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Im Stadtmuseum von Aussig vor einem Motorrad der Marke Böhmerland: Der Direktor des Collegium Bohemicum, Petr Koura (r.), führt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier samt Ehefrau Elke Büdenbender (l.) sowie den tschechischen Außenminister Jakub Kulhanek
Foto: paIm Stadtmuseum von Aussig vor einem Motorrad der Marke Böhmerland: Der Direktor des Collegium Bohemicum, Petr Koura (r.), führt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier samt Ehefrau Elke Büdenbender (l.) sowie den tschechischen Außenminister Jakub Kulhanek

„Unsere Deutschen“

Premiere in Aussig

Erstmals erinnert in Tschechien eine Dauerausstellung an die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschböhmen

Bodo Bost
03.12.2021

Bereits vor ihrer offiziellen Eröffnung hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Tschecheibesuch vom 25. bis 27. August die Möglichkeit erhalten, einen Blick in die Schau „Unsere Deutschen“ im Stadtmuseum in Aussig an der Elbe [Usti nad Labem] zu werfen. Am 17. dieses Monats wurde sie nun vom tschechischen Kulturminister Lubomir Zaoralek und dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer offiziell eröffnet. Der Titel der ersten an die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschböhmen erinnernden Dauerausstellung in Tschechien bezieht sich auf den ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomas Masaryk, der 1918 die Deutschböhmen als „unsere Deutschen“ bezeichnet hatte.

Jahrhundertelang hatten die Deutschböhmen zum Habsburgerreich gehört. Ab 1918 waren sie Staatsbürger der Tschechoslowakei, in der sie ein Viertel der Bevölkerung stellten. Ihre Parteien saßen im Prager Parlament und stellten Minister in Koalitionsregierungen. Als sie 1945 aus ihrer mehr als tausendjährigen Heimat vertrieben wurden, waren sie tschechoslowakische Staatsbürger. Diese Staatsbürgerschaft haben sie und ihre Nachkommen auch nach der Samtenen Revolution von 1989 nicht wieder zurückerhalten.

15 Jahre Vorbereitung

Eineinhalb Jahrzehnte hat die Vorbereitung der Ausstellung in Aussig gedauert, so vermint ist das Feld bis heute. Rund ein Dreivierteljahrhundert nach der Vertreibung der Deutschböhmen und mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende des kommunistischen Regimes hat sich der tschechische Blick auf die gemeinsame Geschichte gewandelt.

Komplizierte Konstruktion

Es bedurfte eines Tricks, der Gründung des „Collegium Bohemicum“ als einen gemeinnützigen Trägerverein, dem sich die Stadt Aussig und die dortige Universität, die Gesellschaft für Geschichte der Deutschen in Böhmen sowie das Kulturministerium der Tschechischen Republik anschlossen. Finanziert wurde das umgerechnet rund zwei Millionen Euro teure Projekt unter anderem vom tschechischen Kulturministerium und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

Das Konzept der Ausstellung hat ein Team aus tschechischen, bundesdeutschen und österreichischen Historikern erarbeitet. Die Eröffnung des Museums war ein historisches Ereignis, weil sich Tschechien erstmals offiziell seiner deutschböhmischen Vergangenheit gestellt hat. Seit den Vertreibungen nach 1945 war dieses Thema tabu gewesen.

Auf mehr als 1500 Quadratmetern, in 20 Räumen werden Kultur und Leben der einstigen deutschen Bevölkerung Böhmens und Mährens über acht Jahrhunderte hinweg – vom böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser Karl IV. bis hin zum 20. Jahrhundert – in animierter Form präsentiert. Unter den mehr als 500 Exponaten gibt es Urkunden, Briefe und handschriftliche Originale, unter anderem ein Bewerbungsschreiben von Franz Kafka auf Deutsch und Tschechisch. Es war seine Bewerbung um eine Stelle bei der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“, für die er ab 1908 gearbeitet hat. Zu sehen ist auch eines der auffallend langen Motorräder der Marke Böhmerland des deutschböhmischen Mechanikers Albin Hugo Liebisch (siehe PAZ-Ausgabe vom 22. Oktober, S. 21).

Den Begrifflichkeiten ist ein eigener Teil der Ausstellung gewidmet – darunter die Diskussion, ob es nach 1945 zu einer „Vertreibung“ oder einem „Abschub“ der Deutschen kam. Das ist bis heute ein Streitpunkt. Ein Drittel der ehemals deutschböhmischen Dörfer wurde nach der Vertreibung der Einwohner nach 1945 nicht mehr besiedelt, weil es an Siedlungswilligen und Bevölkerungsmasse fehlte. Von der Entvölkerung zeugen bis heute Siedlungsruinen im Erzgebirge und im Böhmerwald. Auch sie sind Gegenstand der Ausstellung.

Diskussion über Begriffe

Diese Entvölkerung war auch ein Grund für den wirtschaftlichen Niedergang der einst wirtschaftlich hochentwickelten deutschböhmischen Gebiete. Die Schichtwerke in Aussig gehörten in den 1930er Jahren zu den weltweit größten Herstellern von Drogeriewaren und Kosmetikartikeln. Obwohl die Schichtwerke zum britischen Konzern Unilever gehörten, wurden sie 1945 enteignet. Damit begann der Niedergang. Dieser Niedergang geht bis heute weiter. Er ist auch der Grund der immer noch vorhandenen antideutschen Stimmungen in Tschechien am äußersten sowohl rechten als auch linken Rand des politischen Spektrums. Beide Richtungen sind in den deutschböhmischen Regionen, die heute immer noch als abgehängt gelten, besonders stark. Die Region Aussig gehört dazu. Deshalb ist die Ausstellung über die Geschichte der Deutschböhmen auch eine aktuelle Schau für die heutigen Einwohner, die ihnen erklärt, warum sich Vertreibungen weder in der Vergangenheit noch heute lohnen. Vertreibungen aus Gründen von Rache sind ein zweiseitiges Schwert.

20 Räume mit 1500 Quadratmetern

Der Ausstellungsort Aussig ist ein geschichtsträchtiger Ort. Dort kam es am 31. Juli 1945 nach einer von tschechischen Provokateuren verübten Explosion in der vormaligen Zuckerfabrik im Stadtteil Schönpriesen zu einem schrecklichen Massaker. Bei den Ausschreitungen in der Innenstadt und auf einer der Elbbrücken, von der deutsche Zivilisten in die Elbe geworfen wurden, starben nach Schätzungen tschechischer Historiker 40 bis 100 Menschen. Die deutschen Schätzungen liegen bei einem Vielfachen.



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