03.04.2025

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Eine neue Film-Doku schildert die vielen Rollen der Knef 
Bild: Privatarchiv Hildegard KnefEine neue Film-Doku schildert die vielen Rollen der Knef 

Kunst

Für sie soll’s rote Rosen regnen

Ein Leben zwischen den Extremen – Eine Kino-Doku beleuchtet die Höhen und Tiefen der Hildegard Knef, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre

Harald Tews
03.04.2025

Hildegard Knef ist eine Filmgöttin, eine preußische dazu. Doch haftet ihr kein solcher Kultstatus an wie etwa Marlene Dietrich oder Romy Schneider. Sie war weder eine fesche Lola noch eine Sissi, die sie zum unsterblichen Mythos hätten machen können. Ihre Rollen waren bodenständiger – im Film wie im Leben.

Dass sich das Leben der Knef nicht nur auf eine Rolle reduzieren lässt, will Luzia Schmids Dokumentarfilm „Ich will alles“ untermauern, der seit diesem Donnerstag in den Kinos läuft. Bedenkt man, dass Hildegard Knef am 28. Dezember dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, scheint der Film das Jubiläum um ein Dreivierteljahr zu früh verpasst zu haben. Aber auch verständlich, denn um die Weihnachtszeit herum erwartet das Publikum nun einmal besinnlichere Filme.

Bei „Ich will alles“ geht es aber auch um Themen, die nicht gerade feierlich sind. Krieg, Arbeitslosigkeit, Nacktskandal, Ehescheidung, Krebs sind die Molltöne, die Knefs Leben mit untermalt haben. Vieles war aber auch in Dur geschrieben. Ihr Auftritt im Trümmerfeld von Berlin in dem ersten deutschen Nachkriegsfilm, Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ von 1946, machte sie hierzulande zum ersten Nachkriegsstar. Später wurde sie in New York auf der Broadwaybühne gefeiert, als Buchautorin und als Chansonsängerin mit selbstgetexteten Liedern wie „Für mich soll's rote Rosen regnen“.

Mit diesem Erkennungslied der Knef steigt auch die Doku ein, die wie ein Erinnerungsalbum aus Archivmaterial wie Filmausschnitten, privaten Fotoaufnahmen oder TV-Interviews das Leben der Knef chronologisch nachbildet. Mit Knefs einzigem Kind, der Tochter Christina Palastanga aus zweiter Ehe, und ihrem dritten Ehemann, dem österreichisch-ungarischen Aristokraten Paul von Schell, treten zwei Gesprächspartner auf, die Familiäres beitragen. Schauspielerin Nina Kunzendorf wiederum liest aus Briefen und aus Knefs autobiographischem Bestseller „Der geschenkte Gaul“ von 1970.

Darin schrieb Knef: „Ich schmeckte, ahnte, wollte Schönheit.“ Und das, während die Bomben auf Berlin fielen und sie mit Mutter und Stiefvater im Keller verharrte, während in Wilmersdorf das Haus mit der elterlichen Wohnung über ihr „wegrasiert“ wurde. Gegen Kriegsende geriet sie als Soldat verkleidet in russische Gefangenschaft und überlebte nur mit knapper Not.

Doch auf Regen folgt Sonnenschein. „Ich habe eigentlich nie eine Mittellage gehabt. Ich habe immer entweder sehr großen Erfolg gehabt oder ganz bedeutenden Misserfolg“, sagte Knef. Dieses immer wiederkehrende Motiv des Auf und Ab in ihrem Leben arbeitet Regisseurin Schmid deutlich heraus. Nach dem ersten Höhenflug im Trümmerfilm „Die Mörder sind unter uns“ folgte eine Durststrecke in Hollywood. Zu ihrem Verdruss hieß sie dort Hildegard Neff, wohl auch deshalb, weil ihr Name Knef zu sehr ans englische „knife“, Messer, erinnerte. Knapp drei Jahre lang bräunte sie sich unter der kalifornischen Sonne, erhielt aber letztlich keine Filmangebote. Die ehrgeizige Schauspielerin aus dem früheren Feindesland konnte nicht wie die Dietrich darauf hoffen, in den USA Karriere zu machen.

