17.04.2024

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Ein Theologe der Freiheit

Vor einem Dreivierteljahrtausend starb der italienische Dominikaner, einflussreiche Philosoph, Hauptvertreter der Scholastik sowie bedeutende katholische Theologe und Priester Thomas von Aquin in der Zisterzienserabtei Fossanova

Eberhard Straub
03.03.2024

Solange sich die Katholische Kirche noch als heilige Einrichtung verstand und nicht als spirituelle Animationsbewegung für die Erlösung durch universale Demokratisierung, würdigte sie im heiligen Thomas von Aquin, vor 750 Jahren am 7. März 1274 gestorben, den doctor angelicus, den durch Weisheit und Tugend engelsgleichen Lehrer und Deuter ihrer, der göttlichen, Wahrheit und alles ordnenden Vernunft. Zeit seines Lebens wurde er von allen wegen seiner Liebenswürdigkeit und geistigen Anmut geschätzt. Der geborene Graf von Aquino, dazu bestimmt seinem König und Kaiser umsichtig zu dienen, entschied sich für den Dienst des Königs aller Könige, für Christus. Der wahre Ritter und Aristokrat, als Bild des adligen, schönen Menschen, war dazu aufgefordert, großherzig und gerecht mit allen zu verkehren, sich zu gefallen, indem er den anderen gefiel. Diese Verpflichtung seines Standes ließ Thomas auch als Dominikaner nie außer Acht und hielt sich frei von Eitelkeit, Neid, übler Nachrede und zänkischem Eifer, den hässlichen Leidenschaften, die alle zusammen Mönchen und Professoren meist ein so verdrießliches Wesen verschaffen.

Der Heilige Paulus mahnte die Christen, sich in Geduld zu üben, um es zu lernen, einander zu ertragen in ihrer jeweiligen Eigenart. Er war vertraut mit der griechischen paideia, der Erziehung zur Seelenschönheit, die es jedem erst ermöglichte, zu einem gefälligen Auftreten zu gelangen in Übereinstimmung mit der Vernunft, die eine gesellschaftliche Kraft war. Die Christen lernten bald, dass Vernunft überall zugegen sein müsse, wo Menschen es mit Menschen zu tun haben. Leben entwickelt sich im Zusammenleben, und das ist immer dramatisch aufgrund der Spannungen der jeweiligen einzelnen mit den vielen anderen und ihm im gar nicht vertrauten. Die gesellige Vernunft der Heiden und ihrer Philosophen konnte ihnen, trotz mancher Vorbehalte, sehr willkommen sein, weil die Christen als Ebenbilder Gottes vernunftbegabt waren und dazu angehalten wurden, ihre Vernunft zu gebrauchen, die mit ihrer Freiheit zusammenhing und dem göttlichen Geist, dem befreienden, der jeden Menschen dazu aufrief, nicht untätig zu bleiben, sondern handelnd, sich der Wahrheit anzunähern und von deren Licht erhellt, davor geschützt zu sein, sich von Irrlichtern blenden und täuschen zu lassen.

Ein Wirklichkeitswissenschaftler
Thomas von Aquin ist in diesem Sinne ein Theologe der Freiheit, die nicht im Reich der Ideen ein erhabenes Leben für sich führt, sondern als Macht in die Wirklichkeit gestaltend eingreift von Menschen behauptet und verteidigt, die hier und heute sich bewähren müssen. Er ist ein Wirklichkeitswissenschaftler. Seine Summa theologica ist die umfassendste Darstellung des sich selbst problematischen Menschen in seiner Umwelt, oft genug verwirrt durch eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten oder der anderen, wie er irrtumsanfällig, doch auch immer wieder beruhigt durch jene klaren Köpfe, die es gelernt haben, die Geister zu unterscheiden, und die Irrenden auf den rechten Weg weisen und in die Ordnung zurückführen können. Es geht bei ihm um Gott, den Glauben und die Erlösung, um existentielle Gegebenheiten, also um den Menschen, der sein Heil verwirken kann und deshalb verantwortlich dafür ist, was aus ihm wird, was er aus sich macht. Gott hilft mit seinen Gnadenmitteln jedem dabei, den Weg ins Freie zu finden, was heißt, den Einzelnen auf seine Vernunft zu verweisen, um mit ihr fähig zu werden, sein Leben zu meistern und nicht zu verzagen.

