27.09.2022

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Russland

Peter I. stieß das Fenster zum Westen auf

Vor 325 Jahren startete der Zar seine Erkundungsreise in den Westen Europas, die sogenannte Große Gesandtschaft, um sein Land auf den Weg zur Großmacht zu führen

Manuela Rosenthal-Kappi
03.03.2022

Zar Peter I. galt als wissbegierig und lernfähig. Er zeigte sich an Handwerk und Technik in Westeuropa äußerst interessiert. Zeitgenossen beschrieben ihn als außergewöhnlichen Menschen, einerseits wegen seiner Energie und Direktheit, andererseits stießen seine Neigung zu Gewalt und Unhöflichkeit, seine „russische Barbarei“, viele vor den Kopf.

Peter ahnte, dass er die Rückständigkeit seines Landes nur überwinden konnte, wenn er sich ein eigenes Bild vom Stand des Fortschritts in anderen Ländern machte. So beschloss er, sich selbst auf eine große Reise in die Zentren der Wissenschaft und Technik nach Westeuropa zu begeben, die sogenannte Große Gesandtschaft. Seine Erkundungsreise begann am 10. März 1697. Sie dauerte ein Jahr, fünf Monate und 16 Tage.

Den Impuls, Russland zu modernisieren, hatte der junge Zar nicht zuletzt infolge seines langjährigen Aufenthalts in der deutschen Vorstadt im Nordosten Moskaus erhalten, die damals eine große Rolle als Zentrum des modernen Lebens spielte. Peter I. wollte sein Land umfassend modernisieren. Er wusste, dass eine effiziente Verwaltung, Finanzen und Wirtschaft ebenso wie eine moderne Armee und eine große Kriegs- und Handelsflotte vonnöten waren, um Russland zu einer europäischen Großmacht aufsteigen zu lassen.

Der eigentliche Zweck der Großen Gesandtschaft war es jedoch, Verbündete gegen das Osmanische Reich zu gewinnen. Seefahrt und Schiffsbau in Holland, England und Venedig zu studieren dienten ebenfalls dem Ziel, Russland gegenüber dem Osmanischen Reich zu stärken, denn er plante den Aufbau einer russischen Schwarzmeerflotte. 1696 hatte er bereits eine Delegation junger Adeliger in den Westen geschickt, um etwas über Wirtschaft sowie Kriegs- und Staatsführung zu lernen, bevor er beschloss, sich selbst ein Bild zu machen.

Peter reiste inkognito als Unteroffizier des Preobraschensker Regiments. Er liebte es, dem Protokoll am Hofe zu entfliehen und einfach und ungezwungen auftreten zu können. Die drei Botschafter Franz Lefort, der die Reise geplant haben soll, Fjodor Golowin und Prokopij Wosnitzyn begleiteten ihn neben 35 Volontären und 300 weiteren Aristokraten.

Die Route führte zunächst nach Riga, das damals zu Schweden gehörte. Generalgouverneur Erik Dahlberg empfing die Delegation höflich, aber ohne militärische Ehren, was Peter ihm später übelnahm, da er zwar inkognito reiste, aber insgeheim alle Stationen über seinen Besuch informiert waren. Dahlberg gefiel es nicht, dass seine russischen Gäste sich so intensiv für die Festungsanlage interessierten.

Besuch in Pillau und Königsberg

Im April 1697 reiste Peter nach Pillau, und von dort ging es nach Königsberg, wo er von Mai bis Juli blieb. In der Pregelmetropole absolvierte er bei Steitner von Sternfeld einen Artilleriekurs, den er mit einem Diplom abschloss, das auf sein Pseudonym „Pjtor Michailow“ ausgestellt war. Er studierte auch die Festung Friedrichsburg eingehend. In Königsberg unterzeichneten der Brandenburger Kurfürst Friedrich III., der spätere preußische König Friedrich I., und er nach langen Gesprächen einen Freundschafts- und Handelsvertrag. Im August führte die Reise nach Berlin, wo es zu Verhandlungen mit Preußen über die Vorbereitung einer antischwedischen Allianz zwischen Sachsen-Polen, Dänemark und Russland kam. In der Folge waren die preußisch-russischen Beziehungen für ein halbes Jahrhundert freundschaftlich.

Von August 1697 bis Januar 1698 verweilte Peter I. in Amsterdam, wo er als Schiffszimmermann in Zaandam auf den Werften der „Ostindischen Kompanie“ arbeitete. Diese Episode fand in Albert Lortzings Oper „Zar und Zimmermann“ Niederschlag. Ein Zertifikat bescheinigte Peter, dass er vier Monate und fünf Tage sorgfältig das Handwerk des Schiffsbauers gelernt habe. Für ihn und seine Begleiter wurde auf der Werft eine Fregatte vorbereitet, die von seinen Leuten vom Kiel bis zum Segel fertiggestellt wurde und nach nur neun Wochen vom Stapel lief. Der Zar arbeitete unermüdlich den ganzen Tag, und in seiner Freizeit schaute er sich so viel wie möglich an. Er besuchte Produktionsstätten wie Sägewerke, Tuchfabriken und er schaute sich bei Obstbauern um. In Utrecht hörte er Anatomievorlesungen und wohnte sogar Operationen bei. Ihn interessierte alles, selbst Kunstausstellungen oder ein Observatorium.

In Nijmegen traf Peter im September 1697 Wilhelm III. von Oranien, der gleichzeitig Herrscher von England und den Niederlanden war, bevor er im Januar 1698 mit einem kleinen Gefolge von 25 Personen nach England segelte. Die Schiffsbaukunst wurde dort wissenschaftlicher betrieben als in Holland. Neben dem Erwerb von Waffen konnte der Zar insgesamt 1100 Fachleute für Russland gewinnen.

Eigentliches Ziel blieb unerreicht

Als Höhepunkt der Reise war der Besuch bei Kaiser Leopold I. in Wien gedacht. Der wollte von der antitürkischen Allianz allerdings nichts mehr wissen, stand er doch kurz vor einem Friedensvertrag mit den Osmanen. Zudem überschattete der Spanische Erbfolgekrieg die Verhandlungsbereitschaft zu einem Bündnis gegen die Osmanen. Engländer und Holländer wollten zudem Handel mit den Türken treiben. Damit Russland nicht isoliert dastand, musste Peter Friedensverhandlungen mit den Türken zustimmen.

Zusätzlich kam aus Moskau die Nachricht von einem Strelizenaufstand, weshalb Peter den geplanten Besuch Venedigs fallen ließ und nach Hause eilte. Da der Aufstand aber inzwischen niedergeschlagen war, fand Peter Zeit, sich am 10. August mit dem polnischen König August II. zu treffen, um Pläne für ein Bündnis gegen Schweden zu schmieden.

Auch wenn Peter I. die politischen Ziele seiner „Großen Gesandtschaft“ nicht erreichen konnte, so stieß er mit ihr doch das Fenster nach Westeuropa auf und brachte Russland einigen Nutzen. Der russische Zar kaufte 10.000 Gewehre, 5000 Musketen und 3000 Bajonette. Er verpflichtete eine Vielzahl von Offizieren für den Dienst in der russischen Armee sowie zahlreiche Ingenieure, etwa 350 Matrosen und Bootsleute sowie Spezialisten anderer Berufe.

Bei der Umsetzung seiner Reformen ging er zuweilen äußerst brutal vor.



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