25.05.2022

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Psychologie

Wenn das Grauen zurückkehrt

Besonders im Alter werden Menschen von ihren Kriegserlebnissen heimgesucht – Nun rütteln die Bilder aus der Ukraine bei vielen die Jahrzehnte alten Traumata wieder wach

Wolfgang Kaufmann
12.04.2022

Die alte Dame im Pflegeheim ist außer sich: „Wie komme ich nur aus Königsberg heraus?“, schreit sie immer wieder und klammert sich an ihren Koffer. Das Personal erklärt dies mit der Demenz der 95-Jährigen. Tatsächlich jedoch liegt hier ein Fall von Retraumatisierung vor – ausgelöst durch die aktuellen Bilder aus der Ukraine. Und so geht es auch anderen Angehörigen der Kriegsgeneration: Schlagartig sind all die verschüttet geglaubten Erinnerungen wieder da. An Kampfhandlungen und Vergewaltigungen, an Bombennächte und Kriegstote, an Hunger und schlimmste Verlusterlebnisse, an Flucht und Vertreibung ... Ähnliches passierte schon bei früheren Gelegenheiten. So beispielsweise anlässlich der Anschläge vom 11. September 2001 oder der medial ausgiebig „aufbereiteten“ Kriege danach. 2011 titelte deshalb die Buchautorin Katja Thimm: „In deutschen Altenheimen tobt der Zweite Weltkrieg.“

Die Betroffenen zeigen sämtliche Symptome einer lange unterdrückten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS): Lärmempfindlichkeit, Schlaflosigkeit, Depressionen, Ängste, Aggressionen, Panikattacken, Persönlichkeitsveränderungen, psychosomatische Beschwerden, Suchtverhalten und vor allem auch sogenannte Flashbacks, in denen das einstmals Erlebte plötzlich wieder gegenwärtig und höchst real wird. Wissenschaftler wie der frühere Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig, Elmar Brähler, gehen mittlerweile davon aus, dass zwischen 30 und 60 Prozent der Angehörigen der deutschen Kriegsgeneration traumatisiert wurden, davon etwa fünf bis zwölf Prozent schwer.

„Weltkrieg tobt in Altenheimen“

Die meisten Betroffenen haben niemals in ihrem Leben eine angemessene Behandlung bekommen, was aus zwei Ursachen resultiert. Zum Ersten war es nach 1945 völlig unüblich, seine psychische Befindlichkeit nach außen zu kehren. Stattdessen standen der Wiederaufbau und die Rückkehr zu geordneten Verhältnissen in Wirtschaft und Gesellschaft auf der Tagesordnung. Dadurch gerieten viele Themen zu Tabuthemen. Hiermit klarzukommen, gelang den Traumatisierten nicht zuletzt dadurch, dass sie sich auf ihre Familie und den Beruf konzentrierten. Allerdings bricht nun im Alter vieles weg, was jahrzehntelang Halt gegeben hat. Und damit kollabiert dann auch die mentale Abwehr, weshalb das Verdrängte wieder ins Bewusstsein rückt.

Zum Zweiten hat das Ignorieren von kriegsbedingten Traumata und deren Folgen eine lange Geschichte. Von Posttraumatischen Belastungsstörungen war zunächst nicht einmal im Falle der psychisch oft schwer geschädigten Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs die Rede. Diese galten eher als „Schwächlinge“ oder „Drückeberger“, bis die Psychiatrie die PTBS offiziell als Krankheit anerkannte. Das geschah 1980 als Folge des Kampfes der US-amerikanischen Kriegsveteranen um ihre Rechte.

Noch länger dauerte es, bis man auch deutschen Zivilisten zugestand, infolge ihrer Erlebnisse in der Kriegszeit unter einer PTBS zu leiden. Diesbezügliche Forschungen wurden zunächst beargwöhnt: Sei es denn überhaupt „zulässig“, sich mit psychischen Leiden von Angehörigen eines „Tätervolkes“ zu befassen? Die tonangebenden 68er verneinten dies. Und einige Vertreter jüdischer Gemeinden in Deutschland sahen darin sogar einen Versuch, den Holocaust zu relativieren. Flächendeckend wurde das Tabu deshalb letztlich erst in der Zeit nach dem Jahr 2000 gebrochen, woraufhin es 2005 zu einem Fachkongress mit rund 600 Teilnehmern in Frankfurt am Main kam. Diesem folgte 2013 eine weitere entsprechende Tagung in Münster zur Traumatisierung der Kriegsgeneration.

Bis in die nächsten Generationen

Inzwischen weiß man, dass nicht nur diese gelitten hat oder noch immer leidet, sondern auch deren Nachkommenschaft. Der Fachausdruck hierfür lautet Sekundäre Traumatisierung. Die entsteht, wenn die Eltern ihre Zukunfts- und Lebensangst auf die Kinder übertragen – beispielsweise durch Überbehütung, die Vermittlung kontraproduktiver Einstellungen oder unablässige Forderungen nach einem engen familiären Zusammenhalt.

Torsten Santavirta von der Universität Uppsala und dessen Mitarbeiter haben das weitere Schicksal von 49.000 finnischen Kindern untersucht, welche während des Zweiten Weltkriegs nach Schweden evakuiert und dort Pflegefamilien übergeben worden waren, um sie vor sowjetischen Bombenangriffen und Unterernährung zu schützen.

Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass sowohl diese Personen selbst als auch deren Nachkommen deutlich häufiger an psychischen Störungen erkrankten als die Vergleichsgruppe der in Finnland Gebliebenen. Angesichts solcher und ähnlicher Befunde ist nun von einer Transgenerationalen Traumatisierung die Rede. Einige Experten wie der Psychiater Bertram von der Stein, der an der Universität Kassel lehrt, vertreten sogar die Ansicht, es brauche drei bis vier Generationen, bis schwere Traumata durch Krieg und Gewalt in der Familie bewältigt seien. Außerdem wird inzwischen ernsthaft diskutiert, ob Traumatisierungen zu Veränderungen am Erbgut führen können.

Die Therapie einer PTBS bei den unmittelbar Geschädigten besteht im Regelfall darin, die vergangenen Erlebnisse noch einmal zu vergegenwärtigen, danach aber anders abzuspeichern. Dadurch soll der Traumatisierte in die Lage versetzt werden, das Ganze als integralen Bestandteil seiner ureigenen Biographie zu akzeptieren.

Im Fall der deutschen Kriegsgeneration wäre das aber wohl vielfach zu riskant. Zwar vertreten Mediziner wie Jochen Buhrmann, Chef der Psychosomatischen Abteilung der Schweriner Helios-Kliniken, die Ansicht, dass es in jeder Lebensphase hilfreich sei, über frühere traumatische Erfahrungen zu sprechen, weil das Entlastung schaffe. Allerdings müssten die Betroffenen dann auch sehr engmaschig professionell begleitet werden. Sollte dies nicht garantiert sein, ist es besser, keine alten Wunden aufzureißen, um eine unkontrollierte Retraumatisierung zu vermeiden. Selbst wenn das bedeutet, dass der Fernseher bei den Nachrichtensendungen künftig ausgeschaltet bleibt.



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Kommentare

Dr. Dr. Hans-Joachim Kucharski am 25.04.22, 13:57 Uhr

Die Verweigerung der psychotherapeutischen Behandlung deutscher Kriegs- und Nachkriegstraumatisierter ist damit zu erklären, daß es nicht in das Denkschema der Vergangenheitsbewältiger paßt, daß es auch deutsche Opfer gegeben haben könnte.

Valentina Selge am 19.04.22, 16:01 Uhr

Es fehlt den älteren Politikern der Abstand zum 3. Weltkrieg, die Werte der Demokratie scheinen bei vielen nicht gefestigt zu sein. Es wäre durchaus sinnvoll jetzt ein gesetzliches Pensionsalter für alle politischen Posten weltweit durchzusetzen. Die Zeit ist so schnelllebig und die existentiell notwendigen Ziele der Jugend, der Klima- und Naturschutz kommen unter die Panzerketten, wenn nicht die alte Garde (die Putin alle kennt) abtritt. Deren Ziele kann niemand nachvollziehen, die haben ihre Neurosen nicht therapiert. Das ist eine Zeitreise, die niemand sich wünscht so kurz nach einer Pandemie.

sitra achra am 12.04.22, 11:44 Uhr

"Wenn das Grauen zurückkehrt" oder besser: "Wenn der Iwan zurückkehrt". Er kann's einfach nicht lassen.
Aber wird sie laut Allesverstehern nicht ständig beleidigt, die arme geschundene Russenseele, und provoziert?
Da muss man sich doch wehren dürfen. Und zwar mit den modernsten Massenvernichtungswaffen.
Unmengen toter ukrainischer Zivilisten soll man dann hinnehmen als notwendigen Kollateralschaden.
Russland, Russland über alles! Nitschewo.

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