Untätigkeit war die Berlinerin nicht gewohnt. Sie, die von jung auf mit preußischer Disziplin hart für den Erfolg, für Schönheit gearbeitet hat! Arbeit sei ihr Leben, sagt sie. In der Doku erzählt ihre Tochter, dass ihre Mutter kaum ein privates Leben kannte, in der Familie wurde nur über ihre Arbeit geredet. Und so war Knef froh, dass sie 1950 in den USA das Angebot erhielt, in Deutschland im Film „Die Sünderin“ mitzuspielen. Ihr wenige Sekunden langer Nacktauftritt darin entfachte wochenlang eine solche Empörung, dass Katholiken zum Boykott des Films aufriefen und Stinkbomben in Kinosäle geworfen wurden. „Ich begriff nichts“, liest Kunzendorf in der Doku aus Knefs Autobiographie vor, „hatte die Zeichen eines Wirtschaftswunders und seiner nach Instandsetzung von Ordnung und Moral strebenden Gesellschaft verpasst.“ Wieder einmal lag sie am Boden.

Immer wieder erfindet sie sich neu
Doch die Knef steht jedes Mal wieder auf. Und das in ganz unterschiedlichen Rollen, wie man auch in dieser Doku erfährt. 1955 machte sie einen erneuten Anlauf in den USA: Diesmal als Darstellerin und Sängerin in dem Broadway-Musical „Silk Stockings“ (Seidenstrümpfe) von Cole Porter. Der Komponist habe sie, die eigentlich gar nicht singen konnte, überhaupt erst zum Gesang gebracht, hört man Knef voller Dankbarkeit sagen. Ihr Auftritt in New York wurde zum Triumph mit 478 Aufführungen in 14 Monaten.

Vorher gab es Ehesorgen mit dem ersten Mann und hinterher nur noch mäßige Filmangebote. Doch wieder erfindet sich Knef neu und wird Chansonsängerin mit dunkler Raucherstimme und mit Liedern, die immer wieder einen autobiographischen Bezug haben. In „Von nun an ging's bergab“ singt sie selbstironisch von ihren Höhen und Tiefen, die schon mit ihrer Geburt in Ulm begann, als sich ihr Vater einen Sohn wünschte. Mit Titeln wie „So oder so ist das Leben“ oder „Eins und eins, das macht zwei“ landete sie wiederum in den Höhen der deutschen Charts.

„Als uneitle Person, ist meine einzige Eitelkeit, Erfolg zu haben“: Das sagt sie, während sie mit einer dicken Mascaraschicht um die Augen und künstlichen Wimpern zu Hause Interviews gibt. Was man heute „Home­stories“ nennt, hat sie schon in den 60ern praktiziert. Offen trägt sie Persönliches nach außen. Als eine der ersten spricht sie über Schönheitsoperationen und ihren Brustkrebs. Einzig die Politik umschifft sie. Von Adenauer, Ulbricht und der DDR, Brandt und den 68ern erfährt man in der Doku nichts.

Dafür findet sie eine ganz neue Rolle als Buchautorin. Auch damit bewegte sie sich zwischen den Extremen. „Ich habe ja doch zwei Berufe, der eine sehr introvertiert, der andere sehr extrovertiert“, spricht sie über ihr Pendeln zwischen Schreibtisch und Scheinwerferlicht.

Regisseurin Schmidt präsentiert uns einen unverblümt aufrichtigen Star, keine Diva, sondern eine reflektiert durchs Leben gehende Frau – und hellsichtige Aphoristikerin. „Ich glaube, das Leben schuldet uns nichts als das Leben, und alles andere haben wir zu tun“, sagte Knef, die am 1. Februar 2002 in Berlin an den Folgen eines Lungenemphysems starb.


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