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Reiz der Apokalypse: Das vom Vulkanausbruch 1995 zerstörte Gerichtsgebäude von Plymouth auf der britischen Karibikinsel Montserrat
Foto: imago/Westend61Reiz der Apokalypse: Das vom Vulkanausbruch 1995 zerstörte Gerichtsgebäude von Plymouth auf der britischen Karibikinsel Montserrat

Fremdenverkehr

Reisen an die Orte von Tod, Elend und Katastrophen

„Dark Tourism“ ist zur florierenden Sparte im Erlebnistourismus aufgestiegen. Spezialanbieter führen für viel Geld an die düstersten Stätten des Planeten. Die Kunden treiben ganz unterschiedliche Motive

Wolfgang Kaufmann
19.05.2024

Manchen Leuten reicht es einfach nicht aus, im Urlaub nach Mallorca zu fliegen oder an der Ostsee zu campen. Deshalb reisen sie lieber durch Länder wie den Irak, den Sudan, den Kongo, den Tschad und Jemen oder nach Syrien, Somalia, Pakistan, Afghanistan, Venezuela und Haiti. Der Wiener Tourismusforscher Peter Zellmann schätzt, dass etwa drei bis vier Prozent der Menschen in den westlichen Industriestaaten die sogenannten schönsten Wochen des Jahres nutzen, um Abenteuer oder Makabres zu erleben – und dies oftmals auch in Krisen- oder Kriegsgebieten.

Das verschafft Anbietern wie Warzone Tours und Hinterland Travel erhebliche Gewinne. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Motive für einen derartigen „Dark Tourism“, wie der international gebräuchliche Fachausdruck für das gezielte Aufsuchen von Orten lautet, die durch Leid, Tod, Katastrophen und Verfall geprägt sind.

Manche der Reisenden wollen lediglich ihre Sensationslust befriedigen und immer neue Arten von Nervenkitzel erleben. Die Voyeure des Grauens zieht es geradezu magisch an Orte, „wo es knallt“, und die deshalb ständig in den Nachrichten auftauchen. Das verschafft ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, aus der Masse herauszustechen und sich in den Sozialen Netzwerken als „Held“ zu präsentieren. In anderen Fällen ist ein ausuferndes Helfersyndrom die Haupttriebkraft.

Eine heikle Gratwanderung
Und dann sind da noch Touristen, die nicht bloß von echter Anteilnahme getrieben werden, sondern auch das Ziel verfolgen, hinter die medial errichteten Kulissen zu schauen, um ein unverstelltes Bild von jenen Gegenden des Planeten zu erhalten, die mit stark negativen Stereotypen behaftet sind. Aufschlussreich ist die Antwort von Markus Walter, dem Geschäftsführer der Agentur Diamir Reisen in Dresden, die unter anderem Trekking-Touren durch Pakistan und den Tschad anbietet: Diamir-Kunden seien zumeist auf der Suche nach den „letzten untouristischen Erlebnissen“, denn in 20 Jahren könnte es solche nicht mehr geben, weil sich die Welt rasend schnell verändere.

„Dark Tourism“ ist also eine heikle Gratwanderung, die ohne einen funktionierenden moralischen Kompass kaum ohne Abstürze zu bewältigen ist. Das zeigen nicht zuletzt die perversen Rundfahrten durch die Elendsviertel afrikanischer oder südamerikanischer Städte, bei denen die Reisenden auf „fotogene“ Armut treffen sollen, oder das Beispiel des deutschen Bloggers Stephan Müller, welcher Ende 2022 durch Afghanistan zog und anschließend in holprigen Worten verkündete: Die Taliban „sind ja gar nicht so schlimm, außer die Unterdrückung der Menschen“.

Allerdings existieren durchaus noch andere Möglichkeiten, „Dark Tourism“ zu betreiben, statt aktuelle Kriegs- und Krisengebiete zu besuchen. Das beginnt mit der Besichtigung verlassener Geisterdörfer wie dem süditalienischen Craco oder der Diamantenbergbausiedlung Kolmannskuppe in Namibia sowie dem Abstieg in Beinhäuser voller Schädel und Skelette in Neapel, Palermo, Mailand und Rom oder auch den böhmischen Städten Melnik und Kuttenberg [Kutná Hora].

