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Um 1913: Börries von Münchhausen
Foto: paUm 1913: Börries von Münchhausen

Börries von Münchhausen

Vom Philo- zum Antisemiten

Der Schriftsteller und Lyriker der Neuromantik spaltet die Literaturwelt bis heute. Vor 150 Jahren wurde er geboren

Wolfgang Reith
17.03.2024

Fern aus der Welt klang es im Takt, / Als ... ob ... wer ... Holz ... hackt –, / Ich will die Deutung nicht grad beschwören, / Aber ich glaubte, ‚Regieren' zu hören.“ Diese Worte könnten den Zustand des gegenwärtigen Politikbetriebes in Berlin kennzeichnen, tatsächlich aber stammen sie aus dem Jahre 1920, und zwar aus der Ballade „Die klugen Kleider“ des Freiherrn Börries von Münchhausen, eines entfernten Nachfahren des bekannten „Lügenbarons“ Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen.

Auch wenn er als Schriftsteller und Lyriker der Neuromantik heute weitgehend unbekannt ist, so spaltet er doch immer noch die Literaturwelt. Für die einen war er der bedeutendste Balladendichter seit Theodor Fontane, in dessen Nachfolge er sich selbst ebenso sah wie in der Theodor Storms, andere bezeichnen ihn wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus als antisemitischen und völkisch-nationalistischen Schriftsteller, verstand er seine Balladen doch als „Heldenlieder“. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn anfänglich bekundete er große Bewunderung für das Judentum, zumal er sich regelmäßig in zionistischen Kreisen bewegte, die sogar für seine Schriften warben.

Geboren wurde Börries Albrecht Conon August Freiherr von Münchhausen am 20. März 1874 in Hildesheim, wo seine Eltern, denen mehrere Schlösser und Rittergüter gehörten, zusätzlich eine Mietwohnung besaßen. Dort verbrachte er auch die ersten vier Lebensjahre, ehe die Familie abwechselnd auf den Gütern wohnte. Das Mietobjekt in Hildesheim gehörte einem jüdischen Kaufmann, mit dessen Familie Münchhausen bis 1922 befreundet war.

Nachfahre des „Lügenbarons“
1887 kam der Junge, der bis dahin privat von der Mutter unterrichtet worden war, auf die preußische Klosterschule Ilfeld, ein protestantisches Internat. Im Jahr darauf wechselte er auf das Gymnasium in Altenburg, 1890 dann auf das Lyzeum II in Hannover. Dort legte er 1895 sein Abitur ab. Durch die jüdischen Mitschüler, so sagte er später, sei ihm bereits damals der Unterschied zwischen der deutschen und der jüdischen Rasse bewusst geworden.

Ab 1895 studierte Münchhausen zunächst Rechts- und Staatswissenschaften in seiner Geburtsstadt. Dann ging er für ein Semester an die Kunstakademie München, um anschließend sein Jurastudium in Göttingen fortzusetzen. Dort hat er einen Studentenkreis für Literatur gegründet und seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. 1897 bestand er das erste juristische Staatsexamen, studierte danach aber noch Philosophie und Literaturgeschichte in Berlin. Dort lernte er Agnes Miegel kennen, mit der er von 1898 bis 1900 liiert war.

1899 schloss er in Leipzig sein Jurastudium mit der Promotion ab. Nebenher verkehrte er in zionistischen Kreisen. Das führte dazu, dass er 1900 seine Ballade „Juda“ veröffentlichte, in der er sich unter anderem für die Ansiedlung von Juden in Palästina aussprach. Gleichwohl äußerte er sich in den folgenden Jahren immer häufiger auch antisemitisch. So behauptete er 1907, Juden seien eine Rasse und keine Religion. Und zwei Jahre später erschreckte ihn die „Verjudung unseres Volkes aufs Höchste“. Das falle ihm immer besonders in Berlin auf.

1902 heiratete Münchhausen die drei Jahre ältere Anna von Breitenbuch. Die Witwe des Rittergutsbesitzers Heinrich Crusius, mit dem sie eine Tochter und einen Sohn hatte, brachte die beiden Halbwaisen in die neue Ehe mit ein. 1904 wurde der gemeinsame Sohn Börries geboren. Ab 1909 war Münchhausen besoldeter Kammerherr der Herzogin Adelheid von Sachsen-Altenburg, Ehefrau des letzten Regenten des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Fortan konnte Münchhausen Vortragsreisen für Adelige in Europa unternehmen, die ihn bekannter machten.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig zur Armee. Stolz schrieb er: „Das größte, was ein Mensch erleben kann, ist der Krieg!!!“ Nach Einsätzen an der Ostfront wurde er 1916 in die Militärische Stelle des Auswärtigen Amts (MAA) berufen. Dort machte er unter anderem Kriegspropaganda, für die seine das Heldentum preisenden Gedichte wie geschaffen waren. Damals favorisierte er eine Militärdiktatur als „die beste Regierungsform“, da sie die Wünsche der Deutschen viel schneller als jedes Parlament durchsetzen könne. Mit genug Zeit könne sie auch einen Beamtenkörper heranziehen für ein „tausendjähriges Reich“, von dem er damals schon sprach.

