20.05.2024

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Faszinierende digitale Rekonstruktion einer versunkenen Stadt: Ein Blick über Königsberg vom Hafen aus in Richtung Kneiphof
Bild: men@workFaszinierende digitale Rekonstruktion einer versunkenen Stadt: Ein Blick über Königsberg vom Hafen aus in Richtung Kneiphof

Im Gespräch mit Joachim Mähnert

„Eine Anregung zum Selber-Denken“

Über das reichhaltige Veranstaltungsprogramm zum Kant-Jubiläum im Ostpreußischen Landesmuseum und andernorts

René Nehring
22.04.2024

Inmitten des Kant-Jubiläumsjahres erhält das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg einen Erweiterungsbau, der dem Königsberger Philosophen und seiner Heimatstadt gewidmet ist. Anlass für ein Gespräch mit dem Leiter des Hauses über ein in der deutschen Kulturlandschaft einzigartiges Projekt.

Herr Mähnert, was erwartet Ihre Besucher grundsätzlich in dem neuen Erweiterungsbau des Ostpreußischen Landesmuseums? 

Zum einen können sich unsere Besucher freuen auf die erste und einzige Dauerausstellung in der Bundesrepublik, die dem wichtigsten Denker der Moderne und wohl berühmtesten Ostpreußen gewidmet ist. In unserem dreigeschossigen Erweiterungsbau wollen wir die Menschen zum Entdecken Kants und seiner Philosophie, aber auch seiner ganz alltäglichen Lebenswelt einladen.

Ein zentraler Ort zur Auseinandersetzung, zum Austausch und zum Diskutieren darüber wird das neue Kant-Forum sein, das uns dank neuester Technik auch ermöglicht, die Vorträge des Museums künftig über das Internet in die Welt hinaus zu übertragen. Damit können auch Interessierte, die nicht in Lüneburg wohnen, von unserem reichen Programm profitieren.

Die Dauerausstellung wird in zwölf Kapitel gegliedert sein, die nicht nur dem historischen Wirken Kants gewidmet sind, sondern auch der Relevanz seiner Überlegungen für uns Heutige. Wir werden eine anregende Ausstellung zeigen – zum Ausprobieren, zum Mitmachen und vor allem auch zum Selber-Denken. Uns geht es nicht darum, dass die Besucher hinterher den Kategorischen Imperativ fehlerfrei aufsagen können, sondern vielmehr, dass sie darüber nachdenken, ob die Botschaft des Kategorischen Imperativs auch heute noch eine Maxime ihres persönlichen Handelns sein kann.

Ausstellung kommt ja von ausstellen. Was genau werden Sie zeigen? 

Im Bereich zu Kants Biographie wird es ganz klassisch zugehen. Wir werden dort unsere große Kant-Sammlung präsentieren, die wir in wesentlichen Teilen dem früheren Museum Stadt Königsberg aus Duisburg verdanken, die wir inzwischen aber auch um einige wichtige Stücke erweitern konnten. Was an originalen Kantiana erhalten geblieben ist – vieles ging verloren, weil nach Kants Tod 1804 kaum persönliche Gegenstände aufbewahrt wurden, hinzu kommt die Zerstörung des Königsberger Kant-Museums 1944 – befindet sich zu rund 80 Prozent hier in Lüneburg. Das wird man sehen können. Darunter ist zum Beispiel ein Champagnerglas, mit dem Kant zusammen mit seinen Freunden auf das Ende des Siebenjährigen Krieges angestoßen hat, wie Gravuren belegen. 

Das Leben Kants werden wir in vier Kapiteln vermitteln. Das eine ist seine Geburt, seine Jugend, sein Studentendasein. Kant kam aus einer Handwerkerfamilie. Wir gehen deshalb der Frage nach, wie es ihm gelang, in einer Zeit, in der die Herkunft in der Regel das spätere Berufsleben vorbestimmte, zu dem bedeutenden Gelehrten werden konnte, der er war. 

