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Die vierte Staffel um die Berliner Tanzschule „Galant“ nimmt die Zuschauer mit auf eine Zeitreise in die turbulenten 70er Jahre
Die eine Enkelin will unbedingt zur Polizei, obwohl Frauen dort bislang nur als Politessen wirken dürfen, die andere nimmt heimlich Drogen. Dann tauchen auch noch Vertreter einer jüdischen Stiftung auf und fordern Entschädigung, weil der Kauf der Tanzschule „Galant“ angeblich unrechtmäßig war. Matriarchin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) versteht die Welt nicht mehr. Und was soll sie von der jungen schwarzen Reporterin halten, die eine Dokumentation über das Schöllack-Imperium drehen will und auch in Konfliktsituationen mit der Kamera draufhält?
Die Serie „Kudamm 77“ (12., 13., 14. Januar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF) führt die Chefin, ihre drei Töchter Monika (Sonja Gerhardt), Helga (Maria Ehrich), Eva (Emilia Schüle) und zwei Enkelinnen durch das revolutionärste Jahrzehnt, das die Republik seit Kriegsende erlebt hat. Die Desperados der Rote Armee Fraktion (RAF) bedrohen die Demokratie, die amerikanische Serie „Holocaust“ öffnet den Deutschen die Augen für die Verbrechen der Nationalsozialisten, die scheinbar so heile Welt der 50er und 60er Jahre ist endgültig vorbei. Elvis Presley räumt mit deutscher Schlagerseligkeit auf, Filme wie „Saturday Night Fever“ eröffnen den Disco-Boom, Frauen fordern Gleichberechtigung und haben mit Rückschlägen zu kämpfen. Erst 1977 wird das Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts verabschiedet, das auch Ehefrauen eine freie Berufswahl ermöglicht.
Die Praxis sieht anders aus. Abends werden in den meisten deutschen Haushalten die Gardinen zugezogen, was dahinter passiert, geht die Nachbarn nichts an. Nur zufällig entdeckt Helgas Tochter Friederike bei ihrem ersten Streifengang als Polizistin, dass ihre Mutter von ihrem Lebensgefährten misshandelt wird. „Die wird ihn wohl provoziert haben“, wiegelt ihr Vorgesetzter ab. Nicht nur häusliche Gewalt wird gern verschleiert, auch die Aneignung jüdischen Eigentums im Dritten Reich ist lange kein Thema.
Als Regresszahlungen gefordert werden, zieht Chefin Caterina sehr selbstgewiss ihren Kaufvertrag aus der Tasche. Eine Mark haben die Schöllacks einst bezahlt: „Das war Enteignung“, stellt Tochter Monika nüchtern fest. Darauf ihre Mutter: „Nun ja, einige Menschen haben halt Pech gehabt.“ Auch hier webt die Autorin Annette Hess echte Fälle ein: Die jüdische Tanzschule Willy Weisbarth in der Berliner Königstraße fiel der Arisierung zum Opfer. Gegen die neuen Eigentümer wurde in den 60er Jahren geklagt.
Aufstieg und Fall des Schöllack-Clans liefert auch in der vierten Staffel beste, informative Unterhaltung. Dennoch: Warum mit dem Schauspieler Sabin Tambrea als Lehrer ein Klon von Monikas verstorbenem Ehemann aufersteht, wird ein Geheimnis der Autorin bleiben, ähnlich wie die hanebüchene Schlusspointe der verheimlichten vierten Tochter dunkler Hautfarbe, die vermutlich den Diversity-Vorgaben geschuldet ist.
Bleibt zu hoffen, dass diese schematische Art „diverser“ Besetzungen, die gerade von ARD und ZDF übereifrig bedient wird, irgendwann genauso bizarr wirken wird wie die Borniertheit der „Galant“-Chefin aus den 70ern.