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Gemüse frisch vom Dach: Urbane Bauern ernten inzwischen auch mitten in der Stadt
Foto: paGemüse frisch vom Dach: Urbane Bauern ernten inzwischen auch mitten in der Stadt

Esskultur

Die Zukunft liegt auf dem Teller

Die wachsende Erdbevölkerung zwingt zum Umdenken bei der Landwirtschaft – Wie produzieren und was essen wir morgen?

Stephanie Sieckmann
19.06.2021

Welche Vorteile hat Agroforstwirtschaft? Warum ist sogenanntes Crowd­farming sinnvoll? Wie erfolgversprechend ist der Anbau auf dem Dach? Und wie können nachhaltige Lebensmittel größere Verbreitung finden? Fragen wie diese sind bei einem Kongress zum Ernährungswandel beantwortet worden. Stattgefunden hat die Veranstaltung unter dem englischen Titel „Food System Change Congress“. Aufgrund der Corona-Pandemie nur online.

Die Aufnahme von Nahrung ist lebenswichtig. Wie der Mensch sich ernährt, ist dabei von vielen Faktoren abhängig. Das Ernährungsverhalten ist ein bio-psycho-sozio-kulturelles Phänomen. Und in der Tat sind es viele verschiedene Wissenschaftsrichtungen, die sich in ihrer Forschung mit unterschiedlichen Aspekten der Ernährung beschäftigen.

Dabei geht es nicht immer nur darum, mit welchen Methoden die wachsende Bevölkerung auf der Erde langfristig ausreichend mit Lebensmitteln versorgt werden kann. Nahrung muss angebaut, geerntet und zum Verbraucher transportiert werden. Die Reste von Lebensmitteln und Verpackungen müssen entsorgt werden. Ökologisch sinnvolles Wirtschaften („Nachhaltigkeit“) spielt eine Rolle, ebenso die Auswirkungen eines intensiven Anbaus auf das Klima. Vorhandene sowie brachliegende Ressourcen und optimale Bodennutzung sind Themen, die seit Jahren immer wieder diskutiert werden.

Aspekte wie regionale Produktionssysteme bekommen deshalb wachsende Bedeutung. Fragen kommen auf, zum Beispiel wie Großstädte mit regionalen Produkten versorgt werden können. Aber auch wie man in der Bevölkerung Akzeptanz für neue Systeme schafft? Lösungsansätze für derartige Problemstellungen gibt es in manchen Fällen bereits. Doch in der Regel sind es kleine Projekte.

Der erste Food System Change Con­gress, ins Leben gerufen von den Machern der Internetplattform ernaehrungswandel.org und des Dresdener Vereins NAHhaft, lieferte ein Gesprächsforum sowohl für die Präsentation derartiger Nischen und Projekte wie auch für den Austausch. Sowohl Experten wie Aktive, aber auch interessierte Verbraucher konnten bei der Veranstaltung Fragen stellen und Erfahrungen teilen.

Bauernhof auf dem Hochhausdach

Das erklärte Ziel bestand darin, Vertreter und Kenner der Nischeninnovationen zu einem europaweiten Austausch zusammenzubringen, Synergien und Vernetzung zu fördern. Insgesamt stellten 40 Experten und Pioniere ihre zum Teil noch wenig bekannten Projekte rund um das Thema Ernährungssysteme im Rahmen des Online-Kongresses vor. Nach der Pandemie sollen die Gespräche mit einer Präsenzveranstaltung fortgesetzt werden.

Wer Interesse an den Themen hatte, musste sich als Teilnehmer im Internet registrieren, um online dabei zu sein und Fragen zu stellen. Dafür sparten die Besucher sich die Anreise und konnten vom Sofa oder Küchentisch aus die zwölf Themen-Blöcke der Veranstaltung verfolgen. Besonders großen Zuspruch verzeichneten die Experten in drei Blöcken: Punkt eins betraf klimafreundliche und nachhaltige Anbaumethoden, Punkt zwei die Agroforstwirtschaft mit ihren Unterschieden in ganz Europa, Punkt drei die Städte, welche die Verantwortung für die Lebensmittelproduktion übernehmen.

