22.06.2024

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Veteranentag

„Ich verlange die Treue der Politik“

Endlich kommt die Debatte um eine würdige Veteranenkultur in Gang – Doch noch liegt vieles im Argen

Bernhard Knapstein
07.12.2023

Folge deiner Berufung!“ und „Mach, was wirklich zählt!“ So wirbt die Bundeswehr auf ihrer Internetpräsenz um neue Rekruten. Dass diese Erwerbstätigkeit anders ist als ein durchschnittlicher Beruf wie etwa Bäcker, Pflegekraft, oder Tischler belegen 119 bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommene Soldaten, davon 37 Gefallene und 22 durch Suizid.

Weitgehend im Dunkel bleibt allerdings eine andere Zahl. Nach Experteneinschätzung kehren etwa 20 Prozent der Soldaten aus dem Auslandseinsatz mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) heim. Im Gespräch mit der PAZ bestätigt Armin Bohnert vom Bund deutscher Einsatzveteranen diese Einschätzung. „Unter den aktiven Soldaten der Bundeswehr gibt es aktuell 325 Traumageschädigte, von den inzwischen 440.000 ehemaligen Einsatzveteranen dürften allerdings zirka 80.000 als Einsatzgeschädigte gelten“, so Bohnert, der nach Einzelkämpferausbildung und Sprenger-Lehrgang selbst Einsatzerfahrung bei internationalen Kampfeinsätzen gemacht hat, die der Geheimhaltung unterliegen. „Ich weiß, was es bedeutet, einen Menschen zu töten“, sagt er dazu nur. Später hat sich der gelernte Krankenpfleger und Rettungsassistent für psychosoziale Notfallversorgung und Krisenintervention qualifiziert und betreut heute selbst Einsatzgeschädigte. Dass er dabei viel zu tun hat, sagen schon die Zahlen.

Mit Kriegstrauma alleingelassen
Beispiele gibt es viele: Ein Offizier durfte auf höheren Befehl nicht gegen kollektiven Kindesmissbrauch einschreiten. Ein anderer hat einen Anschlag auf das Lager in Afghanistan miterlebt. In den meisten Fällen ploppt die PTBS allerdings erst nach Jahrzehnten auf. Betroffene werden verhaltensauffällig, lethargisch oder hoch aggressiv, zunächst ohne zu wissen, woher das rührt. Immer wieder endet das Trauma im Suizid. Für die Bundeswehr war das über lange Jahre kein Thema, zumal schlichtweg die Einsatzerfahrung der Streitkräfte fehlte. Doch selbst heute bleibt das Thema kritisch. Denn der Bund kann zwar über das Einsatzwiederverwendungsgesetz Soldaten bis zu fünf Jahre nach der Entlassung reaktivieren und dadurch in die berufliche und gesundheitliche Rehabilitation bringen. Da aber die PTBS meist erst deutlich später zu Tage tritt, geht diese Schutzfunktion verloren. Nach der Entlassung muss der Veteran beweisen, dass das Trauma von dem Einsatz herrührt, was nach zehn, 20 Jahren nahezu ein Ding der Unmöglichkeit darstellt. „Wir fordern schon seit Jahren eine Beweislastumkehr“, erklärt Bohnert. Der Bund kenne jeden Einsatz des ehemaligen Soldaten auf den Tag und den Ort genau.

Die immer wieder zu hörende Polemik, das Risiko der Beschädigung sei Schicksal, man habe ja den Soldatenberuf selbst gewählt, führt nicht nur bei Einsatzveteranen zu Verärgerung. Man dürfe nicht vergessen, so Bohnert, der Soldat werde vom Souverän, vertreten durch den Deutschen Bundestag, in den Einsatz befohlen. Dann habe jeder Soldat seine Waffe immer scharf am Mann und tue unter entsprechenden klimatischen Bedingungen alles dafür, den demokratisch legitimierten Auftrag so umzusetzen, wie er befohlen wurde. Doch es gibt noch einen Aspekt: Die Missachtung der Veteranen durch den Staat hat politische Folgen, wie Bohnert aus Erfahrung weiß. Der Frust treibe manche Kameraden in den Extremismus, wo man sich zwar von dem Staat entferne, dem man gedient habe, aber dafür die ersehnte Anerkennung finde. Soziologen berichten seit Jahren über solche Effekte.

Anspruch auf Würdigung
„Wir haben treu gedient und jetzt verlange ich die Treue der Politik, sich zu ihren Soldaten so zu bekennen, wie es sein soll“, fordert Bohnert für seinen Verband. Dazu gehöre nicht nur die Beweislastumkehr bei Einsatzbeschädigung, sondern auch eine würdige Veteranenkultur. Da müsse sich die Politik allerdings um 180 Grad drehen, befindet er. Das verlange, die Veteranen an einem bestimmten Tag und einem konkreten Ort gezielt in die Mitte des öffentlichen Bewusstseins zu holen. Wer für sein Land sein Leben oder seine Gesundheit lasse, habe Anspruch auf Würdigung und höchste politische Präsenz. „Der Bundeskanzler und der Bundespräsident müssen den Veteranen diejenige Ehre erweisen, die sie auch verdienen“, will der Bund der deutschen Einsatzveteranen keine Sonntagsreden mehr hören, sondern ein nachhaltiges Bekenntnis wie es in anderen Staaten Normalität ist.