Die heidnischen Philosophen erzogen jeden Willigen zum Bewusstwerden seines Selbst und wie er sein unerschöpfliches Ich zu einer unverwechselbaren Persönlichkeit bilden konnte. Die dauernde Selbstbeschäftigung, um sich selbst zu finden, verlor sich aber nicht in einem zügellosen Subjektivismus, sondern verwies den unvollkommenen Einzelnen auf überpersönliche Mächte, auf das Wahre und Gute, das jenseits der Willkür und Launen auf objektive Ordnungen verweist, auf die der Mensch zu seinem Wohle angewiesen ist, auf die Gemeinschaften in Gesellschaft und Staat, die das Selbstbewusstsein des Vereinzelten zu einem Gemeinschaftsbewusstsein erweitern, das es jedem erst ermöglicht, zu seiner wahren Bestimmung zu gelangen, das Eigene und das Gemeinsame im tätigen Zusammenleben vernünftig und deshalb einander ergänzend und steigernd zu vermischen. Das Eigene ist das unterscheidende und trennende, alles Gemeinsame das einigende und verbindende Element. Was die Philosophen lehrten, konnten die Christen mühelos übernehmen, weil sie davon überzeugt waren, dass die vernünftige Natur des Menschen ihn dazu nötigte, in Gesellschaft mit vielen und anderen zu leben.

Die personifizierte Vernunft
So hat es Gott gewollt, die personifizierte Vernunft als Wort und Wahrheit. Sie ließ sich in die stets bewegte und wechselvolle Welt als Geschichte mit ihren Sonderformen und ihrer Unruhe ein, als mit Christus, die Wahrheit, als Gott Mensch geworden ist. Davon wussten „die Alten“ nichts. Diese ungeheure Neuigkeit hat, wie Thomas dichtete, „des Alten End gebracht“. „Neues treibt das Alte fort“ und ruft eine neue Zeit mit neuen Menschen hervor. Thomas von Aquin ist, ähnlich den meisten christlichen Philosophen seit Augustinus, ein Historiker, der den Menschen in seiner Zeit und Geschichtlichkeit betrachtet. Der Mensch als Typos oder Idealfigur ist für ihn nur eine Abstraktion. Den Menschen, unverwechselbar und einmalig, gibt es nur in mannigfachen Gestalten Ordnungen, wie sie die natürliche und göttliche Weltvernunft verlangt. Doch die allgemeine Ordnung erhält sich durch vereinigte Verschiedenheiten, die Fülle von Menschen, Völkern, Sprachen und Kulturen. Ein großes Bild dafür ist das Pfingstwunder: der eine Heilige Geist spricht in vielen Zungen und versöhnt die offenbare Vielheit zu einer von ihm belebten Einigkeit.

In der Welt als Geschichte von recht verschiedenen Ordnungen gibt es gleiche sittliche Ziele, nämlich Gerechtigkeit und Frieden. Beide bilden die Voraussetzung für freie Forschung und ungehinderten Zugang zur Wahrheit, zur Erkenntnis Gottes, des Menschen und all dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber jede Epoche ist anders, so wie jeder Mensch sich vom anderen unterscheidet, und verdient, weil unmittelbar zu Gott, wie später Leopold von Ranke als Historiker und Geschichtstheologe im Sinne des heiligen Thomas sagen sollte, Achtung und gewissenhaftes Verständnis im Dienst der Wahrheit und der Erkenntnis und damit im Dienst des Menschen. Er ist zur Freiheit bestimmt und darf nicht um die Mittel gebracht werden, die er braucht, um sich in einer Freiheit und Ordnung hütenden sittlichen Gemeinschaft entfalten und seiner gottgewollten Selbstbestimmung genügen zu können. In der Ebenbildlichkeit des vernunftbegabten Menschen mit Gott, der lebendigen Vernunft und Wahrheit, liegt die größte Herausforderung: den kreatürlichen Menschen hinter sich zu lassen und zum wirklich lebendigen Menschen zu werden, wiedergeboren aus dem Geist, der vom Glauben erfüllt, jeden zu lenken vermag, der sich ihm nicht störrisch widersetzt.

Thomas begreift den Menschen im Zusammenhang mit Ordnungen, die ihm überhaupt erst ein selbstbestimmtes Leben gemeinsam anderen erlauben. Staatliche und gesellschaftliche Verfassungen kommen nicht ohne Harmonie gewährende Proportionen aus. In deren Formen veranschaulichen sich sittliche Absichten. Vernunft und Wahrheit richten sich gegen das Unvernünftige, weil es auch das Hässliche und Widerwärtige ist. Alles Vernünftige, weil mit dem Wahren im Bunde, ist schön, weil die Wahrheit und Gott schön sind. Der Glanz der Wahrheit, die Schönheit Gottes und seiner Ordnung, entrückt alles, was in ihre Nähe gerückt ist, den Staat, die Wissenschaft, die Kunst, die Kirche, die Banalität und Geistlosigkeit. Sämtliche Institutionen, die den Einzelnen von sich ablenken und ihn an allgemeine, auch ihn ergreifende Bedürfnisse und Hoffnungen, eindringlich erinnern, kommen ohne Schönheit gar nicht aus, die herzbezwingend von deren wohltuender Anziehungskraft reden.