Vorgestellt wurden zahlreiche Innovationen, die in Deutschland bisher nicht oder nur vereinzelt zu finden sind. Dazu gehörte das von Pascal Hardy präsentierte Projekt Nature Urbaine, ein städtischer Bauernhof mitten in Paris, untergebracht auf einem Dach. Hier werden in Reih und Glied Salat und Gemüsesorten wie Tomaten angebaut. Die Erzeugnisse werden frei verkauft, auch verarbeitete Produkte wie Chutney aus grünen Tomaten oder Ketchup werden vermarktet.

Stadtplanerin Beatrice Stude stellte die Idee des MILA Mitmach Supermarkts vor. Ein Pilotprojekt, bei dem erstmals in Österreich ein Supermarkt als Lebensmittel-Treffpunkt basierend auf dem genossenschaftlichen Prinzip entstehen soll. Interessierte können Anteile erwerben, sich einbringen und das Projekt durch Mitarbeit gestalten und unterstützen. Dabei werden die Anteilseigner sowohl in die Produktion der Lebensmittel auf dem Acker und der Wiese wie auch in die Vermarktung eingebunden. Einige Stunden im Monat muss zudem im Supermarkt Hand angelegt werden. So sollen faire und dabei günstige Preise für regional angebaute Lebensmittel gesichert werden.

Bereits etwas etablierter sind zwei andere Ansätze. Die Möglichkeit regionale Lebensmittel direkt online beim Erzeuger zu bestellen und damit die regionale Landwirtschaft zu unterstützen, steht beim Open Food Network im Vordergrund. Aktuell sind auf der deutschsprachigen Webseite 83 regionale Lieferanten mit ihren Produkten vertreten. Tendenz steigend. Ebenfalls regional orientiert sind sogenannte Crowdfarming-Projekte, bei denen Verbraucher als Paten jahres- oder saisonweise einen Geldbetrag leisten – für ein Rind, eine Kuh, ein Schaf oder eine Ackerfurche. Bei der Ernte erhalten sie dafür das Gemüse beziehungsweise Milch, Käse, Wolle oder Fleisch des Tieres, je nach Paten-Vertrag.

Den Wald optimal nutzen

Eine Anbaumethode, die europaweit aktuell zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Agro-Forstwirtschaft. Das Prinzip der kombinierten Landnutzung von Bäumen, Ackerkultur und Tierhaltung ist mehr als tausend Jahre alt. Jetzt werden die Vorteile dieser Landnutzung wiederentdeckt. Die Produktvielfalt ist groß, sie reicht von Getreide, Gemüse und Obst bis zu Milch, Eiern, Honig und Holz als Baumaterial. Vorteilhaft: Die Tiere liefern natürlichen Dünger, die Bäume sorgen für eine optimale Wasserdurchlässigkeit des Bodens und geringere Erosion. Der Arbeitsaufwand ist dafür im Vergleich weitaus höher, einige Erträge wie zum Beispiel die Holznutzung können erst nach vielen Jahren gewonnen werden.

Während in England, Finnland, Norwegen, Schweden und Spanien Agro-Forstwirtschaft zunehmend gepflegt wird, gibt es in Deutschland gesetzliche Hürden. Ohne Gesetzesänderungen ist Agroforstwirtschaft hier nicht umsetzbar. In der Abschlussdeklaration des Food System Change Congress gehört die Anpassung nationaler Gesetze an die Umsetzung der sogenannten silvopastoralen (waldgerechter) Agro-Forstwirtschaft daher zu den 28 Forderungen, die sich an Entscheidungsträger auf kommunaler, nationaler und auf EU-Ebene richten.

Der Kongress war ein Meilenstein. Nicht mehr und nicht weniger. Die Arbeit geht weiter. Möglichkeiten müssen geschaffen und Projekte realisiert werden. Sonst lassen sich die Herausforderungen zukünftiger Lebensmittelgewinnung und -verteilung nicht meistern.



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Kommentare

Andreas Prieß am 19.06.21, 10:38 Uhr

Nicht nur die Landwirtschaft müsste umdenken,sondern die Menschheit müsste dies tun und zwar sofort. Die Bevölkerungszahlen auf der Erde explodieren. Waren es im Jahr 1800 noch 1 Milliarde Menschen waren es 100 Jahre später also im Jahr 1900 schon 2 Milliarden Menschen. Im Jahr 2000 ,also weitere 100 Jahre später,wuchs die Erdbevölkerung auf 6 Milliarden an und dies trotz 2 Weltkriegen. Zur Zeit leben 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Also in den letzten 21 Jahren ein Zuwachs von 1,8 Milliarden Menschen !