Aktuell wird zur Freude des Veteranenverbands im Bundestag über einen Veteranentag diskutiert. Ein Effekt, der wohl vor allem auf das Engagement des britischen Prinzen Harry und dessen Herzens-Initiative „Invictus Games“ zurückgeht. Der Sohn des britischen Königs und Herzog von Sussex ist selbst Einsatzveteran. Er hat in Afghanistan gedient und 2014 das Sportfestival für Veteranen gegründet. In diesem Jahr fand das internationale Ereignis in Düsseldorf statt. Während Harry mit seinem Respekt für Veteranen nicht nur seiner eigenen Nation inspiriert, hadern einige in der deutschen Spitzenpolitik weiterhin mit ihren Streitkräften und kippen Wasser in den Wein. Da wundert es wenig, dass sogar CSU-Ministerpräsident Markus Söder SPD-Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius dafür kritisiert, dass der die Bundeswehr „kriegstüchtig“ bekommen wolle.


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Kommentare

Ralf Pöhling am 09.12.23, 20:09 Uhr

Mal vom Fokus auf die Bundeswehr weg, weil es da sogar noch einigermaßen funktioniert, hin zu den allgemeinen Zuständen in den anderen Teilen des deutschen Sicherheitsapparates:
Ich halte die Diskussion über PTBS für ein Ablenkungsmanöver. Warum? Weil das erstens völlig überzogen ist, die meisten Kollegen im kritischen Teil des Apparates sind mental und körperlich abgehärtet genug, sonst wären sie gar nicht dort, und zweitens es ganz woanders brennt:
Nämlich bei den Arbeitsbedingungen und bei der Bezahlung. Was man in den üblichen Kriegs-, Polizei- und Agentenfilmen aus diesem grotesken Scheißhaus namens Hollywood dazu sieht, ist eine totale Illusion.
James Bond bekommt ein gutes Gehalt. Er bekommt sämtliche seiner Spesen ausgelegt. Er bekommt einen hochklassigen Dienstwagen gestellt und seine komplette Ausrüstung von Waffe, abhörsicheres Handy und sämtliche Gadgets zur Bekämpfung des Feindes von Q gestellt.
In der Realität gibt es nur eins:
Ein grotesk niedriges Gehalt, von dem ein normaler Mensch nicht mal seine verdammte Miete bezahlen kann.
Andauernd werden Forderungen gestellt, was man wo alles tun soll, aber dann gibt es nicht die Ausrüstung dafür und sämtliche Spesen soll man auch noch selbst bezahlen. Dass ein derart geführter Sicherheitsapparat nicht funktioniert und die auf das Land und das Bündnis lauernden Gefahren nicht neutralisiert, ist doch wohl klar.
In diesem Land werden illegal eingewanderte Landnehmer besser versorgt als die Mitarbeiter des eigenen Sicherheitsapparates. Und da soll mir keiner mehr erzählen, dass das Zufall ist. Nein, das ist Absicht.
Hier greift jemand die Mittel zu Landesverteidigung mit Absicht ab und lenkt sie in die falschen Kanäle. In die Kanäle des Feindes!
Wir sind unterwandert und werden fortwährend sabotiert. Und weil das so ist, werden ab jetzt sämtliche Forderungen von oben komplett ignoriert. Ein Auftraggeber, der seine Zusagen nicht einhält und nicht liefert, ist kein Auftraggeber, sondern ein Parasit.
Wenn die Landesverteidigung nur noch auf eigene Rechnung der Mitarbeiter läuft, dann wird eben auch nur noch im Eigeninteresse gearbeitet. Wenn ihr unbedingt wollt, dass eure Fachleute ab jetzt gegen euch arbeiten, dann könnt ihr das haben. Und ich rede hier nicht von so etwas banalem wie ein Streik. Man kann das Fadenkreuz auch auf ein anderes Ziel anlegen. Und zwar auch dann, wenn es sich in den eigenen Reihen befindet...

Toni Hochlechner am 08.12.23, 14:36 Uhr

Mit der BW wird es nichts mehr.
Die Linke hat die BW schon lange materiell und geistig so demontiert , dass diese ruiniert ist mit dem Kampfwert gegen
Null . Jeder Soldat , der für diese Antidemokraten von links fällt, ist einer zuviel .

Gregor Scharf am 08.12.23, 08:01 Uhr

In diesem Land gelten Soldaten seit Jahrzehnten als Mörder. Für ungediente Politiker sind sie nichts weiter als Werkzeuge zur Umsetzung ihrer Politik. Von denjenigen Treue zu verlangen, hat schon etwas sehr Verträumtes an sich, ändern sie bekanntlich ihre Meinungen und ihr Handeln je nach Windrichtung wie eine Wetterfahne.
Wer für diese Leute dient, sollte sich vorher darüber klar sein, wem er auf den Leim geht.

Tom Prox am 07.12.23, 18:50 Uhr

Ein offiziell gefeierter Veteranentag wäre allen gedienten BWlern sehr zu wünschen . Es ist hoch an der Zeit dazu .
Dazu sollte man aber auch das berüchtigte 'Soldaten sind Mörder' zurücknehmen .
Es würde trotzdem noch viele Jahre dauern, bis unsere Soldaten endlich ihre lange verdiente gesellschaftliche Anerkennung erreichen . Dazu gehörte dann sicher auch wie z.B. in Frankreich oder in GB
am Nationalfeiertag eine große Militärparade in Berlin .

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