23.05.2024

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Otti Berger

Wegbereiterin des Textildesigns

Die vor 125 Jahren geborene Textilkünstlerin und Weberin leitete zeitweilig die Werkstatt für Weberei am Bauhaus

Martin Stolzenau
03.10.2023

Otti Berger wurde am 4. Oktober 1898 in Zmajevac geboren. Der Ort liegt im Nordosten der heutigen Republik Kroatien an der Grenze zum heutigen Ungarn in der damaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Berger hatte wohlhabende jüdische Eltern, die ihr wegen ihrer künstlerischen Begabung einen Besuch der Königlichen Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Zagreb ermöglichten. Von 1921 bis 1926 eignete sich Berger dort weitere künstlerische Kenntnisse an. Sie erfuhr vom Programm des 1919 in Weimar gegründeten und 1925 nach Dessau umgezogenen Bauhauses. Es zog sie magisch an.

Mit Unterstützung ihrer Eltern wechselte die junge Frau wie viele junge Künstler der Avantgarde im Wintersemester 1927 nach Dessau. Dort fand sie Aufnahme in der Weberei. Zum einen wurden in der Werkstatt für Weberei am Bauhaus vornehmlich Frauen ausgebildet. Zum anderen war Berger aufgrund einer Erkrankung fast taub und verfügte deshalb über ein entsprechend sensibles Tastvermögen. Berger etablierte sich am Bauhaus schnell, vervollkommnete sich im Sommer 1929 an der Stockholmer Webschule von Johanne Brunsson und erhielt im November desselben Jahres eine Mitarbeiterstelle in der Weberei des Dessauer Bauhauses. Im Sommer 1930 vertrat sie zusammen mit Anni Albers die Leiterin der Weberei, Gunta Stölzl, die im Vorjahr ein Kind bekommen hatte. Im September des Jahres legte sie ihre Webergesellenprüfung in Glauchau bei der Handwerkskammer ab und erhielt im November des Jahres ihr Bauhaus-Diplom.

Damit wurde sie anschließend von der „Weberei Fischer & Hoffmann“ in Zwickau als künstlerische Mitarbeiterin übernommen. Doch die ausufernde Weltwirtschaftskrise sorgte für häufige Arbeitgeberwechsel. Es folgte 1931 die Weberei „Websky, Hartmann & Yiesen“ in
Wüstewaltersdorf [Walim], einem im Eulengebirge nahe Waldenburg gelegenen Zentrum der Textilindustrie in Schlesien. Die Firma hatte über hundert Mitarbeiter und produzierte Tischdecken und Leinenstoffe. Dort erreichte sie dann ein Ruf an ihre alte Ausbildungs- und Wirkungsstätte in Dessau.

Großes Talent
Im Oktober 1931 wurde sie Stölzls Nachfolgerin als Leiterin der Weberei. Stölzl, die Berger ja bereits im Sommer 1930 vertreten hatte, hatte sich aufgrund politischer und Bauhaus-interner Konflikte zur Kündigung ihrer Stelle gezwungen gesehen und das Bauhaus verlassen. Als Meisterin zählte die neue Leiterin der Weberei zur Führung des Bauhauses. Alles schien gut.

Doch der politische Druck und die hausinternen Querelen nahmen zum Ende der Weimarer Zeit hin zu. Ihr im März 1932 auslaufender Vertrag wurde nicht verlängert. Neue Leiterin der Weberei wurde die Innenarchitektin und Designerin Lilly Reich, deren Stellvertreterin sie nun wurde. Im November 1932 eröffnete Berger in der Reichshauptstadt ein eigenes Atelier für Textilien in der Fasanenstraße. Umstritten ist, ob Bergers Hauptmotiv, das Bauhaus zu verlassen, Lilly Reich war oder das sich abzeichnende Ende des Bauhauses unter dem Druck der Nationalsozialisten.

Die waren im April 1932 bei den Landtagswahlen im Freistaat Anhalt, dessen Hauptstadt Dessau war, stärkste Partei geworden. Im August 1932 beschloss der Gemeinderat von Dassau auf Antrag der NSDAP-Fraktion die Schließung des Bauhauses. Zum 30. September 1932 wurde die Schließung vollzogen. In Berlin setzte es nun als privates Institut seine Arbeit fort.

Noch schwieriger wurde die Situation nicht nur für das Bauhaus, sondern auch für Berger, als die Nationalsozialisten 1933 auch auf Reichsebene an die Macht gelangten. Berger wich ins Ausland aus, nach Zürich. In der Schweizer Stadt wurden Stoffe nach ihren Entwürfen produziert.

Widrige Zeitumstände
Trotz der zurückliegenden schlechten Erfahrungen hoffte Berger auf Aufnahme in die im November gegründete Reichskammer der bildenden Künste und die Möglichkeit zur Weiterarbeit im Deutschen Reich. Die Hoffnungen zerschlugen sich. 1936 erhielt Berger ein generelles Berufsverbot.

Daraufhin versuchte sie es 1937 auf Anraten des Gründers und vormaligen Direktors des Bauhauses, Walter Gropius, in London. Dort fand sie weder Arbeit noch Freunde und fühlte sich isoliert. Fehlende Englischkenntnisse und eine latent deutschfeindliche Stimmung auf der Insel erschwerten der Schwerhörigen das Leben. „ich komme an die leute nicht ›ran‹, sitze tag für tag, abend für abend alleine und traurig und mutlos“, notierte sie 1938 resigniert. In ihrer Verzweiflung kehrte sie kurz ins Deutsche Reich zurück, zog dann jedoch – noch war es möglich ­– wegen der Erkrankung ihrer Mutter weiter in die nun zum Königreich Jugoslawien gehörende Heimat ihrer Kindheit, zur Familie. Dort erhielt sie eine Einladung von Laszlo Moholy-Nagy. Die beiden hatten sich kennen- und schätzengelernt, als sie 1927 seinen Vorkurs am Bauhaus besucht hatte. Nun bot der Bauhaus-Lehrer von 1923 bis 1928 ihr an, an dem von ihm gegründeten und geleiteten New Bauhaus in Chicago zu unterrichten. Doch Berger erhielt kein Visum mehr.

Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Wehrmacht war Berger mit ihrer jüdischen Familie den Nationalsozialisten ausgeliefert. Mit ihren Angehörigen wurde sie zunächst im ungarischen Mohatsch (Mohács) in einem Lager für Juden interniert und dann ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort kam sie wahrscheinlich Anfang Mai 1944 um. Von ihrer Familie überlebte die Judenvernichtung nur ein jüngerer Bruder.

Beiträge über Otti Berger gibt es von Ingrid Radewaldt in der 2009 in München von Ulrike Müller herausgegebenen Sammelbiographie „Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design“, von Barbara von Lucadou im 1986 in Marburg erschienenen Band „Wechselwirkungen Ungarische Avantgarde in der Weimarer Republik“ sowie im von Patrick Rössler und Elizabeth Otto 2019 in München veröffentlichten Buch „Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne“.


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Kommentare

Chris Benthe am 04.10.23, 09:05 Uhr

Danke für diesen Artikel, der das Vergessen verhindert. Furchtbar trauriges Ende einer schaffensreichen, kreativen Frau. Es macht einen noch immer fassungslos.

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