltungsreihe „Treffpunkt Galgenberg“ bietet die Christian-Morgenstern-Gesellschaft in Werder (Havel) am 16. September 2023 um 16 Uhr den Vortrag „Der Dichter Christian Morgenstern als Sohn eines Malergeschlechts“ an.


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Kommentare

Chris Benthe am 27.08.23, 12:30 Uhr

Einfach wunderbar!

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