Heinrich Heine hat einmal gesagt, Kant habe gar nicht gelebt, selbst die Uhr im Königsberger Dom wäre leidenschaftlicher gewesen als das geordnete Dasein des Philosophen. Das ist natürlich Unfug, gerade der jüngere Kant hat ein sehr gesellschaftliches Leben geführt. Er hat gern Karten und Billard gespielt und war in beidem ein gefürchteter Gegner. Außerdem war Kant Mitglied bester gesellschaftlicher Kreise und galt als geistreicher Unterhalter. Auch das werden wir mit einigen Objekten unterfüttern können.

Natürlich wird es auch um den großen Denker Kant gehen, der Meilensteine in der Philosophiegeschichte gesetzt hat – und das in kürzester Zeit. Er hat ja seinen großen Durchbruch erst mit der „Kritik der reinen Vernunft“ 1781 erzielt, als er schon auf die sechzig zuging. Dann jedoch hat er in einem unglaublichen Tempo Schriften wie „Kritik der praktischen Vernunft“, „Kritik der Urteilskraft“, „Metaphysik der Sitten“ und seine „Schrift zum ewigen Frieden“ verfasst.

Und selbstverständlich werden wir auch dem Weltendenker Kant genug Platz einräumen, der sich die Welt in die Hafen- und Handelsstadt Königsberg holte, indem er seine beliebte Tischgesellschaft pflegte, zu der auch der Oberbürgermeister von Königsberg, Theodor Gottlieb von Hippel, und der Dichter Johann Georg Hamann gehörten. Letzterer war im Prinzip ein religiöser Gegenspieler Kants, aber persönlich trotzdem mit ihm gut befreundet.

Spannend wird es, Kants Philosophie zu zeigen. Was ist Erkenntnis? Wie funktioniert Denken? Was ist der Verstand? Und was leitet sich aus der Vernunft ab, zum Beispiel in Bezug auf das Recht, die Moral und auch die Freiheit? Das Besondere an Kant ist ja, dass er das Einhalten von Regeln und einen Staat voller Recht als Ausdruck von Freiheit versteht. 

Über das Leben Kants gibt es ja, siehe den von Ihnen erwähnten Ausspruch Heinrich Heines, einige klischeehafte Vorstellungen. Werden Sie sich daran orientieren, oder gibt es auch andere Erzählperspektiven? 

Wir wollen durchaus diesen Mythos, dass Kant nur ein dogmatisches, gleichförmiges Leben geführt habe, brechen. Denn das wird ihm einfach nicht gerecht. Zum einen hat Kant kein lineares Leben geführt, er war nicht immer der kauzige alte Mann mit einem streng geregelten Lebenslauf. Das war er erst als älterer Professor an der Albertina, der junge Magister hat seinen Alltag ganz anders gestaltet. Hinzu kommt, dass Kants Leben eine beispiellose Aufstiegsgeschichte darstellt, deren Grundlage ist, dass er schon in jungen Jahren sehr selbstbewusst war, dabei ziemlich genau wusste, was er wollte, und dies auch konsequent umsetzte. 

Als Ostpreußisches Landesmuseum wollen wir auch deutlich machen, dass der große Weltendeuter nicht in einem luftleeren Raum gelebt hat, sondern in Königsberg, das zu Lebzeiten Kants ein bedeutendes geistiges Zentrum Europas war. Und diese Stadt war wiederum eingebettet in eine große Kulturlandschaft – eben Ostpreußen, in dem immerhin der Astronom Kopernikus das moderne heliozentrische Weltbild begründete. Dass Kant Ostpreußen nie und Königsberg nur für wenige Jahre als Hauslehrer verlassen hat zeigt, welche Bedeutung Stadt und Land für ihn hatten. 

Welche Rolle wird dieses Königsberg in Ihrer Ausstellung spielen? 