Nach dem Ersten Weltkrieg widmete sich Münchhausen wieder seiner literarischen Tätigkeit. 1920 kaufte er seinem Vater das Schloss Windischleuba im Landkreis Altenburger Land ab, das dieser 1880 erworben hatte, und zog mit seiner Familie dorthin.

Lehrmeister und Freund Miegels
In jener Zeit warf ihm der Alldeutsche Verband unter Alfred Hugenberg, der öffentlich völkische und antisemitische Thesen vertrat, die judenfreundlichen Passagen in seinen Büchern vor, die als „fortgesetzte Verbeugungen“ und Beweis „seelischer Abhängigkeit“ von einer „anmaßenden Judenschaft“ interpretiert wurden. Diese Angriffe scheinen in Münchhausen eine Kehrtwende bewirkt zu haben, denn er wandelte sich vom Philosemiten zum Antisemiten und vertrat von da an eine strikt judenfeindliche Ideologie. So schrieb er schon 1924 im „Deutschen Adelsblatt“: „Eine Ehe zwischen Arier und Juden ergibt immer einen Bastard.“

Mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten begann für Münchhausen ein neues Kapitel. Seine Gedichte wurden nun als besonders wertvolles deutsches Bildungs- und Kulturgut betrachtet. Im Oktober 1933 unterschrieb er das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“, ein Treueversprechen, das 88 deutsche Schriftsteller und Dichter gegenüber Adolf Hitler abgaben und dessen Wortlaut zusammen mit der Unterzeichnerliste deutschlandweit in der Presse verbreitet wurde. 1934 wurde Münchhausen Präsident der Gesellschaft der Bibliophilen, aus der nach einer Satzungsänderung alle jüdischen Mitglieder ausscheiden mussten.

1936 schlug von Münchhausen gar vor, Juden ihre deutschen Namen abzuerkennen. In einem Brief an Thomas Mann im Exil äußerte er 1937 eine allgemeine Zufriedenheit mit dem NS-Staat. Das deutsche Volk sei „seit vier Jahren tief glücklich“, und noch nie und nirgends habe eine Regierung „in so kurzer und schwerer Zeit eine solche Fülle von Segen über ein Volk ausgegossen wie das Hitlertum“.

Während des Zweiten Weltkrieges hielt Münchhausen erneut propagandistische Vorträge an den Fronten, in denen er die Notwendigkeit der deutschen Eroberungsfeldzüge begründete. Nachdem ihm Göttingen die Ehrenbürgerschaft schon 1937 verliehen hatte, machte ihn 1944 zu seinem 70. Geburtstag auch Altenburg zu seinem Ehrenbürger. Als im August des Jahres im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die „Gottbegnadeten-Liste“ zusammengestellt wurde, war sein Name dabei.

Den Zweiten Weltkrieg überlebte er trotzdem nicht. Aus Angst vor dem Einmarsch der Roten Armee und angesichts des Untergangs des Dritten Reiches schied Münchhausen am 16. März 1945 freiwillig aus dem Leben. Bis zuletzt hatte er an den deutschen Endsieg geglaubt. Dabei waren es einen Monat nach seinem Tod US-Amerikaner, die Thüringen eroberten und auch Altenburg einnahmen. Zu allem Leid kam hinzu, dass seine Frau bereits am 16. Januar 1945 nach einem Schlaganfall verstorben war. Das Ehepaar fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Windischleuba. Ihr gemeinsamer Sohn Börries war bereits 1934 bei einem Autounfall zu Tode gekommen. Das Schloss der Familie wurde bei der Bodenreform 1945 enteignet und dient seit 1977 als Jugendherberge.

Bis heute wird der Dichter und Schriftsteller Münchhausen kontrovers beurteilt. Während man ihn einerseits als „Vertreter reaktionären Gedankenguts“ bezeichnet, erfuhr etwa seine Ballade „Jenseits (des Tales standen ihre Zelte)“ in der Gegenwart noch eine besondere Rezeption. Obwohl sie vertont in die Liederbücher nicht nur des Wandervogels, sondern auch der Hitlerjugend Eingang gefunden hatte, übernahm sie auch der Jüdische Pfadfinderbund – wohl wissend, wer der Autor war. Und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sah 2005 kein Problem darin, „Jenseits (des Tales standen ihre Zelte)“ in seine Anthologie „Der Kanon“ zu übernehmen. Schlagersänger Heino landete mit eben diesem Lied 1965 gar seinen ersten Hit.


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Kommentare

Peter Faethe am 17.03.24, 11:34 Uhr

Eines seiner bekanntesten Lieder stand sogar im "FDJ-Liederbuch" von ca. 1960 der DDR: "Die Glocken stürmten vom Bernwards-Turm".

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