Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Pommern, Ostpreußen oder Schlesien – jede Region hat bis heute ihre schönen Eigenarten und feierliche Riten
Niemals ist das Heimweh so groß wie in der Weihnachtszeit. Wo man auch weilt, die Gedanken gehen sehnsuchtsvoll zurück in die Kindheit mit all dem geheimnisvollen Zauber, der diese Zeit umgibt. Mit besonderer Wehmut im Herzen aber denken viele auch wieder an ihre verlorene Heimat zurück, die in Gedanken wieder auflebt, wenn die Kerzen hell am Lichterbaum erstrahlen.
Kein melodischer Ohrenschmaus
In Pommern beispielsweise war von Alters her die Überlieferung weit verbreitet, bei der Geburt Christi habe ein Engel den Hirten befohlen, die Menschen in jedem Jahr durch lautes Blasen mit riesigen Tuthörnern an die stille, heilige Nacht zu erinnern. In der kleinen Stadt Fiddichow an der Oder hatte sich deshalb noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts das große Weihnachtstuten erhalten.
Meilenweit kamen dort aus der Umgebung die Gemeinde- und Gutsschäfer nach Fiddichow gewandert, auf dem Rücken die Tuthörner, eigenartig geformte Instrumente. Diese seltsame Schar der Schäfer sammelte sich in der Kirche zur Christvesper. Nach dem Gottesdienst begann dann das klangvolle Weihnachtstuten vor jedem Haus der kleinen Stadt. Darunter darf man sich allerdings keinen melodischen Ohrenschmaus, keine wohlklingenden Engelsschalmeien vorstellen. Diese „Musik“ war gut gemeint, kräftig im Klang, aber wiederum nicht sehr wohltönend. Ein Zeitgenosse beschreibt das Tuten als beinahe schmerzhaft klingend und als „Ohr- und Herzzerreißend“.
Nach beendetem Tut-Konzert trat dann der Stadtschäfer in das Haus ein, brachte einen kurzen Weihnachtswunsch vor und erhielt zum Dank ein Viergroschenstück, deftiges Kümmelbrot und ein Glas Branntwein.
Gebackener Christbaumschmuck
In Ostpreußen durfte während der Adventszeit nicht getanzt werden. Man sollte sich besinnen und nicht ausgelassen herumzappeln. Außerdem untermalte es das doch eher melancholische Gemüt Ostpreußens, dass in der rauen Winterzeit das Lebensgefühl widerspiegelte. Lieber saß man abends still beieinander, spann die Schafswolle, webte hübsche, bunte Gürtel – sogenannte Jostenbänder –, strickte Strümpfe und Handschkes – warme Fingerhandschuhe aus Wolle in typischen ostpreußischen Mustern – als Weihnachtsgeschenke. Über allem lag eine große Heimlichkeit, denn jeder sollte mit diesen Geschenken am Heiligen Abend überrascht werden.
Der Teig für die Pfefferkuchen wurde vielfach schon im November angesetzt, damit er vor dem Backen kräftig durchzog und sich die volle Pracht der enthaltenen Gewürze entfalten konnte. Dann wurden außerdem zum Advent und zum Fest große Plattenkuchen und kleine Pfefferkuchen gebacken, die man mit bunten Bildchen beklebte. Diese Kuchen hing man wiederum als Schmuck an den Weihnachtsbaum. Obwohl sich der Brauch, einen Tannenbaum im Haus aufzustellen, wohl erst zum Ende des 19. Jahrhunderts in Ostpreußen durchgesetzt hatte. Und am späten Abend sang man die Kinder mit folgendem hübschen Wiegenliedchen in den verträumten Schlaf:
Schlaf ein, mein Kind,
Die Stube ist warm,
Da draußen tanzt der
Flockenschwarm.
Wie fallen die Flocken,
So rasch geht mein Rocken,
Du schläfst, ich spinn',
Der Abend geht hin.
Schlaf ein, mein Kind,
Bunt ist dein Traum,
Rotapfel wächst am
Weihnachtsbaum.
Ich sing' für mein Kind.
Du schläfst, ich spinn',
Der Abend geht hin.
Stroh unterm Tisch
In Oberschlesien begann das Weihnachtsmahl am 24. Dezember erst nach dem Aufgehen des hell leuchtenden Abendsterns. Dann musste Stillschweigen gewahrt werden,um diesen Moment zu würdigen. Oft verschloss man sogar Tür und Tor, um jede Störung zu vermeiden. Immerhin war der Stern das Symbol für die Geburt des Herrn, der das Licht in die dunkle Welt brachte.
Für all jene Lieben, die in den letzten Wochen und Monaten verstorben waren, ließ man eine entsprechende Anzahl an Stühlen frei, deckte für sie den Tisch aber mit und stellte Kerzen in ihre Teller, um anzuzeigen, dass sie noch mit in die Familiengemeinschaft gehören und dass man ihrer gedachte sowie sie am Fest teilhaben lassen wollte.
Unter dem Tisch lag eine kleine Schütte Stroh, oder einige Halme lagen unter der Tischdecke, um so das Feld mit in diese Weihnachtsstunde einzubeziehen beziehungsweise an das göttliche Wunder im Stall von Bethlehem zu erinnern. Auf dem Tisch selbst stand ein Kreuz zwischen Salz und Brot.
Ein Stück von diesem Weihnachtsbrot wurde aufbewahrt, um es im Frühjahr oder Herbst in die Aussaat auf dem Feld zu verreiben und so den weihnachtlichen Segen dem Acker mitzuteilen. Nach dem Mahl erhielten die Tiere im Stall Reste des Essens; Obstbäume im Garten wurden mit dem Tischstroh umwickelt. Den Bienen in den Stöcken sagte man die Heilige Nacht an. Erst nach diesen Handlungen begann dann die Bescherung mit der Übergabe der Geschenke.