23.10.2021

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Benjamin Dürr: „Erzberger – Der gehasste Versöhner. Biografie eines Weimarer Politikers“, Christoph Links Verlag, Berlin 2021, gebunden, 300 Seiten, 25 Euro
Benjamin Dürr: „Erzberger – Der gehasste Versöhner. Biografie eines Weimarer Politikers“, Christoph Links Verlag, Berlin 2021, gebunden, 300 Seiten, 25 Euro

Biographie

Mathias Erzberger, der gehasste Versöhner

Der Politikwissenschaftler und Journalist Benjamin Dürr zeichnet den Lebensweg eines Ausnahmepolitikers der Weimarer Republik nach, der sich vom Kriegsbefürworter zum Friedenssucher des Ersten Weltkriegs wandelte

Bodo Bost
04.09.2021

Der am 26. August im Schwarzwald ermordete Politiker der Zentrumspartei Mathias Erzberger hatte als Vertreter der Reichsregierung den Diktatfrieden von Versailles unterschrieben. Er galt seinerzeit als meistgehasster deutscher Politiker, aber auch als einer der ersten Realpolitiker. Eine neue Biographie von Benjamin Dürr rekonstruiert das Leben Erzbergers auch in seinen Widersprüchen.

Erzbergers Leben „war ein Auf und Ab, gekennzeichnet von zahlreichen Brüchen“, überschreibt der Politikwissenschaftler und Journalist Dürr den Lebenslauf dieses Ausnahmepolitikers, der 1875 als Katholik in halb jüdischen, halb protestantischen Dorf Buddenhausen auf der Schwäbischen Alb geboren wurde. Als Sohn einer armen katholischen Tagelöhnerfamilie machte er hier früh die Erfahrung, ein Außenseiter zu sein. Während sein Bruder eine kriminelle Karriere einschlug, wurde er Klassenbester und ergriff den Lehrerberuf sowie nach zwei Jahren den eines Journalisten.

Sein Redetalent fiel Adolf Gröber (1854–1919), dem württembergischen Urgestein der Zentrumspartei, auf, der ihn überzeugte, Mitglied der Partei zu werden, für die er 1903 als jüngster Abgeordneter in den Reichstag einzog. Als Vertreter des linken Flügels des Zentrums kümmerte sich Erzberger um die Belange der einfachen Leute. Der strenggläubige Katholik war auch in der protestantisch-preußisch geprägten Berliner Elite ein Außenseiter. „Dennoch wurde Erzberger zum Gesicht eines neuen Politikertyps, der unerschrocken, volksnah und medienwirksam die Macht der alten Eliten im Kaiserreich und der eigenen Partei in Frage stellte.“

Im Reichstag profilierte er sich mit scharfer Kritik an der deutschen Kolonialpolitik und deren Skandalen. Erzberger, der 16 Stunden am Tag arbeitete, brillierte mit Detailwissen und Polemik, wodurch er auf sich aufmerksam machte. Mit seinem phänomenalen Gedächtnis war er auch ein Militärexperte. Der Erste Weltkrieg wurde für den Politiker eine Wendemarke. Vom Befürworter des Krieges am Anfang und Anhänger des Annexionismus sowie Initiator der „Judenzählung“ 1915, wurde er spätestens ab 1917 zum Friedenssucher. Er hatte als Verbündeten Papst Benedikt XV. auf seiner Seite, für den er einen neuen Kirchenstaat suchte, zunächst in Lichtenstein, dann auf einer der Baleareninseln. Zusammen mit dem Papst verurteilte er den Massenmord an den Armeniern durch die mit Deutschland Verbündeten Osmanen.

Im Reichstag kämpfte er ab 1917 für die Parlamentarisierung des Kaiserreichs. Als die Heeresführung im Oktober 1918 einen Waffenstillstand forderte, war Erzberger der einzige namhafte Politiker, der sich überreden ließ, als Staatssekretär von Reichskanzler Prinz Max von Baden im November 1918 das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne zu unterschreiben. Spätestens jetzt war aus dem „Populisten“ ein „Realist“ geworden, Erzberger wurde einer der Gründerväter der Weimarer Koalition aus katholischer Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Liberalen. Als Finanzminister schuf er 1919/20 die fiskalische Grundlage für die erste deutsche Republik und Finanzstrukturen, die bis heute gelten.

Seine Persönlichkeit und seine umstrittene Politik spalteten jedoch das Land. Er wurde zur Zielscheibe der Feinde der Weimarer Republik. Nach einem Prozess wegen Korruption trat er schließlich 1920 nach einem ersten Attentatsversuch auf ihn zurück. Bei einem Urlaub im Sommer 1921 in Bad Griesbach im Schwarzwald wurde er am 26. August von zwei ehemaligen Offizieren und Angehörigen einer antirepublikanischen Geheimorganisation ermordet. Auf Personenschutz hatte er verzichtet. „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen“, soll er gegenüber seiner Tochter kurz vorher gesagt haben.

Dürrs Biographie rekonstruiert das Leben eines der faszinierendsten, einflussreichsten und zugleich umstrittensten Politikers zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es beleuchtet den tiefgreifenden Einfluss, den Erzberger auf den Lauf der Geschichte hatte, und warum er einer der meistgehassten Politiker seiner Zeit war.



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