23.05.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Lepraheim nördlich von Memel: Einweihung am 17. August 1899
Foto: „Illustrirte Zeitung“, Nr. 2929Lepraheim nördlich von Memel: Einweihung am 17. August 1899

Lepraheim Memel

Wie Preußen die Lepra-Welle bekämpfte

Neben Robert Koch kamen mehrere Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Kranken isoliert werden müssten

Wolfgang Kaufmann
01.05.2022

Die Lepra ist eine der ältesten bekannten bakteriell bedingten Infektionskrankheiten beim Menschen und verursacht unter anderem schmerzhafte Hautwucherungen und Nervenschäden. Unbehandelt führt sie nicht selten zum Tode. Der Höhepunkt ihrer Verbreitung in Europa lag im Mittelalter, allerdings gab es auch später immer wieder Neuerkrankungen. Im Königreich Preußen kam es 1848 zum ersten Fall in jüngerer Zeit: Eine Magd aus Litauen hatte die Lepra nach Aschpurwen im Landkreis Memel gebracht und dort mehrere Menschen angesteckt. Weitere Einschleppungen erfolgten 1863 nach Bommelsvitte und 1880 nach Karkelbeck. Als es schließlich einige Dutzend Fälle im preußischen Landkreis Memel gab, schlugen Mediziner wie der deutsch-englische Dermatologe Eduard Arning und der Memeler Arzt Julius Pindikowski 1892/93 Alarm. Letzterer veröffentlichte in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ Listen der bekannten verstorbenen oder noch lebenden Leprösen. Außerdem schlug er die Errichtung eines Lepraheims zur Isolierung der Betroffenen vor.

Das Übel kam aus Russland

1896 bereiste der Berliner Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Alfred Blaschko, das Memelgebiet und vertrat nachher die Ansicht, dass der Ursprung der Lepra-Welle in Preußen in den beiden russischen Gouvernements Kurland und Kowno liege. Diesem Urteil schloss sich auch der bekannte Mikrobiologe Robert Koch an, der späterhin den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie erhielt und im September 1896 im Auftrag des preußischen Kultusministers Robert Bosse Untersuchungen im Landkreis Memel durchführte, wobei er vom königlichen Kreisphysikus Peter Urbanowicz unterstützt wurde. In seinem Bericht, der nachfolgend im „Klinischen Jahrbuch“ erschien, schrieb Koch, „dass die Krankheit von Osten und Norden her über die russische Grenze in den Memeler Kreis eingedrungen ist“ – und zwar erst in jüngerer Vergangenheit. Darüber hinaus kam der Entdecker des Tuberkulose-Bazillus „zu dem Schluss, dass das gründlichste und am schnellsten wirkende Mittel zur Unterdrückung des Übels die unbedingte Absonderung der Leprakranken sei, und dass diese Isolierung nur durch ein unter ärztlicher Leitung stehendes Lepraheim erzielt werden könne“. Diese Ansicht wurde auch von der 1897 in Berlin tagenden internationalen Lepra-Konferenz geteilt.

Dabei war es jedoch recht schwierig, einen geeigneten Platz für das geplante Leprosenhaus zu finden. Die zunächst vorgesehenen Standorte Königsberg, Prökuls und Süderspitze kamen alle aus praktischen Gründen oder wegen des Widerstands der örtlichen Behörden nicht in Frage. Schließlich einigte man sich auf eine Schonung inmitten des Plantagenwaldes zwei Kilometer nördlich von Memel. Hier entstand das preußische Lepraheim, welches zunächst acht Männer und acht Frauen aufnehmen konnte und nach Plänen des Leiters des Memeler Hochbauamtes, Josef Callenberg, errichtet wurde. Insgesamt investierte der Staat 97.500 Mark in den Bau der Einrichtung. Deren Einweihung erfolgte am 18. Juli 1899 in Gegenwart des Kultusministers Bosse und des Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen, Graf Wilhelm von Bismarck-Schönhausen.

In der Folgezeit war das Lepraheim in Memel bald das einzige seiner Art in Europa und beherbergte Kranke aus ganz Deutschland. Bis zum 30. September 1944 lebten und starben hier insgesamt 42 Männer und 52 Frauen in strikter Isolation von der Außenwelt. Dabei gingen die politischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts auch an dem abgeschiedenen Leprosorium nicht vorbei. Zunächst wurde dieses zu Beginn des Ersten Weltkrieges von den Russen geplündert, dann gelangte die Einrichtung infolge des Versailler Vertrages, welcher unter anderem die Abtrennung des Memellandes von Deutschland vorsah, in litauische Hand, wobei das Königsberger Diakonissen-Mutterhaus der Barmherzigkeit aber weiter für die Betreuung der Kranken verantwortlich zeichnete und das entsprechende Personal stellte. Durch die Wiedereingliederung des Memellandes im März 1939 gehörte das Lepraheim dann erneut zu Ostpreußen.

Von der Abtrennung betroffen

Infolge des Vorrückens der Roten Armee musste das Haus im Oktober 1944 geräumt werden. Die Insassen kamen per Frachtkahn nach Königsberg, wo man sie dem Diakonissenhaus übergab. Nach dem Fall der Festung Königsberg im April 1945 erfolgte eine erneute Verlegung der elf verbliebenen Kranken in die Seuchenabteilung auf dem Gelände der ehemaligen Nervenklinik an der Alten Pillauer Landstraße. Dort starben die Lepra-Kranken dann alle innerhalb kürzester Zeit – mit Ausnahme von Carl Grimmeisen, der seine Kindheit in Brasilien verbracht und sich dort infiziert hatte. Der inzwischen vollständig Erblindete wurde in eine Isolationseinrichtung in Talsen im Westen der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik verschleppt, wo er schließlich am 28. April 1954 verstarb. Zuvor hatte das Auswärtige Amt nach längerem Zögern noch eine Einreiseerlaubnis für Grimmeisen erteilt, um ihm eine Behandlung im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf zu ermöglichen. Dieser Schritt erfolgte jedoch zu spät.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Micha . am 01.05.22, 21:14 Uhr

Es ist schön, daß man auch dieser armen Menschen gedenkt!

Klaus Eller am 01.05.22, 09:55 Uhr

Bei uns in Münster gibt es auch ein Leprosenhaus im Ortsteil Kinderhaus. Dieses soll angeblich auch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch in Betrieb gewesen sein. Heute ist es ein Museum und hält die Erinnerung an diese schreckliche Krankheit wach. Bei der Gelegenheit sollte man mal dankbar sein für die moderne Medizin, der wir so viel zu verdanken haben,

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!