Königsberg ist insofern eine besondere Stadt, weil es – anders als Danzig oder Breslau – nach 1945 nicht in seinem historischen Antlitz als eine preußische Bürger- und Residenzstadt wiederaufgebaut worden ist, sondern auf seinen Trümmern die sozialistische Musterstadt Kaliningrad errichtet wurde. Zwar ließ man die Ruine des Doms auf der Insel Kneiphof stehen und sorgte mit der Wiederherstellung nach 1990 dafür, dass das Gotteshaus heute wieder das Wahrzeichen der Stadt ist. Doch ansonsten hat das Kaliningrad von heute – gerade im Zentrum – kaum etwas mit der Pregelstadt von einst gemein. 

Deshalb haben wir das alte Königsberg, wie es zu Kants Lebzeiten bestand, virtuell wiedererstehen lassen und bieten unseren Besuchern die Möglichkeit, in diese versunkene Stadt einzutauchen. Fachleute sprechen von einem, vielleicht sogar dem größten Projekt in der Sphäre virtueller Realität, das es bislang gegeben hat. Wir haben diese Großstadt Königsberg digital nachgebaut: viele tausend Gebäude, viele hundert Marktplätze, Innenhöfe, über 20.000 Bäume, mit denen wir Kants Welt dreidimensional erlebbar machen. 

Natürlich kann man nicht alle Gebäude im Detail händisch rekonstruieren, aber die Wahrzeichen wie das Schloss, den Dom, die Kirchen, die Universität und natürlich auch Kants Wohnhaus haben wir mit viel Liebe zum Detail wiedererstehen lassen. Bei den anderen Gebäuden und Straßen haben wir uns an vorhandener Bausubstanz sowie an überlieferten Stadtansichten und Plänen orientiert und damit eine Künstliche Intelligenz gefüttert, die dann auf dieser Basis das alte Königsberg nachgebaut hat. Das Ergebnis ist ein sehr lebendiges und wahrhaft beeindruckendes Stadtbild. Der Charakter als Ordens- und Bürgerstadt, als Hafen- und Handelsstadt wird sofort deutlich. 

Zudem können wir dieses Königsberg des 18. Jahrhunderts in einigermaßen ähnlichen Winkeln Bild- und Filmaufnahmen aus dem Königsberg der 1930er und 1940er Jahre sowie auch aus dem Kaliningrad von heute gegenüberstellen und damit den permanenten Wandel des Stadtbildes beobachten. Schon das Königsberg der 1930er Jahre hatte ja mit der Stadt Immanuel Kants wenig gemein. Zu Kants Zeiten waren die meisten Häuser noch zwei- oder dreigeschossig, im 20. Jahrhundert dominierten dann vier- oder fünfgeschossige Bauten aus der Gründerzeit und teilweise auch vom Bauhaus geprägte moderne Wohn- und Wirtschaftsgebäude. 

Es ist also eine ganz faszinierende Stadt, in die die Gäste eintauchen können, und eine – wie sie sicherlich auch feststellen werden – wunderschöne Stadt. 

Haben Sie für dieses Projekt Partner gehabt? Und auf wessen Schultern liegt das Kant-Jubiläum im Allgemeinen? 

Für die virtuelle Rekonstruktion Königsbergs haben wir uns mit einem Regisseur und Produzenten, der bereits ähnliche Produktionen für die ZDF-Geschichtssendung „Terra X“ und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz entwickelt hat, zusammengesetzt. Dabei haben wir dann die Idee einer vollständigen digitalen Rekonstruktion entwickelt. Allerdings brauchten wir für die Umsetzung einen finanzkräftigen Partner, den wir zum Glück mit der Bundeskunsthalle in Bonn finden konnten, die obendrein bereits Erfahrungen mit virtuellen Rekonstruktionen hatte. Damit hatten wir zwei Partner, die sowohl wussten, was Königsberg war, als auch, wie eine solche Stadt am Bildschirm wiederhergestellt werden konnte. 

