16.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Aus der Vergangenheit

Ein Schutz, der keiner war

Der Pommernwall – Eine Betonkette zieht sich durch die Landschaft, Fledermäuse leben in den Gewölben

Brigitte Stramm
02.10.2023

Üppige Informationen über den Pommernwall im Osten Pommerns gibt es nicht. Der Verlauf war laut Hans-Ulrich Kuchenbäcker, Zeitzeuge aus dem Heimatkreis Rummelsburg, von der Ostsee westlich von Rügenwalde über Pollnow, Baldenburg, Neustettin, Deutsch-Krone, Tütz bis zur Netze und weiter bis Landsberg/Warthe. Teilweise war auch eine weitere Linie vorgelagert.

Nachdem die Grenzen zu Polen nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag neu festgelegt wurden, begann Deutschland 1932 mit dem Bau von Befestigungsanlagen. Betonierte befestigte Stellungen ähnlich der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen unter Ausnutzung der Seenlandschaft zogen sich durch die Landschaft. Es waren zirka 900 Bauwerke, von denen noch diverse Reste, verborgen in den Wäldern, auch heutzutage zu finden sind und großes Interesse bei den Interessierten hervorrufen.

Zunächst Betonbauten
Bei Neustettin wurde der Bau der Betonbunker im Jahre 1934 begonnen. Hier und bei Deutsch Krone waren die vorgesehenen Schlüsselpunkte (Operationskorridore) der befestigten Linie. 1934 wurde ein Abschnitt des Pommernwalls zwischen Vilmsee [Jezioro Wielimie] und Dolgensee [Jezioro Dolgie] erbaut. Nach Kriegsbeginn wurden die Arbeiten eingestellt. Erst etwa Juli 1944 bis Januar 1945 wurden weitere Arbeiten durchgeführt.

Kuchenbäcker berichtet, dass der Befehl zum Baubeginn kurz nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 kam. Die ersten Ostwallarbeiter aus Rummelsburg verließen die Kreisstadt bereits am 1. August 1944. Jetzt galt es allerdings Panzergräben auszuheben, im Volksmund „das Schippen“ genannt. Zumeist mussten Jugendliche diese Arbeit verrichten. Der Holterdiepolter ausgesprochene Befehl, ohne geeignete Unterkünfte und Verpflegung zur Verfügung zu stellen, war eine Herausforderung. Die zu bewältigen Erdbewegungen waren gewaltig, Ein Panzergraben war oben zirka vier Meter breit, unten einen halben Meter, bei zirka3,5 Meter Tiefe, dazu mit Faschinen verstärkt. Für Panzer sollte dieser Graben ein nicht zu überquerendes Hindernis sein.

Frauen und Kinder arbeiteten
Es waren Jugendliche, 14- bis 16-Jährige, Frauen und ältere Männer, zu der Zeit war der Volkssturm noch nicht aufgestellt, die diese Arbeit zu erledigen hatten. Außerdem wurden Bauern mit ihren Gespannen teilweise verpflichtet, was zulasten der Ernte und Feldarbeit ging.

Der Wehrkreis II hat die Zahl der von der pommerschen Gauleitung verpflichteten Zivilisten auf 125.000 geschätzt, alleine im Bereich Rummelsburg-Bütow sollen es zirka 35.000 Personen gewesen sein. Aufgrund des schnellen Vordringens der Roten Armee kam es auch in dieser Stellung zu keiner planmäßigen Besetzung. Nur Teile der Anlage waren besetzt und wurden von den vorrückenden Verbänden der Roten Armee umgangen beziehungsweise komplett ignoriert, das heißt von der Umgebung abgeschnitten. Erstmals durchbrachen die Sowjets den Pommernwall am 28. Januar 1945 bei Hochzeit im Kreis Arnswalde, am 26. Februar 1945 bei Baldenburg. Da standen die Panzerspitzen schon vor Rummelsburg, Bublitz und Pollnow.

Fluchtweg abgeschnitten
Am 1. März 1945 erreichten Aufklärungspanzer die Ostsee bei Köslin. Der Bevölkerung des Kreises Rummelsburg, deren rechtzeitige Evakuierung die NSDAP verhindert hatte, war jetzt der Fluchtweg nach Westen abgeschnitten. Angestrebte Ostseehäfen erreichten die viel zu spät aufgebrochenen Trecks nicht mehr, sie waren auf dem Wege dorthin von den Sowjets überrollt worden. Man kann wohl rückwirkend sagen, dass das Projekt eine große Fehlplanung war, das von den Menschen großen Einsatz und Opfer gefordert hat, ohne Nutzen.

Man trifft in dem gesamten Abschnitt immer wieder auf Reste der Befestigungen, die oft sogar begehbar sind und deren Beschriftungen im Inneren noch deutlich zu lesen sind. Gerade im Bereich Deutsch Krone gibt es zahlreiche Objekte, die auch zu besichtigen sind. Das Schloss Tütz beispielsweise weist eine Besonderheit auf: In den Jahren 1934 bis 1937 wurden in der Böschung unter dem Schloss Stahlbetonbunker des Pommernwalls eingebaut. Im Frühjahr 1945 wurde das Schloss durch Kampfhandlungen und Sprengung der Bunker beschädigt, blieb jedoch im nutzbaren Zustand. Nach dem Großbrand 1947 stand die Ruine bis 1957 verlassen, 1958 bis 1962 wurden archäologische Grabungen durchgeführt, die die Reste der gotischen Burg enthüllten. 1966 bis 1976 wurde das Schloss wiederaufgebaut, wobei der Zustand aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt wurde.

Auch der Verein Studienkreis für internationales Festungs-, Militär- und Schutzbauwesen führte eine Besichtigungstour im Bereich Deutsch Krone durch und berichtete unter anderem von dem Zustand der Werkgruppe „Ziegelei“, die aus den beiden Panzerwerken „Ziegelei Ost“ und „Ziegelei West“ besteht. Das Befestigungswerk „Ziegelei-West“ gehört zu einem Museumsgelände, das kostenlos besucht werden kann. Man kann sich dort informieren, wie die Verbindung zwischen den Werken einst war und wie sie technisch ausgerüstet waren.

„Lost Places“ von Interesse
Einige Enthusiasten haben sich aufgemacht und diverse Aufnahmen und Videos gefertigt, denn auch solche Objekte sind heutzutage „Lost Places“, ein internationaler Trend, der vieles aus der Vergangenheit preisgibt. Anzumerken ist, dass sich auch in diesen alten Gewölben zahlreiche Fledermäuse ein Zuhause gesucht haben.

Die größte Kolonie befindet sich allerdings im Oder-Warthe-Bogen. Bei den Bunkern der Festungsfront handelt es sich um das größte von Menschenhand errichtete Fledermausquartier Europas. Über 35.000 Fledermäuse überwintern hier. Es handelt sich überwiegend um Großes Mausohr, Fransenfledermaus und Wasserfledermaus. Es wurden bisher zwölf Fledermausarten nachgewiesen. Hier findet man kilometerlange Bunker voll tausender Fledermäuse, die hier ihr Winterquartier haben. Eine durchaus sinnvolle und friedliche Nutzung der einstigen Militäranlagen.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS