22.06.2021

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Der Fall Manuel Diogo

Von einem „Mord“, der keiner war

Mit einer haarsträubenden Legende über den Tod eines Mosambikaners in der DDR 1986 hat der Historiker Harry Waibel Furore gemacht – und das Zerrbild des „braunen Ostens“ mitgeprägt

Wolfgang Kaufmann
30.03.2021

Harry Waibel ist Historiker – aber kein besonders guter. Letzteres bescheinigte ihm sogar sein eigener Doktorvater Wolfgang Benz. Der frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin urteilte über Waibels Dissertation: „Reine Faktensammlerei, keine Interpretation, kein wissenschaftlicher Fortschritt“, und riet von einer Veröffentlichung ab. Trotzdem ließ er Waibel bestehen, wonach der linke PapyRossa Verlag in Köln die Arbeit mit dem Titel „Rechtsextremismus in der DDR bis 1989“ abdruckte.

Anschließend wurde Waibel, der früher in sozialistischen und antifaschistischen Kreisen verkehrt hatte, von Medien wie ARD, ZDF und MDR sowie der „Zeit“, dem „Stern“, der „taz“ und der „Süddeutschen Zeitung“ als Experte für den angeblich braunen Osten wahrgenommen und immer wieder ausgiebig zitiert. Im Vordergrund stand dabei vor allem seine These, dass der Obrigkeitsstaat DDR eine große neonazistische Szene hervorgebracht und dadurch auch den Grundstein für Ausländerfeindlichkeit in den neuen Bundesländern gelegt habe. Waibel prägt damit bis heute das Bild, welches sich viele Bürger im Westen von ihren Landsleuten in Mitteldeutschland machen.

Angesichts der Prominenz des Historikers erregte es erhebliches Aufsehen, als er 2014 in seinem neuen Buch „Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR“ den Fall Manuel Diogo aufgriff. Der mosambikanische Vertragsarbeiter war in der Nacht vom 29. zum 30. Juni 1986 unweit des Haltepunktes Borne (Mark) bei Bad Belzig von einem Güterzug überrollt und getötet worden. Zuvor hatte er mit Landsleuten in einer Dessauer Kneipe das Weltmeisterschaftsfinalspiel zwischen Argentinien und der Bundesrepublik verfolgt und dabei reichlich Alkohol konsumiert: Die Gerichtsmediziner ermittelten später einen Blutalkoholgehalt von 1,4 Promille.

Angeblich aus dem Zug gestoßen

Auf der Heimfahrt schlief Diogo in der Bahn ein und verpasste seinen Zielbahnhof Jeber-Bergfrieden. Daraufhin traf der 23-Jährige die fatale Entscheidung, auf freier Strecke aus dem fahrenden Zug zu springen. So lautete das Untersuchungsergebnis der Kriminalpolizei und der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit auf Basis des Obduktionsbefundes und der Aussagen der Schaffnerin, welche Diogo als Letzte lebend gesehen hatte.

Trotz dieser eindeutigen Sachlage verbreitete Waibel eine ganz andere Version des tragischen Vorfalls: Der schwarze Sägewerksarbeiter sei von Neonazis zusammengeschlagen, mit dem Kopf nach unten aus der Wagentür gehängt und anschließend durch die Räder des Zuges zerstückelt worden. Da es in der DDR aber weder Rechtsextreme noch Rassisten geben durfte, habe die Stasi den Vorfall vertuscht, weswegen die Täter immer noch frei herumliefen.

Daraufhin begann der öffentlich-rechtliche Fernsehsender MDR, die Mordtheorie des „ausgewiesenen Fachmanns“ in einer „Dokumentation“ mit dem Titel „Schuld ohne Sühne“ zu verbreiten. Darin wurde sogar der angebliche Überfall durch Laiendarsteller nachgespielt. Ebenso flog ein MDR-Team nach Mosambik, um Diogos Mutter vor laufender Kamera mit der Nachricht von der „wahren“ Todesursache ihres Sohnes zu konfrontieren.

Das alles rief nun wiederum Kritiker von Waibels gewagten Behauptungen auf den Plan. Die Einwände kamen dabei unter anderem von der „Berliner Zeitung“, die auf Augenzeugen wie den Lokführer Markward Michel verwies, der die Leiche auf den Gleisen gefunden hatte. Ebenso interviewte das Blatt den damaligen Honecker-Stellvertreter Egon Krenz. Dieser sagte ohne Umschweife, bei einem rassistischen Neonazi-Mord wäre er unverzüglich aus dem Bett geklingelt worden. Außerdem sei die Stasi viel zu SED-hörig gewesen, um den Vorfall in Eigenregie zu vertuschen.

