Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Das Pommern-Zentrum in Travemünde – der „Leuchtturm“ Versöhnungskirche bleibt
Als im September 1988 mit der Ostsee–Akademie die zentrale Einrichtung des Pommern-Zentrums in Lübeck–Travemünde in Anwesenheit von Bundespräsident Richard von Weizsäcker feierlich eröffnet wurde, erregte dies nicht nur unter den ostdeutschen Landsleuten, sondern in der gesamten deutschen Öffentlichkeit großes Aufsehen. Denn es war um die nach dem Krieg aus den Ostgebieten vertriebenen Deutschen nach über vier Jahrzehnten der Teilung ruhig geworden, zumal es keine Anzeichen dafür gab, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern sollte. Der damalige Bundespräsident sprach davon, dass es die Trennung „in geschichtlicher Perspektive“ zu überwinden gelte, nicht ahnend, dass mit dem Fall der Berliner Mauer im darauffolgenden Jahr statt eines in langen Zeiträumen erhofften der unfassbar plötzliche Eintritt der Wiedervereinigung Deutschlands und Europas Wirklichkeit werden sollte.
Diese unerwartete Zeitenwende hatte für die Ostsee–Akademie kurz nach ihrer Errichtung eine grundlegende Änderung ihrer Aufgabenstellung zur Folge. Es galt, nicht mehr als Leuchtturm Signale der Freiheit und Einheit in die abgetrennten osteuropäischen Anrainerstaaten des Mare Balticum auszusenden, sondern als Treffpunkt der Deutschen und ihrer nun ebenfalls in Freiheit lebenden Nachbarn des Ostseeraumes mit neu gewonnenem Elan an der Zielsetzung der politischen Einheit in Europas Nordosten zusammenzuarbeiten.
Warum ist dieses aus der heimatpolitischen Arbeit der ostdeutschen Landsmannschaften so markant hervorstechende Projekt der Pommern schon bald nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ in stürmische See und schließlich in einen anhaltenden Krisenmodus geraten, bis es nach knapp drei Jahrzehnten 2017 abrupt an sein Ende kam? Das hatte mit jenem unerwarteten politischen Umbruch in Deutschland und Europa zu tun, zu dessen langfristiger Herbeiführung die Idee des Pommern-Zentrums überhaupt entstanden war und der sich mit seiner explosiven Kraft in veränderten politischen Konstellationen und Grundströmungen entlud.
Zeitenwende
Auch wenn in der Pommerschen Landsmannschaft das Recht auf Heimat mit Nachdruck vertreten wurde, gab es in der Führung eine zusätzliche Sichtweise, die neben der nationalen Rückkehrforderung die Aussöhnung mit den Polen in einem freien und geeinten Europa betonte. So erinnere ich mich, meine politische Aussage als Vorsitzender des pommerschen Studentenverbandes SAP Anfang der 1960er Jahre unter das Geleitwort „Keine Vertreibung in entgegengesetzter Richtung“ gestellt zu haben, was sich später mit dem Motto unseres langjährigen Sprechers Philipp von Bismarck „Aussöhnung durch Wahrheit“ zu der Formel des „Pommerschen Manifestes“ von 1973 „Grenzen durch Freiheit überwinden“ verbinden und damit zum pommerschen Lösungsansatz der deutsch-polnischen Frage werden sollte.
Mit der Absicht, an dieser Zielsetzung durch Begegnungen mit interessierten Landsleuten und europäischen Nachbarn vorzüglich aus dem Ostseeraum zu arbeiten und zugleich eine Stätte zur Bündelung aller pommerschen Aktivitäten zu schaffen, die der Bewahrung und Pflege des geistig-kulturellen Erbes Pommerns diente, war die Idee des Pommern-Zentrums geboren. Als Leiter des wirtschaftlichen Trägers der Landsmannschaft oblag mir die Aufgabe, formaler Bauherr des geplanten Vorhabens zu sein. Ich erwarb mit dem Erlös des Verkaufs unseres Pommernhauses in Hamburg von der Neuen Heimat ein 18 Hektar großes Gelände oberhalb des Skandinavienkais in Travemünde, auf dem das Pommern-Zentrum entstehen sollte. Es umfasste mehrere Gebäudekomplexe, die nach dem Modulprinzip in je eigener finanzieller Trägerschaft errichtet wurden mit dem zentralen Bau der Ostsee-Akademie, die je zur Hälfte vom Patenland Schleswig-Holstein und vom Bund finanziert wurde. Die Versöhnungskirche ist erst nach der Eröffnung der Ostsee-Akademie im September 1988 errichtet worden.
