04.02.2023

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Keltenschatz

Gestohlene „Regenbogenschüsselchen“

Der aus dem Kelten-Römer-Museum entwendete Münzschatz zeugt von einer der größten keltischen Ortschaften in Europa

Wolfgang Kaufmann
04.12.2022

Wenn die Bauern in Süddeutschland früher nach einem Regenguss ihre Äcker bearbeiteten, stießen sie manchmal auf glitzernde runde schüsselförmige Goldstückchen mit geometrisch-abstrakten Mustern, für deren Herkunft sie zunächst keine Erklärung fanden. Bis dann irgendwann das Gerücht aufkam, das seien vom Ende eines Regenbogens zur Erde geglittene Tropfen. Aufgrund dieser „himmlischen“ Natur schrieben die Landbewohner den „Regenbogenschüsselchen“ viele heilende Wirkungen zu. Angeblich ließen sich damit Krämpfe, Fieber, Geburtswehen und die Fallsucht lindern. Dementsprechend schätzte man die Objekte nicht nur wegen ihres Materialwertes.

Inzwischen ist klar, dass die seltsamen Fundstücke Münzen der Kelten sind, also jener hochentwickelten Volksgruppe, die in der Eisenzeit große Teile Europas besiedelte und ihr eigenes Geld herstellte. Es gibt Sammler, die für eine derartige keltische Goldmünze über 4000 Euro zahlen. Dieser Umstand ist wohl auch dafür verantwortlich, dass unbekannte Täter in der Nacht vom 21. zum 22. November in das Kelten-Römer-Museum in Manching unweit von Ingolstadt einbrachen und dort 483 „Regenbogenschüsselchen“ stahlen. Zu Recht bezeichnete der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume (CSU), dies als eine „Katastrophe“.

483 „Regenbogenschüsselchen“

Bei dem Diebesgut handelt es sich nämlich nicht um ein x-beliebiges Konvolut keltischer Münzen, sondern um den größten zusammenhängenden Münzschatz aus der Epoche der Kelten, der im 20. Jahrhundert gefunden wurde. Die spektakuläre Entdeckung der Goldstücke gelang Matthias Leicht vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege am späten Nachmittag des 26. August 1999 im Zuge planmäßiger Ausgrabungen südlich der Bahnhofstraße von Manching. Nachdem seine Kollegen das Areal schon verlassen hatten, um Feierabend zu machen, stieß der Archäologe hier zunächst auf eine einzelne Münze. Danach suchte er systematisch mit dem Metalldetektor weiter. Leicht konnte den gesamten Schatz, zu dem neben den „Regenbogenschüsselchen“ auch noch ein 217 Gramm schwerer Goldklumpen und drei Bronzeringe gehörten, orten beziehungsweise bergen, bevor die Dunkelheit hereinbrach und eventuelle Raubgräber auf dem Plan erschienen.

Laut dem Direktor der Archäologischen Sammlung München liegt der Handelswert der Goldmünzen bei rund 1,6 Millionen Euro. Man gehe von einem Verkaufspreis von 3000 bis 4000 Euro pro Münze aus, sagte Rupert Gebhard. Den reinen Materialwert des Goldes bezifferte Gebhard auf aktuell rund 250.000 Euro.

Die nähere numismatische Untersuchung der Münzen von jeweils rund sieben Gramm Gewicht ergab, dass es sich um Prägungen des keltischen Stammes der Boier aus der Zeit um etwa 100 v. Chr. handelte. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Boier seinerzeit vor allem in Böhmen lebten, während im Raum Manching die ebenfalls keltischen Vindeliker siedelten. Also müssen die Geldstücke einen weiten Weg zurückgelegt haben, was auf Handelskontakte zwischen den Boiern und Vindelikern hindeutet.

Unklar ist hingegen, unter welchen Umständen der Schatz in den Boden gelangte. Wenn es sich um kein rituelles Opfer handelte, kommt vor allem ein Verstecken im Zuge von kriegerischen Handlungen in Frage. Der Besitzer scheint diese nicht überlebt zu haben, denn sonst hätte er sein Geld wohl wieder ausgegraben.

Kaum kann verwundern, dass die „böhmischen“ Münzen in Manching auftauchten. Dort befand sich nämlich während der Eisenzeit ein sogenanntes Oppidum. Die befestigte stadtartige Siedlung lag an der Kreuzung wichtiger Handelsrouten von Nord nach Süd und Ost nach West. Deren Geschichte begann zum Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Gegen 150 v. Chr. avancierte das Oppidum zu einer der größten keltischen Ortschaften in ganz Europa. Wahrscheinlich diente es als Hauptsitz des Stammes der Vindeliker. Auf jeden Fall nahm die bebaute Fläche zur Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts 380 Hektar ein, auf denen zwischen 5000 und 10.000 Menschen lebten.

Von der überragenden Bedeutung des Oppidums von Manching zeugt die gewaltige Ringmauer von über sieben Kilometern Länge, welche die gesamte Siedlung umfasste. Sie bestand aus insgesamt 11.800 Festmetern Holz, 20.000 Tonnen Kalkstein und 200.000 Kubikmetern Erde zur Verfüllung der Hohlräume der Konstruktion und wurde um 100 v. Chr. sowie dann nochmals zu einem späteren Zeitpunkt erneuert.

Hauptsitz der Vindeliker

Rund drei Jahrzehnte nach der Errichtung der ersten Mauer, um 120 v. Chr., drangen die Römer nach Südgallien vor und trieben damit einen ersten Keil in das keltische Territorium. Währenddessen zogen die aus dem Norden kommenden germanischen Kimbern und Teutonen durch Bayern. Dabei kann es zu Kämpfen im Raum Manching gekommen sein.

Das Ende der dortigen Siedlung resultierte jedoch nicht aus militärischen Konflikten. Vielmehr führte der Zusammenbruch des keltischen Wirtschafts- und Handelssystems gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu einem deutlichen Rückgang der Bevölkerung und zur rapiden Verödung des Oppidums. Daher fanden die Römer bei ihrem Eintreffen im Jahre 15 v. Chr. nur noch kärgliche Reste der einstmals blühenden Ortschaft vor.

Unser heutiges Wissen über das Oppidum von Manching resultiert aus archäologischen Untersuchungen, die schon ein gutes Jahrhundert vor 1999 begannen, nämlich im Jahre 1892. Allerdings wurde ab 1936 ein Flugplatz in Manching angelegt, wodurch es zu massiven Zerstörungen der Fundstätte kam. Dennoch konnten zwischen 1955 und 2018 im Rahmen mehrerer großer Grabungskampagnen noch wesentliche Reste der keltischen Siedlung freigelegt werden. Die hierbei gefundenen Artefakte, darunter neben dem Münzschatz auch ein einzigartiges vergoldetes Kultbäumchen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., kamen allesamt in das Kelten-Römer-Museum von Manching, das 2006 eröffnet und nunmehr auf so spektakuläre Weise bestohlen wurde.

Schon vorher gab es Anzeichen, dass sich Kriminelle vor Ort herumtreiben. So haben Raubgräber im Mai dieses Jahres auf dem Gelände einer neuerlichen wissenschaftlichen Grabung nachts 140 Löcher geschaufelt, um den Archäologen zuvorzukommen. Ob sie dabei auch fündig wurden, ist bis heute unklar.


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