Ebenfalls vergleichsweise harmlose Gruseleffekte bieten der angebliche „Selbstmordwald“ von Aokigahara am Fuße des japanischen Vulkans Fuji, die mit Hunderten von verstümmelten Puppen „verzierte“ Isla de las Muñecas in Mexiko und diverse Spuk-Schlösser. Solche befinden sich unter anderem im dänischen Hørve und dem rumänischen Siebenbürgen, der Heimat des legendären Fürsten Vlad III., der für die Figur des Grafen Dracula Pate stand.

Deutlich verstörender ist dagegen das Wandeln am Ort realer Katastrophen, für die der Mensch oder die Natur verantwortlich zeichneten. Dazu zählen das Ufer des Nyos-Sees in Kamerun, wo 1986 um die 1700 Dorfbewohner durch giftige vulkanische Dämpfe starben, die 1995 bei einem Vulkanausbruch weitgehend verschüttete Stadt Plymouth auf der britischen Karibikinsel Montserrat und das „Tor zur Hölle“ bei Derweze in Turkmenistan, aus dem seit einem missglückten Bohrversuch sowjetischer Geologen vor 53 Jahren brennendes Methangas hervorschießt.

Renner ist Saddams „Blut-Koran“
Wer es noch etwas apokalyptischer möchte, der besucht das frühere Atomwaffentestgelände der UdSSR auf der Arktisinsel Nowaja Semlja, Red Gate Woods im US-Bundesstaat Illinois, den Lagerplatz der strahlenden Überreste des ersten Atomreaktors der Welt, oder den Spitzenreiter in der Liste der „weltweit einzigartigen Orte“ des „Forbes Magazine“, nämlich die 1986 blitzartig geräumte 50.000-Einwohner-Stadt Prypjat unweit der Atomruine von Tschernobyl.

Zu den besonders makabren „Urlaubsfreuden“ zählen des Weiteren Wanderungen zum Gebirgssee Roopkund im indischen Himalaja, wo Hunderte Skelette von auf mysteriöse Weise ums Leben gekommenen Pilgern aus dem Schnee ragen, und Ausflüge ins Tal der Hängenden Särge von Sagada auf der philippinischen Insel Luzon.

Als regelrechter Heiliger Gral aller Globetrotter, die außergewöhnliche und verstörende Dinge sehen wollen, gilt aktuell ein Blick auf das Unikat des Korans, dessen 336.000 Wörter angeblich mit dem Blut von Saddam Hussein geschrieben wurden, nachdem der Diktator 1997 beschlossen hatte, sich damit bei Gott für die Rettung aus mehreren Gefahrensituationen zu revanchieren. Dieses Buch liegt in der Umm-al-Qura-Moschee in Bagdad und wird nur extrem selten gezeigt.

Billig sind solche Reisen und Erfahrungen nicht. So verlangt Warzone Tours für eine Woche Somalia für zwei Personen 10.000 US-Dollar. Dazu kommen die Flüge und weitere 12.000 Dollar für die Rückführung der Leiche des Touristen, falls auf der Reise etwas schiefgehen sollte. Aber hier besteht Hoffnung – zumindest für Deutsche, denen das Geld nicht ganz so locker sitzt.

Immerhin gelten ja manche Viertel in den Großstädten der Bundesrepublik mittlerweile auch als Gefahrenzone und potentielles Bürgerkriegsgebiet. Deshalb könnte „Dark Tourism“ unter Mottos wie „Nachts in Bus und Bahn“ oder „Silvester in Berlin-Kreuzberg“ demnächst auch im eigenen Lande möglich sein, was die Kosten für diese Art von Urlaubsgestaltung erheblich reduzieren würde.


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Kommentare

Peter Faethe am 19.05.24, 20:00 Uhr

Zu erwähnen wären hier noch die vielen mit der sog. Befreiung zu Wüstungen gewordenen deutsch-böhmischen Orte.

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