27.02.2024

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Braunsberg

Eine Chronik des Schul- und Stadtlebens

In 67 „Schulheften“ wurden Informationen über Lehrer und Schüler, aber auch Ehemaligentreffen und historische Fotos gesammelt

Bettina Müller
28.11.2023

Am 31. August 1963 fand zum ersten Mal ein gemeinsames Treffen der Ehemaligen aller höheren Schulen in Braunsberg statt. Für das Treffen hatte man sich die Patenstadt Münster ausgesucht. Waren bis dahin die einzelnen Schulen separat zumeist in Traditionsgemeinschaften zusammengefasst gewesen, die regelmäßig Schul- oder Klassentreffen abhielten, wollte man nun mit vereinten Kräften die Erinnerung an die untergegangene Stadt aufrechterhalten. Zirka 250 Personen erschienen, das Projekt wurde zum konkreten Plan mit dem Ziel, „mit heißem Herzen der alten Heimat zu dienen“ und so auch die kulturellen Leistungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dazu gehörte auch die regelmäßige Herausgabe eines Mitteilungsblatts für die ehemaligen Schüler des Braunsberger Gymnasiums, der Schlossschule (einer Oberschule in Aufbauform) und der Elisabethschule (des Städtischen Oberlyzeums für „höhere Mädchenbildung“). Die Vertrauensleute – Pfarrer Georg Grimme, Studienrat Ernst Federau, Oberstudienrat Dr. Georg Mielcarczyk und Frau M. Franzkowiak – sorgten auch für den Versand der Hefte.

Noch im selben Jahr konnte die erste Ausgabe der Zeitschrift „Höhere Schulen“ an alle Interessierte verschickt werden, die dann für zwei Hefte den moderaten Preis von 5 D-Mark überwiesen. Bereits 1948 hatte Mielcarczyk damit begonnen, ehemalige Schulkameraden seiner Schlossschule ausfindig zu machen, um so eine Adresskartei aller Schüler und Lehrer aufzubauen. Diese Kartei bildete die Grundlage für die Arbeit des Redaktionsteams der Zeitschrift, zu deren Texter der ersten Stunde auch der Journalist Dr. Hans Preuschoff gehörte.

Anfangs als einmal jährlich erscheinendes Mitteilungsblatt nur für die ehemaligen Schüler der Höheren Schulen Braunsbergs sowie der Lehrerinnen und Lehrer aller Schulen gedacht, wurde das Konzept geändert. Man entschloss sich dazu, auch die ehemaligen Schülerinnen und Schüler der katholischen und evangelischen Volksschule mit einzubeziehen. Ab Ausgabe Nr. 27 hieß das Heft daher „Unsere Schulen“ und wurde fortan von Ernst Matern betreut. Im Sommer 1998 jedoch wurde die Nr. 67 das letzte Heft der Reihe. Das Redaktionsteam verabschiedete sich schweren Herzens – zum Teil auch aus gesundheitlichen Gründen – von dieser langjährigen Aufgabe. Die Schulhefte waren nun selbst Geschichte.

Jahrelang hatten sie in sicher sehr mühevoller Arbeit eine Fülle von detaillierten Informationen über die Schul- und Stadtgeschichte Braunsbergs, aber auch persönliche Erinnerungen Ehemaliger sowie Nachrufe auf Verstorbene dokumentiert. Hinzu kamen ausführliche Adressen- und Gefallenenlisten, komplette Schülerlisten, aber auch Lehrerbiographien bis hin zur mehrteiligen Lehrerkartei des Braunsberger Gymnasiums beginnend mit dem Jahr 1865. Berichte von Treffen und Feierstunden Ehemaliger etc. rundeten das Heft ab. Georg Mielcarczyk verfasste darin überdies mehrere Texte zur Heimat- und Stadtgeschichte, die 1983 von Ernst Federau und Ernst Matern in einem Sammelband unter dem Titel „Braunsberg und Umgebung. Ein Leben für die Heimat“ zusammengefasst und herausgegeben wurden.

Das Besondere der Hefte war jedoch, dass in jedem etliche seltene und teilweise sehr alte Schulfotos mit Namen der Abgebildeten, soweit sie noch bekannt waren, zu sehen waren, welche die Leser eingereicht hatten. Die Fülle an historischen Schulfotos aus Privatbesitz aus der Zeit von 1900 bis 1945 dürfte in dieser Form für das Ermland einzigartig sein. Es war erstaunlich, was alles die Zeit überdauert hatte und noch in einigen Privatschatullen zu finden war.

Zur Freude der Nachkommen
Überaus groß war die Freude, wenn Nachkommen in dem Heft Eltern oder Großeltern oder andere Verwandte in jungen Jahren erblicken konnten, die sie so nie vorher zu Gesicht bekommen hatten. Zudem waren regelmäßig auch seltene Fotos aus dem Braunsberger Wirtschafts-, Sport- und Freizeitleben abgedruckt. Es ist bedauerlich, dass damals noch die technischen Möglichkeiten fehlten, diese hervorragende Quelle zur Stadtgeschichte zu digitalisieren. Wie der ehemalige Herausgeber Ernst Matern der Autorin vor ein paar Jahren mitteilte, wurden die Fotos nach der Bearbeitung durch die Druckerei wieder an die Einsender zurückgeschickt und Kopien somit nicht zentral aufbewahrt.

Heute sind diese Hefte eine einzigartige Chronik des Schul- und Stadtlebens von Braunsberg. Komplettiert wurde sie vor allem 1976 auch noch durch die Veröffentlichung des Buches „Stadt Braunsberg im Ermland – ein Familienbuch“ des Verwaltungsangestellten und Heimatforschers Walter Merten, das von der Bischof-Maximilian-Kaller-Stiftung herausgegeben wurde. In noch internetlosen Zeiten hatte Merten in insgesamt sieben Jahren über 10.000 Briefe an ehemalige Bewohner der Stadt verschickt, auf 392 Seiten schließlich alle Familien der Stadt dokumentiert, und das sortiert nach Straßennamen. Als Ausgangspunkt hatte Merten die Volkszählung vom 17. Mai 1939 zugrunde gelegt, was zur Folge hatte, dass die ehemaligen jüdischen Familien fehlten. Das wurde gelegentlich durch die Schulfotos kompensiert, auf denen man Kinder aus diesen Familien wiederfinden konnte, so zum Beispiel aus der prominenten Apothekerfamilie Wolff.

Heute kann man die „Schulhefte“ unter anderem in der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne und im Herder-Institut Marburg ausleihen. Gelegentlich werden einzelne Exemplare bei Ebay versteigert. Eine alphabetische Namensliste der auf den Schulfotos Abgebildeten hat die Autorin auf der Seite der Kreisgemeinschaft Braunsberg bereitgestellt: https://ermland.lima-city.de/namensliste.htm


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