Die Meere sind überfischt, die Böden überdüngt. Die Menschen flüchten dorthin, wo sie noch etwas zum Essen bekommen. Wir werden in den nächsten Jahren eine weltweite Massenflucht erleben,welche niemand mehr stoppen kann. Nicht das Klima ist das Problem, sondern der ungebremste Anstieg der Weltbevölkerung. Wir leben in einer Vorkriegszeit.

sitra achra am 19.06.21, 10:31 Uhr

Der Hutewald ist ja keine neue Erfindung. Treiben wir die Schweine also wieder in den Wald, wo sie ihren wilden Artgenossen begegnen.
Eine weitere Lösung wäre der massenhafte Verzehr von Mehlwürmern und Algenprodukten.
In anderen Kulturen vergangener Epochen, die an Proteinmangel litten, z.B. in Schwarzafrika oder Polynesien, war Langschweinessen sehr beliebt. Auch christliche Missionare standen auf dem Speiseplan.
Da bieten sich klimagerechte Grillpartys nach dieser Methode förmlich an. Bon appétit!

Siegfried Hermann am 19.06.21, 08:58 Uhr

Sorry,
das geht mal wieder komplett an den globalen Ursachen vorbei!!!
Das Problem fängt bei den gepushten, propagierten hemmungslosen TV-Medien-Sexpraktiken ohne Konsequenzen, an. Naja. Was nach 9 Monaten is, wissen wir ja alle....
Dann werden in Latein-Amerika, Afrika, Indien und "religiös" aufgeladen im Muselmannenreich (link Persien: jedes Mädchen mit 16 Jahre schon min 1 Kind; Erdowahn: jedes türk. Mädchen min 5 Kinder, für viele "heilige Krieger" usw usw) gnadenlos Kinder in die Welt gesetzt, ohne jegliche Vorsorge und "Nachhaltigkeit" und das mit "Kolonialismus" erklärt.
Was haben wir Europäer damit zu tun???
Garnix!!!
Jetzt zum Öko-Ponyhof-Städte-Grün-Anbau-Alptraum.
Wer in DU-Marxloh das Futter auf dem Dach anbaut und selbst verzehrt ist nicht mehr zu helfen.
Gestern hat sich noch Herr Mohr über die Kaffee-Latte-Fraktion der Grünen zu recht aufgeregt. Glaubt auch nur irgendeiner; diese grünen Herrschaften würden so ein vergiftetes Zeug selber frexxen???
Das ist dann gut genug für "Nazi-Oma" und "guud-Ali-nebenan".
Kurz: Das ist genauso eine Fata Morgana wie die Windräder.
Lösung:
Die o.g. Länder werden verpflichtet ihre Bevölkerungsüberschüsse zurück zu nehmen (link.Helmut Schmidt) und das chinesische 1-Kind-Modell über 100 Jahre sofort einzuführen.
Der Bio-Spritstoff-und Palmöl-Wahn muss sofort beendet werden und die Anbaufläche den Kleinbauern wieder übergeben werden, genauso wie die riesen Flächen der Konzerne.
Der nächste Schwachsinn, der richtig was bringt, sind die zahllosen Fressbuden in shoppingmalls, Bahnhöfen, etc. wo ein Großteil der Lebensmittel sowieso im Müll landet.
Und da wären noch die in jeden Supermarkt etablierten Hollywood-"show-Flächen", gerade Fisch, wo auch jeden Menge ungegessen in die Tonne wandert.
Letztendlich muss die Lebensmittelproduktion nicht mehr nach Profit für wenige, sondern nach Bedarf umgestellt werden.
Ergo:
Da liegt ein riesige Potential brach, das nur dem Herrschenden nützt und sonst niemand!
Vor vielen, vielen Jahren wurde mal eine Studie, (ich glaub im Auftrag des Club of Rome) durchgeführt, die mit diesen non-profit-Denken errechnet hat, dass 11 Mrd. Menschen auf der Erde in Wohlstand und bitte nicht mit Reichtum zu verwechseln, leben können.
Nur wollen die 1 Promille Hypereichen das nicht!!!
Mahlzeit!

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