Das Kant-Jubiläum insgesamt ruht auf deutlich breiteren Schultern und wird auch an mehreren Orten begangen. Es gibt einen biographischen Dokumentationsfilm über Kant, der bei Arte zu sehen sein wird, an dem unser Haus wesentlich als inhaltlicher Berater und über die Stiftung Königsberg auch als Mitfinanzier beteiligt war. Auch einige von unseren Objekten sind dort abgefilmt worden. Es gibt kleinere Tagungs- und Ausstellungsprojekte wie das im englischen Hull, woher Kants englische Freunde Green und Motherby kamen. Riga und Dorpat werden wohl einiges machen, Polen ebenso in Groß-Arnsdorf, dem Gut, wo Kant als Hauslehrer tätig war. 

In Königsberg/Kaliningrad gibt es natürlich auch einige Initiativen, allerdings deutlich weniger als man sich noch vor dem Ukrainekrieg erhofft hatte. In Bonn wird es neben der Ausstellung der Bundeskunsthalle und einem Projekt im Beethovenhaus im Herbst 2024 wohl auch einen großen Philosophenkongress geben. Dieser sollte eigentlich in Königsberg stattfinden, wurde dann aber nach Ausbruch des Krieges an den Rhein verlegt. In NRW wurde auch ein „digitales Kant-
zentrum“ finanziert, in Jena ein DFG-Projekt, was sich mit Rassismus und Sexismus bei den Aufklärern, also auch bei Kant, auseinandersetzt. 

Und natürlich erscheinen im Moment sehr viele Kant-Biographien. Wir hatten in unserem Hause bereits eine Lesung mit Marcus Willaschek, dem wahrscheinlich größten Kant-Experten seiner Generation. Am 22. April wird es in Berlin über die Berlin-Brandenburgische Akademie einen großen Festakt zu Ehren des Philosophen geben, zu dem auch Bundeskanzler Olaf Scholz erwartet wird. Dort arbeitet man auch an einer Neuedition und Revision der Werke Kants. Im Deutschen Historischen Museum Berlin gibt es im Herbst eine Ausstellung über die Aufklärung allgemein. Es gibt also eine ganze Menge zu entdecken in den kommenden Monaten. 

Was mich auch freut ist, dass wir ununterbrochen Anfragen von Medien erhalten, sie bei der Erstellung von Sonderveröffentlichungen zu beraten. Neben dieser Beilage der Preußischen Allgemeinen und dem bereits erwähnten Film auf Arte wird zum Beispiel die „ZEIT“ ein Sonderheft „ZEIT Geschichte“ herausgeben, ebenso das „philosophie Magazin“.
Wir sind also nicht die Einzigen, die sich in diesem Kant-Jubiläumsjahr 2024 dem Leben und Werk des Königsberger Philosophen widmen. Aber wenn das Jahr vorbei und die große Aufregung abgeklungen ist, wird unser Haus der wichtigste Erinnerungsort für Immanuel Kant in Deutschland sein. 

Ab wann wird Ihre Ausstellung für die Besucher zu sehen sein? 

Leider werden wir mit unserer geplanten Dauerausstellung zum 300. Geburtstag Kants nicht ganz fertig sein. Grund dafür sind diverse Verzögerungen während der Corona-Zeit und die explodierenden Baukosten. Deshalb werden wir zum Jubiläum unter dem Namen „Kant 300 – ein Leben in Königsberg“ eine Vorschau-Ausstellung für sechs Monate zeigen, in der wir wie in einem Adventskalender auch schon einige Türchen öffnen, um einen Einblick von der neuen Dauerausstellung zu vermitteln. Schwerpunkt des Projekts wird die Biographie Kants sein, auch die virtuelle Rekonstruktion Königsbergs führen wir vor. 

Welche besonderen Exponate werden Sie zeigen? Und gibt es auch Leihgaben aus anderen Häusern? 

