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Ein Ort des Schreckens: Kaserne von Postelberg
Foto: LysipposEin Ort des Schreckens: Kaserne von Postelberg

Massaker

Ein eindrucksvolles Werk über ein unfassbares Verbrechen

Der Historiker Andreas Kalckhoff dokumentiert die Ermordung von Deutschen in Saaz und Postelberg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Konrad Badenheuer
12.01.2023

Anfang Juni 1945 wurden in den westböhmischen Städten Saaz und Postelberg in nur drei Tagen etwa 800 Deutsche ermordet. Damit gehören diese Massenerschießungen zu den schlimmsten Verbrechen bei der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie zählen gleichzeitig auch zu den am besten dokumentierten dieser Verbrechen, denn schon im Jahre 1947 hat die noch nicht völlig kommunistisch beherrschte Tschechoslowakei eine Serie von Vernehmungen durchführen lassen, um diese Verbrechen aufzuklären. Außerdem wurden die Toten exhumiert und eingeäschert, was ebenfalls genau dokumentiert wurde. Die damaligen Ermittlungen haben zwar keinen Täter hinter Gitter gebracht, jedoch ist das Geschehen genau nachvollziehbar. Man kennt die Schuldigen mit Namen und kann sogar ansatzweise die „Befehlsketten“ bis hinauf in die verantwortlichen Ministerien in Prag nachvollziehen.

Das Verdienst, diese Verbrechen erstmals akribisch dokumentiert zu haben, gebührt einigen der vertriebenen Saazern und Postelbergern selbst. Im Jahre 1995 haben sie zum 50. Jahrestag der Ereignisse als „Sonderausgabe des Heimatbriefs Saazerland“ eine von Erich Hentschel zusammengestellte Dokumentation vorgelegt, die zu den exaktesten gehört, die bis heute über ein Vertreibungsverbrechen vorgelegt worden sind. Freilich konnten die tschechischen Quellen zu diesem Zeitpunkt erst ansatzweise ausgewertet werden.

Diese Lücke wurde nun geschlossen von dem umfangreichen, komplett zweisprachigen Werk des Historikers Andreas Kalckhoff „Was geschah in Saaz und Postelberg im Juni 1945?“. Das Buch lässt auf 530 großformatigen Seiten nun so gut wie keine Frage mehr offen: Nicht nur zum damaligen Geschehen, sondern auch zum späteren Umgang auf allen Seiten mit den Ereignissen – von den Überlebenden, die an den schockierenden Erfahrungen für den Rest ihres Lebens zu tragen hatten und haben, über die heutigen, tschechischen Bewohner von Saaz und Postelberg bis hin zu den Regierungen in Prag und Bonn respektive Berlin. Das Buch ist lesenswert und verdienstvoll, auch wenn der Erkenntnisgewinn gegenüber der Dokumentation von 1995 gemessen am enormen Aufwand dann doch überschaubar ist. Schon damals waren die Haupttäter namentlich bekannt; nun werden viele Randfiguren zusätzlich benannt und die Grade der jeweiligen Mitverantwortung sind noch klarer.

Zwei kritische Anmerkungen seien erlaubt. Das Eine ist der Hinweis auf eine Lücke. Die Massaker in den Tagen ab dem 2. Juni 1945 haben nämlich – höchstwahrscheinlich – den Anlass gegeben zu einem Tagebucheintrag Ernst Jüngers, der am 11. Juni notiert hat: „Am Abend meldete der [britische] Rundfunk, daß die Austreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland im vollen Gange ist. Darunter sind ohne Zweifel Millionen Unschuldige, denen eines Tages ein Kläger erwachsen wird. Es gehörte bereits zu den Mißgriffen des Versailler Diktats, sie unter Fremdherrschaft zu stellen; jetzt sollen sie dafür büßen, daß sich das als unsinnig erwies. Unschuldig zahlen sie auch dafür, daß ein schlechter Anwalt sich ihrer gerechten Sache bemächtigte. Das weiß jeder, der diese Menschen kennt und die Art, in der sie unterdrückt wurden. Man hört auch hier von grauenhaften Ausmordungen. Flüchtlinge erzählen Einzelheiten, die alles unterbieten, was ich in unserer an solchen Schrecken doch überreichen Zeit seit 1917 vernommen habe, und die ich dem Papier nicht anvertraue, ja löschen möchte aus meinem Innersten. Ich nehme an, daß die große Mehrzahl der Tschechen sie mit ohnmächtigem Grauen betrachtet hat. Man weiß ja, eine wie kleine Schicht von Tätern in labilen Lagen zur Veranstaltung bestialischer Schauspiele genügt. Die Nachricht kam durch den Londoner Sender, dessen Empörung über die bei uns zulande begangenen Greuel ich während der letzten Jahre oftmals billigte. Was soll man aber von dem Behagen denken, das offenkundig über der Mitteilung dieser neuen Scheußlichkeiten waltete? Während die Stimme des feisten Frühstückers mir das Herz umdrehte, sah ich das namenlose Elend auf den Grenzstraßen. Ich möchte wohl wissen, was Männer, die ich achte, darüber denken, wie etwa Gide. Einäugige Humanität ist widriger als Barbarei. ...“ Eine Neuauflage dieses Buches könnte der Frage nachgehen, ob die „grauenhaften Ausmordungen“, denen Jünger hier ein literarisches Denkmal gesetzt hat, konkret die Massaker von Saaz und Postelberg waren. Die entsprechenden Berichte des „Londoner Senders“ – ist die BBC gemeint? – sollten sich finden und auf diese Frage hin untersuchen lassen. Und wer war der „feiste Frühstücker“, dessen Behagen Jünger hier aufs Korn genommen hat?

