14.01.2026

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Gute Laune in Moskau trotz Krieg: Selfie vor dem üppig geschmückten Kaufhaus GUM am Roten Platz
Bild: pa/Associated pressGute Laune in Moskau trotz Krieg: Selfie vor dem üppig geschmückten Kaufhaus GUM am Roten Platz

Russland

Mit Pomp und Glitzer ins neue Jahr

Gigantische Weihnachtsdekorationen im ganzen Land – Doch wie wirkt sich der Krieg auf die Bürger aus?

Manuela Rosenthal-Kappi
14.01.2026

Festbeleuchtung von gigantischem Ausmaß in Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg – aber auch in Königsberg, Cranz und Rauschen – sowie Schnee- und Eisvergnügen und viele Feiern: Zum Jahreswechsel hat der Kreml tief in die Tasche gegriffen, um die Russen bei Laune zu halten.

Aller Pomp, Glanz und die beste Propaganda im Staatsfernsehen täuschen jedoch nicht darüber hinweg, dass die Auswirkungen des Ukrainekriegs im Alltag der Bürger angekommen sind. Dass die Propaganda lügt, wissen sie längst. Jeder hat Bekannte oder Freunde, deren Angehörige im Krieg dienen, es gibt Kriegstote in der eigenen Familie bzw. der von Freunden oder Bekannten. Die Angst wächst, dass der Krieg auf ganz Russland übergreifen könnte.

Infolge der Drohnenangriffe, die auch Moskau bedrohen, werden Flughäfen zeitweise gesperrt, immer öfter fällt das mobile Internet aus. Die Läden sind zwar prall gefüllt, aber die Preise schießen in die Höhe. Es gibt immer noch teure westliche Markenkleidung, aber oft sind es Fälschungen. Häufig werden Plagiate von minderer Qualität verkauft. Auch gefälschte Medikamente sind im Umlauf, oder es werden gar leere Tablettenkapseln verkauft.

Trotz aller Bemühungen des Staates, den Krieg nicht in den Alltag der Menschen zu transportieren, leiden die Bürger an der Situation. 60 Prozent der Russen haben Depressionen und Angstzustände. Statistiken belegen, dass sich nur neun Prozent keine Sorgen wegen des Krieges machen. Zwei Drittel der Russen sind kriegsmüde, der Wunsch nach Normalität wächst. Die Gesellschaft ist erschöpft und gespalten. Die meisten verstehen die Ziele und die politischen Gründe für den Krieg gegen ein Brudervolk nicht.

Warum begehren die Russen dann nicht gegen Putins Krieg auf? „Sie sagen, was geht mich der Krieg an? Hier ist alles gut. Wir leben ganz normal“, sagt Valerij, ein in Deutschland lebender Russe, der regelmäßig ins Königsberger Gebiet fährt und die Vogel-Strauß-Politik seiner Landsleute kritisiert. Angesichts der drastischen Strafen für öffentliche Kritik am Ukrainekrieg finden Diskussionen nur noch zu Hause statt. Putins Behörden unterdrücken jeglichen Widerstand. Erst kürzlich wurde in St. Petersburg eine junge Sängerin verhaftet, weil sie vor einem Einkaufszentrum Antikriegslieder gesungen hat. Die Empörung darüber in den sozialen Medien war groß, aber offenen Widerstand gibt es nicht. Vereinzelt findet Protest in kritischen Graffitis an Hauswänden oder in scheinbar zufällig liegen gelassenen Flugblättern Ausdruck.

Verrohung der Gesellschaft
„Mich beunruhigt die Zunahme von muslimischen Migranten aus Kirgisistan und Turkmenistan. Ich fühle mich auf der Straße nicht sicher“, sagt die Rentnerin Marina, die in einer gepflegten Gegend im Moskauer Zentrum lebt. In den wilden 90ern wurde sie zweimal von Kaukasiern überfallen. Arbeitsmigranten von heute müssen den Mangel an Arbeitskräften in Russland ausgleichen.

Ein nicht zu unterschätzendes Problem stellt die Gewalt der Kriegsheimkehrer dar. Körperlich verkrüppelte sowie seelisch belastete Soldaten begehen Morde, Vergewaltigungen und weitere Verbrechen. Viele leiden unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie verdeutlichen das Ausmaß dessen, was an der Front vor sich geht. Sie sind sauer darüber, dass sie mit Geld gelockt und dann in der Hölle ohne Ziel oder bedeutende Geländegewinne verheizt wurden. Ihre Existenz entlarvt die Staatspropaganda einer erfolgreichen Militäroperation.

Die wirtschaftlichen Aussichten für das neue Jahr sind nicht gerade rosig. So wurde die Mehrwertsteuer zum Jahresbeginn erhöht, die Inflation steigt und 2026 wird kaum Wachstum erwartet. Eine Stagnation, die sich schon im vergangenen Jahr andeutete, lähmt das Land nach einem außergewöhnlich hohen Wirtschaftswachstum in den Jahren 2023 und 2024. Sanktionen lassen Putins Einnahmen schmelzen. Die Hälfte der Russen glaubt, dass 2026 wirtschaftlich für sie ein schwieriges Jahr wird.

Dennoch hofft laut Umfragen des staatlichen Meinungsforschungsinstituts VZIOM eine Mehrheit von 71 Prozent, dass das neue Jahr besser wird. Die Hälfte geht von einem baldigen Kriegsende aus. 60 Prozent möchten die früheren Kontakte zum Westen wieder aufnehmen.

Wachsende Unzufriedenheit
Glanzvolle Regierungsprojekte und Maßnahmen zur Unterstützung heimkehrender Veteranen können den schwelenden Unmut nicht verhindern. Unzufriedenheit gibt es vor allem in direkt vom Krieg betroffenen Regionen wie Belgorod. Die Bürger dort ärgern sich über die Gleichgültigkeit der Städter, und dass in Moskau Partys gefeiert werden, während die örtliche Bevölkerung den Blutzoll zahlt.

„Moskau hilft uns nicht!“ ist eine weit verbreitete Überzeugung. In grenznahen Regionen werden Ukrainer auch nicht als Feinde betrachtet – viele haben dort Verwandte. Vor dem Krieg traf man sich regelmäßig. Als Feind gelten die Eliten, die ihnen den Schlamassel eingebrockt haben. „Krieg ist, wenn die Eliten das Geld unter sich aufteilen und die einfachen Leute leiden“, lautet das Credo. In einigen Regionen wie der Kurgansker Oblast ist die Zufriedenheit der Bürger dagegen gestiegen, dort, wo es Militärfabriken gibt, wo die militärische Industrieproduktion den Wohlstand vermehrt hat.

Trotz aller Widrigkeiten bleibt die Unterstützung für Putin groß. Die Menschen glauben, dass nur ein starker Führer wie er den Krieg beenden kann.


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