Bei einer Dauerausstellung gibt es in der Regel kaum Leihgaben. Für drei, fünf oder sechs Monate sind Museen und Galerien schon mal bereit, Glanzstücke an andere Häuser zu geben, aber eben nicht für mehrere Jahre. Deshalb arbeiten wir in unserer Dauerausstellung fast ausschließlich mit unseren eigenen Beständen, die ja ohnehin das meiste beinhalten, was es an originalen Erinnerungsstücken zu Kant und seiner Zeit gibt. 

Für die erwähnte Sonderausstellung bekommen wir einige sehr interessante Leihgaben. Es gibt im Grunde drei berühmte Gemälde von Kant. Zwei haben wir hier in unserer Sammlung, nämlich das von Johannes Heydeck und von Gottlieb Doebler. Das dritte Bild ist das Jugendporträt von Johann Gottlieb Becker. Dieses befindet sich eigentlich in Marbach, doch wir haben es nun für unsere Ausstellung bekommen. Dass diese drei Porträts nun erstmals seit Jahren nebeneinander hängen, ist also etwas Besonderes. 

Vermutlich jeder Kenner der ostpreußischen Geschichte dürfte auch den berühmten Stich von Kants Tischgesellschaft kennen, der auf Basis eines Gemäldes von Emil Doerstling gefertigt wurde, das dieser als Wandfresko geschaffen hatte, das jedoch 1944 zerstört wurde. Von diesem Doerstling-Gemälde gibt es eine Vorstudie in Öl, die sich in Privatbesitz erhalten hat und an sehr interessanten Stellen von der späteren Ausführung abweicht. Auch diese Gemälde bekommen wir für die Sonderausstellung. Und ein weiteres, noch nie gezeigtes Objekt aus dem Haushalt Kants werden wir wohl auch zeigen dürfen, aber hier verrate ich noch keine Details. 

Insgesamt wird es eine Ausstellung sein, die es ohne Übertreibung vermutlich seit dem Untergang des alten Königsbergs so noch nicht gegeben hat. 

Mit dem Wandel der Zeiten ändern sich immer auch die Blickwinkel auf historische Persönlichkeiten. Gibt es ein bestimmtes Motto oder Schlagwort, mit dem Kant durch das Ostpreußische Landesmuseum vorgestellt wird? 

Was wir nicht haben werden ist ein konkretes Motto wie zum Beispiel die Ausstellung „Kant der Europäer“ vor einigen Jahren in Duisburg. Wir werden auch nicht – wie das vielleicht im genieverliebten 19. Jahrhundert und auch noch zum Jubiläum 1924 üblich war – Kant auf ein imaginäres Denkmal stellen. Das würde ohnehin nur dazu führen, dass andere auf die Idee kämen, ihn so schnell wie möglich wieder herunterstürzen zu wollen. 

Diese Form der Huldigung und Überhöhung, die im 19. Jahrhundert aufkam, ist heute nicht mehr der richtige Weg, um an eine historische Persönlichkeit zu erinnern. Wir werden also den Königsberger Immanuel Kant sehr menschlich darstellen; menschlicher vielleicht, als er bislang dargestellt wurde. Und auch komplexer. Bislang wurde ja oft nur diese Karikatur des alten, in allen Dingen seinen selbst auferlegten Regeln nachgebenden Kant gezeigt. 

Überhaupt ist interessant, dass die Forschung in den letzten mehr als zweihundert Jahren nie das Interesse an Kant und seinen Schriften verloren hat, aber sich kaum für den Menschen dahinter und seinen Wirkungsort Königsberg interessierten. Insofern schließen wir da auch eine Wissenslücke. Wir werden auch einiges zu seinen Zeitgenossen präsentieren. Kant war ein großer Verehrer Friedrichs des Großen und genoss es sehr, keinerlei Zensurvorschriften aus Berlin zu unterliegen. Das geschah erst unter dem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. 