Plant er schon den nächsten Coup?

Noch deutlicher äußerte sich der Historiker Ulrich van der Heyden von der Berliner Humboldt-Universität. Der zweifellos beste Kenner aller Details des Einsatzes der mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR warf „Lügen-Harry“ und dem MDR Fälschungen „à la Relotius“ vor. Anschließend legte der Professor Beschwerde beim Rundfunkrat und der Intendantin des Senders ein. Die einzige Reaktion hierauf war freilich eine Unterlassungsforderung des MDR.

Später nahm sich im Zuge des Erstarkens der „Black Lives Matter“-Bewegung die Linkspartei-Abgeordnete im Potsdamer Landtag Andrea Johlige der Angelegenheit an. Diese richtete am 28. Mai 2020 folgende Anfrage an die brandenburgische Landesregierung: „Wurden nach dem ... Bericht des MDR Ermittlungen wegen des Verdachts der Ermordung von Manuel Diogo eingeleitet und wenn ja, wann und durch welche Staatsanwaltschaft?“ Und sollte das Gegenteil zutreffen: „Aus welchen Gründen wurde kein Ermittlungsverfahren eingeleitet?“ Angesichts solch inquisitorischen Drängens sah sich die rot-schwarz-grüne Landesregierung unter Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) veranlasst, die Staatsanwaltschaft Potsdam einzuschalten. Diese gab am 29. Juni 2020 bekannt, sie werde den Fall neu aufrollen.

Das Ergebnis der Untersuchungen liegt nun vor. Wie ein Justizsprecher mitteilte, habe die acht Monate währende Prüfung der Ermittlungsakten von 1986 keinerlei Anhaltspunkte für ein Tötungsdelikt oder Manipulationen seitens der DDR-Behörden ergeben. Daher sei im Fall Diogo „nicht von einer todesursächlichen Fremdeinwirkung auszugehen“. Damit stehen Waibel und der MDR nun zutiefst blamiert da, wobei der Sender sofort mit juristischen Schritten drohte, sollte jemand jetzt „ehrenrührige Behauptungen“ über seine Dokumentation verbreiten.

Waibel hingegen plant nun wohl einfach den nächsten Coup, denn er ist in den Akten des DDR-Außenministeriums auf die Namen von weiteren 150 Ausländern gestoßen, welche im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ eines unnatürlichen Todes starben. Dadurch dürfte es ihm nicht an Anregungen für neue Horrormärchen über die Neonazis im Osten fehlen.



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Kommentare

sitra achra am 30.03.21, 17:02 Uhr

Kunta Kinte wird auch noch weitere 100 Jahre den eur0päischen Kolonialismus (der jedenfalls den Eintritt in den Fortschritt bedeutet hat, besonders in den deutschen Kolonien) beklagen und sich als Opfer darstellen, vor dem man auf die Knie fallen muss. BLM for ever!

Paul Barsch am 30.03.21, 06:54 Uhr

Die Ablehnung gegenüber Ausländern in der DDR bestand vor allem darin, daß diese vom Staat, übern Klee gelobt wurden. So wie die Altparteien jetzt die Neubürger als Goldstück betiteln. Doch es gab erhebliche Unterschiede so wahren der Großteil der Vietnamesen, Chilenen aber Kubaner akzeptierte Kollegen und dies reichte bis ins private. Die größte Ablehnung gab es gegenüber den Leuten aus Algerien und anderen Ländern aus Afrika. Insbesondere was die Männlichkeit betrifft arrogant, überheblich und wenig Bereitschaft beim Arbeiten usw. Die Frauen dagegen nutzen die Freiheiten die ihr gegeben wurden wie in der Bildung. Der Unmut z.B gegen die Vietnamesen nach der Wende kam nicht durch die Ossis, sondern wurden durch Wessis provoziert. Hier bei uns in einem ehemaligen Stahlwerk, kam auch eine gescheiterte Existenz aus dem Westen und wollte uns erstmal erklären was arbeiten ist und das die Schlitzen mit Schuld am Untergang haben, die schleppen alles nach Haus und Arbeiten für die Hälfte Lohn. Aus "gesundheitlichen " Gründen verschwand er lieber und zu solchen Dingen wie in Rostock kam es nicht. Ach die sowjetsoldaten die hier stationiert wahren , mit denen kamen die "Schwarzen" gar nicht klar und provozieren sie ständig. Was so manchen S. nicht bekam. Insbesondere die aus Asien stammen Soldaten hatten diesbezüglich schnelle Fäuste.

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