Das von so starken Ambitionen getragene Objekt sollte schon bald nach seiner Entstehung in Schwierigkeiten geraten, weil im Zuge der Wiedervereinigung eine auf breiter Front anrollende Welle der Renationalisierung einsetzte. Auch von Bismarck sah sich als Präsident der Ostsee-Akademie mit der Forderung konfrontiert, den liberalen und europafreundlichen Leiter der Akademie, Dietmar Albrecht, durch einen Kämpfer für die Rückkehr nach Pommern zu ersetzen. Den „Hardlinern“, die dieses Ansinnen stellten, war offenbar nicht klar, dass eine politisch motivierte Entlassung des Leiters einer öffentlich von Bund und Land geförderten Einrichtung das Ende der Akademie zur Folge haben würde.
Wegen beruflichen Wechsels zur sächsischen Staatsregierung war ich 1990 aus meinen Ämtern in der Pommerschen Landsmannschaft ausgeschieden und wurde nach meiner Rückkehr aus Dresden Ende der 90er Jahre dazu gedrängt, noch einmal an die Spitze der Landsmannschaft zurückzukehren, um in der Kontroverse um die Akademieleitung zu vermitteln. Nach langem Zögern willigte ich Mitte 1999 ein, vor allem, um die Organisation des geplanten großen Pommern-Treffens im Juni 2000 in Greifswald zu übernehmen. Nachdem ich den sächsischen Ministerpräsidenten Professor Biedenkopf, in jenem Jahr als Bundesratspräsident zugleich „vierter Mann im Staat“, als Festredner gewonnen hatte, kam es zu einem Eklat, indem er als Gast der Pommern aus ihren Reihen als „Volksverräter“ beschimpft wurde und mir als Sprecher Stasimethoden vorgeworfen wurden, weil ich gegen diese Machenschaften vorgegangen war. Nicht nur wegen dieser Angriffe, sondern vor allem wegen des kurz darauf gegen mein Votum erfolgten Vorstandsbeschlusses, den Akademieleiter am Ende doch zu entlassen, trat ich nach nur einjähriger Dauer von meinem Sprecheramt zurück.
Förderungen gestrichen
Wie vorher absehbar traten mit dem Ausscheiden Albrechts und der Kündigung seiner Mitarbeiter jene Folgen ein, die nach einer Beendigung der Akademieförderung zunächst durch das Land, später auch durch den Bund, zum Ende der Ostsee-Akademie führten, indem der Pommersche Zentralverband (PZeV) als ihr Vermögensträger Oktober 2017 schließlich das Insolvenzverfahren beantragen musste. Für den bereits Ende 2000 entlassenen Akademieleiter und sein Team wurde auf Initiative des Vorsitzenden der Stiftung Versöhnungskirche, des ehemaligen Justizministers des Landes, Heiko Hoffmann, unter starker Anteilnahme von Vertretern des kulturellen Lebens wie Günter Grass als Auffanginstitut die Academia Baltica gegründet, die später in den Akademieverbund Sankelmark bei Flensburg eingegliedert wurde.
Trotz Schließung und inzwischen Rückbau der Ostsee-Akademie hat sich ihr früherer Standort oberhalb des Skandinavienkais in Travemünde mit der benachbarten Versöhnungskirche seinen unvergänglich pommerschen Charakter bewahrt. Im Besitz einer rein aus Spenden der Pommern errichteten Stiftung und gemeinsam betrieben mit der Nordkirche ist sie unabhängig von der Landsmannschaft und bis heute nicht nur geistlicher Treffpunkt pommerscher Landsleute, die ihr geliebtes Pommern-Zentrum auch weiterhin besuchen wollen.
Eine meiner schönsten Aufgaben während meiner zweiten Amtszeit als Sprecher war am 10. Oktober 1999 die Einweihung der Pommerschen Gedenkallee neben der Versöhnungskirche mit dem Gedenkstein für die Landsleute, die 1945/46 während Flucht und Vertreibung aus der Heimat ihr Leben verloren. Gesäumt wird die Allee von 31 Linden, von denen 27 an die hinterpommerschen Heimatkreise, drei an die vorpommerschen Landkreise und eine an die ehemalige alte Landeshauptstadt Stettin erinnern.
Prof. Dr. Wolfgang Müller-Michaelis ist ehemaliger Vorsitzender des Pommerschen Zentralverbandes und Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft von 1999 bis 2000