Wir wollen auch zeigen, dass Kant nicht nur Ideen-Gebäude entwickelt hat, an denen niemand in der Philosophie vorbeikommt, sondern auch den Menschen in ihrem Alltag ganz praktische Anregungen gegeben hat, mit denen sich auseinanderzusetzen immer wieder lohnt – allen voran die Aufforderung, „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“, um der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu entfliehen – also ein starker Appell zu einer bürgerlichen Bildungsorientierung, die in den letzten Jahrzehnten bildungspolitisch fatalerweise ganz erheblich an Bedeutung verloren hat. 

Diesen Gedanken wollen wir auch in unserer Ausstellung mitgeben. Museumsbesuche sollen neugierig machen und auch immer anregen zum Selber- und Weiterdenken. Was bei Kant so wichtig war – Dinge anzustoßen, sich selbst über bestimmte Dinge Gedanken zu machen, das eigene Handeln zu reflektieren und sein eigenes Denken zu hinterfragen – das ist ein Kernpunkt unserer Ausstellung. 

Ihr Haus ist ja nicht nur Museum, sondern auch für seine regelmäßigen Veranstaltungen zur ostpreußischen Geschichte bekannt. Planen Sie in dieser Hinsicht zum Kant-Jubiläumsjahr weitere Aktivitäten? 

Wir werden sicherlich einige Vorträge und Lesungen zu Kant im Haus haben. Allerdings unterliegen auch wir als wesentlich vom Bund geförderte Einrichtung im Moment der vorläufigen Haushaltsführung und müssen deshalb mit konkreten Vereinbarungen noch etwas warten. 

Was wir unter anderem auch planen ist, Kant in den Kontext anderer historischer und aktueller Ereignisse zu stellen. So feiern wir in diesem Jahr auch den 75. Jahrestag des Grundgesetzes. Nicht nur dessen erster Artikel, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, lässt sich direkt mit Kant in Verbindung bringen. 

Wichtig ist mir zu betonen, dass es sich bei dem neuen Gebäude um einen Anbau, eine Erweiterung des Ostpreußischen Landesmuseums handelt, nicht um ein eigenes Kant-Museum. Wir erhoffen uns, über die Strahlkraft des Namens Immanuel Kant neue Zielgruppen für unser Haus zu erschließen. Aber unser Kernauftrag bleibt natürlich Ostpreußen, das noch so viel mehr zu entdecken bietet als eine Person, wenngleich diese fraglos eine Jahrhundertfigur ist.

Das Gespräch führte René Nehring.

• Dr. Joachim Mähnert ist seit 2009 Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums mit Deutschbaltischer Abteilung in Lüneburg. 
www.ostpreussisches-landesmuseum.de

 

• Hinweis: Dieser Beitrag erschien in der Beilage „Weltbürger aus Königsberg“ in PAZ 4/2024. Weitere Texte daraus sind:

René Nehring: Ein Weltbürger und seine Heimat
Warum Kants Werke zwar von globaler Bedeutung sind, jedoch nicht ohne des Philosophen Heimatstadt Königsberg und das sie umgebende Ostpreußen gedacht werden können

Christean Wagner: Kants Bedeutung für die Politik
Der Königsberger Philosoph gilt als einer der wichtigsten Denker der Aufklärung. Seine Schriften enthalten jedoch keineswegs nur Impulse für den akademischen Raum, sondern gerade auch ganz konkrete Anregungen für das Handeln politisch Verantwortlicher

Steffen Dietzsch: Der Menschen „Beruf zum freien Denken“
Kants zentrales Anliegen zur Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit war die Aufklärung. Doch was ist darunter zu verstehen? Gedanken zu einem grundlegenden Begriff in der Königsberger Kultur

Die ganze Beilage kann bezogen werden unter: redaktion@paz.de 

 

In Ausgabe 16/2024 erschien zudem zur Aktualität Kants: 

Manfred Geier: Eine tröstende Aussicht in die Zukunft
Vor 300 Jahren wurde Immanuel Kant in Königsberg geboren. In Zeiten neuer Kriege in Europa und in der Welt sind die Gedanken des Philosophen zu Frieden und Weltbürgertum heute aktueller denn j
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