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Beim Gedenkjahr mit von der Partie: Piotr Arcimowicz (l.) und Lukasz Tekiela
Foto: WagnerBeim Gedenkjahr mit von der Partie: Piotr Arcimowicz (l.) und Lukasz Tekiela

Östlich von Oder und Neiße

Jubiläumsjahr eines deutschen Philosophen

400. Todestag Jacob Böhmes – Im deutschen und polnischen Teil der Stadt Görlitz wird der deutsche Denker und Mystiker geehrt

Chris W. Wagner
24.03.2024

Schlendert man am polnischen Neißeufer in Ost-Görlitz [Zgorzelec] entlang, kommt man unweigerlich am Jacob-Böhme-Haus vorbei. In diesem Haus tauschte der gelernte Schumacher Jacob Böhme (1575–1624) seine Leisten gegen die Schreibfeder aus. Hegel bezeichnete den in Alt Seidenberg [Zawidów] geborenen Mystiker und Theosophen Böhme als den ersten deutschen Philosophen, weil er seine philosophischen Gedanken auf Deutsch und nicht auf Latein verfasste. Im polnischen Teil der Neißestadt wird er mit einem Denkmal in Form eines offenen Buches geehrt, auf dem ein Paar Stiefel stehen. Es gibt auch einen Kreisel, der nach ihm benannt ist.

Dennoch sei den polnischen Einwohnern das Wissen um den deutschen Philosophen kaum bekannt, so Piotr Arcimowicz, Leiter des Lausitzmuseums, das gleich neben dem Böhme-Haus angesiedelt ist. „Böhme-Forschungen gibt es bei uns erst seit den 90er Jahren, als sich der (AdR.: polnische) Jacob-Böhme-Verein gründete“, sagt er. „Wir vom Museum pflegen Kontakte zu Wissenschaftlern, die Böhme erforschen, aber es ist sehr hermetisch. Böhme ist eher unbekannt, selbst unter Menschen, die sich sonst mit Philosophie befassen“, sagt er. Auch würde man in den polnischen Schulen über Böhme kaum etwas lernen, denn „das Thema Böhme ist eine schwere Materie, die sich nicht leicht ins Schulprogramm integrieren lässt“, bedauert er.

Arcimowiczs Kollege Łukasz Tekiela, Museumsleiter in Lauban [Lubań], findet weitere Gründe für das mangelnde Wissen um Böhme östlich der Neiße: „Die regionale Identität ist bei uns noch nicht ausgereift. Wir sind erst relativ kurz hier und können noch nicht aus der immer noch fremden historischen Tradition schöpfen und das Beste, was sie zu bieten hat, in unsere noch junge Identität adaptieren“, sagt Tekiela.

Veranstaltungen zum Böhme-Jahr
Noch in diesem Jahr wird auf beiden Seiten der Neiße mit 60 Veranstaltungen an Jacob Böhme erinnert. Der Grund dafür ist das 400. Todesjahr des Philosophen, Mystikers und Theosophen. Arcimowicz und Tekiela sind mit ihren Institutionen Partner und Unterstützer der Aktion. Unter dem Motto „Auf Böhmes Spuren“ möchten polnische und deutsche Böhme-Fans, -Vereine und -Initiativen das Leben und Wirken Böhmes einer breiten Öffentlichkeit nahebringen. Den organisatorischen Hut hat dabei Birgit Beltle vom Ideenfluss e.V. aus dem deutschen Teil der Stadt auf. „Wir möchten die Aktualität Böhmes in unseren Vorträgen und Ausstellungen sichtbar machen, zeigen, dass er uns heute noch etwas zu sagen hat, obwohl er vor 400 Jahren gestorben ist“, stellte sie bei einer Auftaktpressekonferenz zum Jubiläumsjahr fest.

Unter den über 60 Veranstaltungen sticht eine besonders hervor. In der Vortragsreihe „Böhme für alle“, werden von September bis April 2025 zwölf Kenner der Schriften Böhmes den Versuch starten, seine Gedankenwelt so klar wie möglich allen zu vermitteln. Ein wagemutiges Unterfangen, sagt Tekiela. „Böhme wird durch eine akademische Sichtweise vereinnahmt, die die Quintessenz seiner Gedankenwelt verkopft“, bemängelt er. Das Beste an Böhmes Philosophie sei sein tiefer Optimismus und „wenn man darüber sprechen möchte, müsste man die Menschen evangelisieren. Dies wäre ein gigantisches Risiko, denn Böhmes Gedanken sind konträr zu der ‚einzig richtigen Strömung' in der Wahrnehmung Gottes und seiner Beziehung zum Menschen“, so Tekiela in Bezug auf die katholische Dominanz seines Landes. „In der Konsequenz könnte es zum gleichen Konflikt kommen, den Böhme zu Lebzeiten mit dem Görlitzer Pastor hatte.“

Ähnlich sieht es Klaus Weingarten vom Jacob-Böhme-Bund. „Der Mensch ist viel weiter von Böhme entfernt, als er es vor 400 Jahren war. Ich glaube, dass der Gedanke, Böhme allen präsentieren zu können, völlig unmöglich ist. Es gibt nur ganz Wenige, die dafür aufnahmebereit sind“, so Weingarten, der 2015 den Film „Morgenröte im Aufgang – Hommage an Jacob Böhme“ schuf, in dem er ausschließlich die 400 Jahre alten Originaltexte Jacob Böhmes verwendete.

Beltle ist jedoch guter Dinge. Sie hat mit Freunden in Görlitz einen Philosophiekreis gegründet. Das Angebot, sich auf Jacob Böhmes Spuren zu begeben, sei breit gefächert, versichert sie. Neben einem Kolloquium zum Spätwerk Böhmes „Mysterium Magnum“ und einer Reihe von Rock-Konzerten stehen auch Veranstaltungen für Jugendliche und Kinder auf beiden Seiten der Neiße auf dem Programm. Eine Internetseite rund um Jacob Böhme und das Gedenkjahr 2024 informiert unter www.kulturerbeforum.de über alle Aktivitäten.


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