Der andere Hinweis ist, dass die kurze Einschätzung eines Völkerrechtlers das Buch sehr bereichert hätte. Er könnte erklären, warum die dokumentierten Vorgänge mit Sicherheit den Tatbestand eines internationalen Verbrechens und zugleich eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit („crime against mankind“) erfüllen.

Diese sind mitsamt den dabei verübten Enteignungen und anderen, sonst der Verjährung unterliegenden Rechtsbrüchen, unverjährbar. Ein Völkerrechtler könnte ferner darlegen, unter welcher – nach Ansicht des Rezensenten erfüllten – weiteren Voraussetzung diese Vorgänge als Völkermord zu qualifizieren sind. Dass dieses Wissen dem Autor fehlt, belegt sein Vorwort. Darin spielt er Wahrheit und Gerechtigkeit gegeneinander aus, indem er bedauert, dass so wörtlich „die in der ‚Landsmannschaft' organisierten Sudetendeutschen ihre Klage als Anklage vorgebracht haben. Sie haben sich nicht begnügt, ihr Schicksal zu beklagen, wozu sie alles Recht hatten. Sie wollten ... den tschechischen Staat ... zur Rechenschaft ziehen.“

Da fragt man sich zum Einen, warum hier das Wort „Landsmannschaft“ in Anführungszeichen steht, und zum Anderen, wie viele Jahre nach Ansicht des Autors ins Land gehen müssen, bis auch die dieser Tage geflohenen Ukrainer zwar noch „alles Recht“ haben werden, ihr Schicksal zu beklagen, aber doch bitte davon Abstand nehmen mögen, den russischen Staat „zur Rechenschaft ziehen“ zu wollen. Konkret moniert Kalckhoff das Wort „Völkermord“ in der Argumentation mancher Saazer und merkt an: „Historiker hüben und drüben sehen das mehrheitlich anders.“

Das tun sie in der Tat, aber was hier als herbe Belehrung der Opfer daherkommt, ist doch nur das unfreiwillige Eingeständnis einer Informationslücke, die in einer Folgeauflage dieses Buches geschlossen werden sollte.

Andreas Kalckhoff
„Was geschah in Saaz und Postelberg im Juni 1945?“
Verlag Tschirner & Kosová, Leipzig 2022 , gebunden, 530 Seiten, 49,80 Euro
www.tschirner-kosova.de


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Kommentare

Gerhard Dr . rer. nat. Popp am 16.01.23, 21:37 Uhr

Auch ich miß billige diese grausamen Verbrechen an den Ostvertriebenen sehr .
Leider hat sich
die Masse der
Deutschen Bevölkerung zu wenig gegen die
Nazibarbarei gewehrt u. sogar gebilligt, so dass
Polen ,Tschechen
u. andere ihrerseits Motivation für
die ebenso kriminelle Vertreibung fanden .

Wolfgang Staigmüller am 15.01.23, 18:26 Uhr

Das vergangene Jahrhundert war wie nur wenige zuvor von Massakern und unsagbar grausamer Gewalt geprägt, und hat auch in kaum vorstellbarem Ausmaß gezeigt, daß aus Gewalt nichts gutes werden kann, sondern die böse Saat immer aufs neue aufgeht! Die wichtigste Frage auch für unsere Zeit ist nun ohne Zweifel, wie diese verhängnisvolle Spirale durchbrochen werden kann, damit diejenigen, welche sich zuvor mit allen Mitteln zu töten suchten und noch viel wichtiger deren Nachkommen, wieder in Frieden miteinander leben können! Eine solche Antwort kann m.E. in dem Gedicht "Die Füße im Feuer" gefunden werden, das von dem Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer verfaßt worden ist, und dessen Inhalt sich zwar auf die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Hugenotten im Frankreich des 15. und 16. Jahrhundert bezieht, dessen Kernbotschaft aber bis heute ihre Gültigkeit behalten hat, die da lautet, daß man in solchen Fällen auch wenn das unsagbar schwer erscheint, das Urteil und die Strafe Gott überlassen muß!

Klaus Kurz am 12.01.23, 22:58 Uhr

"Feister Frühstücker?" Da hat sich der Meister wohl versehen. "Feist" stimmt natürlich bei dem größten Kriegsverbrecher, aber "Frühstücker?" Mir erschiene das Wort "Trinker" wesentlich besser gewählt.

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