Bedeutung für die Gegenwart
Das Gute, Wahre und Schöne ist während sämtlicher Epochen schon vorhanden, oft versteckt und nicht als Kraft wirksam, weil manche Unklarheiten daran hindern, es zu erkennen und sich ihm anzunähern. Es bedarf sorgfältiger Methoden, ihm im Laufe der Zeiten auf die Spur zu kommen und zu vermeiden, vorschnell etwas bei Seite zu schieben, in dem sich Möglichkeiten andeuteten, die später zu erstaunlichen Ergebnissen führten. Mit von Leidenschaften unberührtem Sachverstand muss der theologische und philosophische Freund der Wahrheit Meinungen und Argumente in Beziehung setzen und vergleichen. Auch der irrende Geist, weil doch auch Geist, kann Anteil haben an der Wahrheit, weil nach ihrer Enthüllung strebend. Für die eine Wahrheit finden Griechen und Römer jeweils andere Worte, die sie sorgfältig in ihre Sprache übersetzen müssen, um Missverständnisse zu vermeiden. Weil ein Gedanke alt, muss er nicht veraltet sein; denn der Geist weht, wie und wohin er mag.

Deshalb gibt es eine Entwicklung im Denken und auch bei der Formulierung der Glaubenswahrheiten, die in ihrer Fülle erst nach und nach entdeckt werden. Insofern ist das Streben nach Wahrheit auf Geduld und Phantasie angewiesen, auf die Fähigkeit, sich in den Geist der Zeiten und der stets unruhigen Menschen hineinzudenken und hineinzufühlen, weil Seele und Gemüt mit ihren besonderen Eigenschaften der Vernunft Wege weisen können, die ihr unter Umständen verschlossen blieben. Thomas von Aquins Summa Theologica könnte immer noch eine hohe Schule des Denkens gerade in Zeiten der Demokratie sein, die beanspruchen, auf die Diskussion angewiesen zu sein, um sich darüber klar zu werden, auf welche Weise die hohen Ziele der Gerechtigkeit und des Friedens in stets anderen Zeiten den handelnden und denkenden Menschen leiten und vor groben Missgriffen und Verirrungen bewahren können. Demokraten folgen oft den Leidenschaften. Das wusste Thomas aus der Geschichte. Gerade deshalb sollten sie nicht auf einen sanften Ratgeber mit einer Autorität wie den doctor angelicus verzichten, der zu Besonnenheit und Sachlichkeit mahnt, um die eigene Befangenheit in der Gegenwart mit ihren Zwängen zu erkennen und abzuschwächen. Die Wahrheit verlangt keine Aufmerksamkeit, weil sie christlich, sondern weil sie wahr ist und befreit.


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Kommentare

sitra achra am 09.03.24, 19:05 Uhr

Von der Nikomachischen Ethik des Aristoteles bis zu dem Jubilar Thomas von Aquin ist der menschliche Geist frei, ein bios theoretikos. Die an den Universitäten praktizierten artes liberales überdauerten bis zur Mitte des 19.Jh.
Mit der vergeistigten Kontemplation war dann endgültig Schluß, Die Wissenschaftsreligion unterstellte die res cogitans ihren utilitaristischen Zwecken und politisch-ideologisch ausgerichteten Emotionen. Dabei hat das Humanum auf ganzer Linie verloren und so wurden sogenannte "Weltkriege" in ihrer fürchterlichen Brutalität erst möglich.
Sinnsucher werden heute als Sonderlinge apostrophiert. Zweckfreie Kontemplation ist kaum noch möglich.
Der polnische Philosoph Ryszard Legutko hat sich diesem Thema in seinem neuesten Buch "The cunning of freedom" gewidmet. Leseempfehlung!

Hans-Walter Wild am 03.03.24, 13:13 Uhr

Ein vorzüglicher Artikel, der, selten genug in der veröffentlichen Meinung, an einen der größten Kirchenlehrer des Hochmittelalters erinnert, den seine Zeitgenossen respektvoll "doctor anglicus" nannten und von dem heutige Theologen behaupten, dieser große Heilige und Gelehrte habe nicht bis drei zählen können.

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